52.5.1 Kulturelle Spielregeln gewinnen ihre besondere Bedeutung, weil/wenn die Mitglieder einer Kultur ihre individuelle Identität aus der Zugehörigkeit zu diesem kulturellen System gewinnen.

Literatur:

„(…) Dem hörte Joseph mit einigem Ergötzen zu, das durch keinerlei Befremden über die grammatische Form beeinträchtigt wurde, in der Eliezer es zum besten gab, und dem jede Anstoßnahme fernblieb daran, daß des Alten Ich sich nicht als ganz fest umzirkt erwies, sondern gleichsam nach hinten überfloß und sich Erlebnisstoff einverleibte, dessen Erinnerungs- und Wiedererzeugungsform eigentlich und bei Sonnenlicht betrachtet die dritte Person statt der ersten hätte sein müssen. Was aber heißt denn hier »eigentlich«, und ist etwa des Menschen Ich überhaupt ein handfest in sich geschlossen und streng in seine zeitlich-fleischlichen Grenzen abgedichtetes Ding? Gehören nicht viele der Elemente, aus denen es sich aufbaut, der Welt vor und außer ihm an, und ist die Aufstelung, daß jemand kein anderer sei und sonst niemand, nicht nur eine Ordnungs- und Bequemlichkeitsannahmen, welche geflissentlich alle Übergänge außer acht läßt, die das Einzelbewußtsein mit dem allgemeinen verbinden? Der Gedanke der Individualität steht zuletzt in derselben Begriffsreihe wie derjenige der Einheit und Ganzheit, der Gesamtheit, des Alls, und die Unterscheidung zwischen Geist überhaupt und individuellem Geist besaß bei weitem nicht immer solche Gewalt über die Gemüter wie in dem Heute, das wir verlassen haben, um von einem anderen zu erzählen, dessen Ausdrucksweise ein getreues Bild seiner Einsicht gab, wenn es für die Idee der »Persönlichkeit« und »Individualität« nur dermaßensachiche Bezeichnungen kannte wie »Religion« und »Bekenntnis«.“

Mann, Thomas (1933):  Joseph und seine Brüder, Bd. 1, Die Geschichte Jaakobs.  Berlin (S. Fischer Verlag) 1967, S. 120f.




5 Gedanken zu „52.5.1 Kulturelle Spielregeln gewinnen ihre besondere Bedeutung, weil/wenn die Mitglieder einer Kultur ihre individuelle Identität aus der Zugehörigkeit zu diesem kulturellen System gewinnen.“

  1. „Das Zusammentreffen Ihrer Forschungen mit der Alchemie ist mir ein ernstes Symptom dafür, daß die Entwicklung auf ein engeres Verschmelzen der Psychologie mit der wissenschaftlichen Erfahrung der Vorgänge in der materiellen Körperwelt tendiert. Wahrscheinlich handelt es sich um einen längeren Weg, von dem wir nur den Anfang erleben und der insbesondere mit einer fortgesetzten relativierenden Kritik des Raum-Zeit Begriffes verbunden sein wird.
    Raum u. Zeit sind ja durch Newton quasi zur rechten Hand Gottes gesetzt worden ^b (pikanterweise an die leer gewordene Stelle des von ihm von dort vetriebenen Gottessohnes) und es hat einer außerordentlichen geistigen Anstrengung bedurft, Raum u. Zeit wieder von diesem Olymp herunterzuholen. Hand in Hand damit scheint eine Kritik der Grundidee der klassischen Naturwissenschaften zu gehen, wonach diese so weitgehend objektive Sachverhalte beschreibe, daß sie mit dem Forscher selbst prinzipiell überhaupt nichts zu tun hätten (Objektivierbarkeit der Phänomene unanabhängig von der Art, wie sie beobachtet werden).“

    Pauli, W: Briefe an C.G. Jung vom Dezember 1947 …,
    in Meier C.A. (Hg.) W.Pauli und C.G.Jung. Ein Briefwechsel 1932-1958,
    Berlin 1992, S. 36 ff

  2. „Third Culture Kids“
    fallen mir dazu ein ..

    andererseits leben auch Kinder aus „Monokulturen“ in verschiedenen Kulturen,
    der der Mutter, des Vaters, der Onkel, Tanten ..
    Sie alle kommen aus unterschiedlichen Familien mit deren eigener Kultur.

    Oder bei uns jetzt aktuell, Vater aus einem anderen deutschsprachigen Land als die Mutter, die Illusion der selben Sprache, weit gefehlt…

    Oder „Kultursprünge“ wie in den Emiraten
    beschrieben aktuell in „ Celestial Bodies“ von Jokha Alharthi

    Diese Gefühl der Verlorenheit ..

  3. „Serotonin“
    der aktuelle Roman von Houellebecq verhandelt dieses Thema.
    Geschichten vom vielfachen Scheitern, ohne Erlösung, in einer Kultur,
    in der soziale Identifikation nicht -mehr – gelingt…

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