52.9.4 fbs

Wie sich gesellschaftliche Konflikte zwischen tradierten Konventionen bzw. Regeln (teilweise in Gesetzen formalisiert und festgeschrieben) und der zum Teil gelebten Alltagspraxis (=informelle Regeln)  manifestieren und gelöst werden, war Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts an der Frage, ob Abtreibung gesetzlich erlaubt bzw. weiterhin verboten bleiben sollte. Dass immer schon in irgendwelchen Hinterzimmern und Engelmacherwerkstätten abgetrieben wurde, solange man zurückdenken kann, konnte auch damals nicht in Zweifel gezogen werden. Aber, da dies strafrechtlich geahndet werden konnte/musste, war es ein Tabuthema. Bis dann am 6. Juni 1971 in einer Titelgeschichte der Illustrierten STERN 374 (damals) prominente Frauen bekannten „Wir haben abgetrieben“.

Diese Aktion folgte ähnlichen Aktionen in Europa, z.B. in Frankreich.

Nun war öffentlich geworden, dass es neben den grammatischen Regeln schon lange eine informelle Praxis gab, die im Konflikt dazu lag.

Die Lösung für das Problem wurde in Form einer technischen Regel gefunden: Bis zum dritten Schwangerschaftsmonat blieb nach dem reformierten Abtreibungsparagraphen des Strafgesetzbuches Abtreibung straffrei, danach war es ein Straftatbestand.

Aus der Außenperspektive ist es natürlich ziemlich willkürlich, den Beginn des schützenswerten Lebens zeitlich zu definieren. Einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess in zwei Unterabschnitte zu zerhacken, in denen eine Tat vollkommen unterschiedlich bewertet werden soll.

Und – wie nicht anders zu erwarten – ist die Diskussion damit nicht beendet, sondern geht, wenn auch nicht mehr mit dem anfänglichen Eifer, weiter…

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