52.4.1

Literatur:

„Es hat nur ein Wochenende in Berlin gedauert, um mich zu fühlen, als käme ich vom Dorf. Und plötzlich erscheint mir Tel Aviv nicht mehr sonderlich liberal. Das Erste, was mir ins Auge fällt, ist das Plakat von Heidi Klum für eine TV-Drag Show. Ihre Beine sind entblößt, ie beugt sich nach vorne und ich sehe nur einen Hintern. In Israel sind solche Anzeigen in ultra-orthodoxen Gegenden völlig zensiert.

Aber auch in Tel Aviv wird man eine solch exponierte Werbung nicht sehen. Dann kommt die Straßenbahn. Darauf Shir Elimeleh, ein schönes israelisches Model im Badeanzug, mit der Bildunterschrift: »Tel Aviv, Jerusalem – zwei sonnige Städte. Eine Pause«. Eine solche Werbung wäre in Jerusalem sofort ruiniert, bestenfalls druch Graffiti, schlimmstenfalls durch Verbrennung. Als Israelis haben wir uns an die Ultra-Orthodoxen angepasst. Ich schätze, man muss manchmal weggehen, um sein Zuhause auf andere Art und Weise zu betrachten.

Eines Morgens verlasse ich meine Wohnung in Kreuzberg und entdecke ein cooles Fotostudio auf der anderen Straßenseite. Ich öffne die Tür und sehe etwa 40 Männer ohne Hemd, die schwarze Geschirre tragen. Sofort schließe ich die Tür wieder. Ich dachte immer, ich wwäre sexuell aufgeschlossen, merke aber schnell, wieviel Scham sich in meinem Körper verbirgt. Meine Reaktion kommt mir beinahe frömmelnd vor, obwohl ich nicht religiös bin. In Israel ist es nicht akzeptabel, nackt am Strand oder vor der Familie zu sein. In der Praxis bin ich ausschließlich in zwei Situationen nackt: unter der Dusche und beim Sex. In Israel ist ein Körper immer noch etwas, das versteckt werden muss, als ob seine Zurschaustellung eine Einladung oder eine Botschaft darstellt.“

Burd, Anna (2020): Vor Gott sind alle nackt. Tagesspiegel, 12. Januar 2020, S. 25.




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