55.1 Definition: Wenn Prozesse zum Erreichen sachlicher Ziele/Zwecke, welche die wiederholte Koordination einer Vielzahl von Aktionen erfordern, strukturiert werden und soziale Einheiten – meist als juristische Personen – zu deren Durchführung geschaffen werden, dann sollen derartige soziale Systeme Organisationen genannt werden.

Wenn über Organisationen gesprochen wird, so ist damit üblicherweise (vor allem bei den nicht direkt in der Organisation arbeitenden Personen) die Idee der Rationalität von Organisationen verbunden. Die Zweckrationalität von Organisationen ist aber ein Mythos, der eng mit dem Ingenieurs- und Maschinenmodell verbunden ist. Denn schließlich baut man ja auch Maschinen und Apparate (Staubsauger zum Beispiel) als Mittel zum Zweck, damit sie tun, was man persönlich nicht tun kann oder mag (Staub saugen). Dass Organisationen oft zum Erreichen konkreter Ziele begründet und ins Leben gerufen werden, heißt aber nicht, dass sie rational in ihren Prozessen oder Mechanismen sind. Zum einen liegt das daran, dass es keine „einzige, beste“ allgemeinverbindlich rationale Struktur von sozialen Systemen gibt, zum anderen, dass trotz aller Planung von Abläufen, eine großer Teil organisationaler Prozesse selbstorganisiert entsteht und Organisationen – angesichts der Vielzahl beteiligter Akteure, Mitglieder, Stakeholder etc. immer Mittel zu höchst unterschiedlichen Zwecken sien können.

 

Literatur:

„Die meisten Organisationstheoretiker gehen davon aus, dass Organisieren unternommen wird, um die Zielerreichung voranzutreiben.“

Weick, Karl (1979): Der Prozeß des Organisierens. Frankfurt (Suhrkamp) 1985, S. 33.

„Dieses Konzept bedeutet nicht notwendigerweise, dass organisatorisches Handeln logisch oder vernünftig ist, sondern eher, dass es auf ein Ziel hin erdacht, gemeint, geplant, kalkuliert oder entworfen ist. Der Nachdruck liegt auf dem Gedanken, dass, was in einer Organisation geschieht, zu irgendeinem Zeitpunkt erwartet oder geplant worden ist.“

Weick, Karl (1979): Der Prozeß des Organisierens. Frankfurt (Suhrkamp) 1985, S. 36.

„Die Vorstellung eines Prozesses impliziert Unbeständigkeit. Wir bevorzugen eine Auffassung von Organisation, die davon ausgeht, dass Organisationen andauernd auseinanderfallen und deshalb beständig neu aufgebaut werden müssen. Prozesse müssen permanent neu verwirklicht werden. Die meisten Administratoren wissen das; die meisten Organisationsforscher müssen daran erinnert werden.“

Weick, Karl (1979): Der Prozeß des Organisierens. Frankfurt (Suhrkamp) 1985, S. 67.




19 Gedanken zu “55.1 Definition: Wenn Prozesse zum Erreichen sachlicher Ziele/Zwecke, welche die wiederholte Koordination einer Vielzahl von Aktionen erfordern, strukturiert werden und soziale Einheiten – meist als juristische Personen – zu deren Durchführung geschaffen werden, dann sollen derartige soziale Systeme Organisationen genannt werden.”

  1. Kennt Ihr Helme Heine ?
    „Wir können noch viel zusammen machen“
    das Huhn, das Schwein und der Fisch …

    so könnte man sich vorstellen, dass 3 Freunde zusammen etwas machen wollen ..
    und das Thema/ Ziel des gemeinsamen Tuns sekundär ist …

  2. oder ganz anders ..

    wenn wir Abschied nehmen von unserem zielgerichteten, sequentiellen, Zeit verbrauchenden, Denken und Handeln, uns an Muster erinnern, an Koppelungen,
    dann wäre vorstellbar, dass sich Strukturen bilden, vielleicht sogar zeitgleich ..

  3. @2: Das Ziel ist, etwas gemeinsam zu machen (Sozialdimension). Aber das ist üblicherweise Merkmal privater Beziehungen…

  4. @6
    In den meisten Fällen Geld.
    In vielen Fällen Macht, Einfluss, Ruhm.
    In einigen Fällen Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Solidarität, Humanität, Altruismus.
    In wenigen Fällen Terror, Zerstörung, Mordlust.

  5. @4 : wenn sich der Beruf wie eine Berufung anfühlt, läßt sich das Private denn dann so einfach von der Arbeit trennen?

    Vollzieht sich das, was das Leben ausmacht, nicht in einer fixen Kopplung, auch nach Freud? Die Liebe und die Arbeit läßt sich -sofern einem etwas am Herzen liegt, niemals trennen. Weshalb Marx ja auch so sehr auf die „entfremdete Arbeit“ abhebt.
    Nur, daß wir es mittlerweile -hinter bzw. unter der „unsichtbaren Hand des Marktes“
    -in der Sozialdimension- fast ausschließlich nur noch mit Selbstausbeutung zu tun haben.

    „In einer Beziehung hatte Marx vollkommen recht: Die logische Entwicklung des Kapitalismus ist der Sozialismus. Der Kapitalismus begann mit der Ausbeutung. Das ist das Gesetz, das anschließend die Entwicklung determinierte. Und der Sozialismus bringt die Ausbeutung an ihr logisches Ende und bleibt damit in gewissem Sinne ohne mäßigenden Einfluß. Was heute menschlicher Sozialismus genannt wird, meint nicht mehr, als daß diese grausame Entwicklung, die mit dem Kapitalismus begann und im Sozialismus weiterging, irgendwie durch Gesetze abgemildert wird.
    Dieser ganze moderne Produktionsprozeß ist tatsächlich ein Prozeß der schrittweisen Ausbeutung. Ich würde mich deshalb immer weigern, eine Unterscheidung zwischen beiden zu machen. Für mich ist es wirklich ein und dieselbe Bewegung. Und in dieser Beziehung hatte Karl Marx vollkommen recht. Er ist der einzige, der es wagte, diesen neuen Produktionsprozeß zu durchdenken – jene Produktionsvorgänge, die sich in Europa im 17., dann im 18. und schließlich im 19. Jahrhundert allmählich durchsetzten. […] Nur was am Ende dabei herauskommt, ist die Hölle, nicht das Paradies.“

    Hannah Arendt , im November 1972, aus dem Transkript der „Diskussion mit Freunden und Kollegen“, anläßlich einer Tagung der Toronto Society for the Study of Social and Political Thought („The Work of Hannah Arendt“)
    PIPER , ISBN 9 783492245913

  6. @8: Aus der Perspektive eines Individuums mag das so sein. Aus einer soziologischen Perspektive ist m. E. diese Unterscheidung sinnvoll.

  7. @10 Logisch!
    So mitten in bzw. an einer Birfurkation.
    Zudem: Zu soziologischen Perspektive braucht es immer zwei.
    (sofern man nicht gleich auf den Zug aufspringen möchte, „Wer bin ich und falls ja wie Viele“. Aber das führt auch unmittelbar auf eine Vielfalt individueller Nebengleise, deren Komplexität einen völlig anderen Ansatz erfordert)

    Wenn es sich nämlich irgendwann -in Reduktion der Reduktion begleitet von der Reduktion der Reduktion ….,
    um die Frage von „wer von den Beiden“ drehen sollte, dann führt auch keine Weg dran vorbei und da hilft auch Zwillingsforschung mehr weiter …
    sobald die (zwar verständliche, aber bodenlos unbeantwortbare Frage auftaucht:
    „Warum?“…

  8. „In arriving at proofs, I have often been struck by the apparent alignement of mathematics wich psycho-analytic theory. In each diszipline we attempt to find out, by mixture of contemplation, changes of presentation, communion and communication what it is we already know. In mathematics, as in other forms of self-analysis, we do not have to go exploring zhe physical world to find what we are looking for. Any child of ten who can multiply and divide, already knows, for example, that the sequence of prime numbers ist endless. But if he is not shown Euclid’s proof, it is unlikely that he will ever find out, before he dies, that he knows. “

    George Spencer-Brown, Laws of form, 2011, S. xvii

  9. @11: Der Hinweis Spencer-Browns auf die Ähnlichkeiten der von Mathematikern und Psychoanalytikern beschriebenen Strukturen, hat mich seit der ersten Lektüre der Laws of Form fasziniert (und letztlich zu den „Formen“ geführt).

  10. @11: „In mathematics, as in other forms of self-analysis“

    Bin ich eine Primzahl?
    Zudem außer 2 jede gerade Zahl als Summe zweier Primzahlen darstellbar ist und es vermutlich unendlich viele Primzahlzwillinge gibt, doch das ist nicht so in der menschlichen Psyche.

    SPON, Freitag, 05.01.2018 17:31 Uhr
    Elektroingenieur entdeckt Rekordprimzahl
    Ein Ingenieur aus Tennessee hat die größte bislang bekannte Primzahl aufgespürt. Sechs Tage brauchte sein Computer, um zu beweisen, dass der Zahlengigant mit 23 Millionen Stellen keine anderen Teiler hat als 1 und sich selbst.
    Die neue Rekordzahl beginnt mit der Ziffer 4. Dann folgen eine 6, eine 7 und mehr als 23 Millionen weitere Ziffern. Das Zahlenmonster ist die größte bekannte Primzahl, wie das Primzahlen-Forschungsprojekt „Great Internet Mersenne Prime Search“ (Gimps) auf seiner Webseite berichtet (https://www.mersenne.org/primes/press/M77232917.html). Wollte man die Zahl auf Papier der Größe A4 ausdrucken, bräuchte man knapp 8000 Seiten.

    Aufgrund diverser mathematischer Voraussetzungen handelt es sich um eine Mersenne-Primzahl, die in diesen düsteren Zeiten unser aller Selbstbewusstsein stärkt und uns Hoffnung auf eine Zukunft gibt, in der alles besser wird und wir zum Beispiel eine noch größere Primzahl finden können, die uns dann noch mehr Hoffnung gibt, zum Beispiel auf eine abermals größere Primzahl.

  11. @ 13: Um Himmels willen, was für ein Monster.

    Nun stellen Sie sich mal vor, lieber Michael, es gäbe für Sie als Primzahl -außer daß Sie sich gezwungen sähen. sich in irgendeiner Form in die Reihe von Primzahlen eingliedern zu müssen, um zu beweisen, daß Sie auch eine Primzahl sind und kein copy-paste-fake Clon- nur eine einzige Möglichkeit, sich auszuzeichnen, d.h. als „Ich bin ich“ und darüber hinaus bin ich so einzigartig, daß ich mich auch noch -immer und überall – als Primzahl darstellen und profilieren kann.

    Dann müßten Sie sich konsequenterweise
    1) selbst abgrenzen können (zumindest von ihrem allernächsten Nachbarn)
    und
    2) auch gewappnet sein, und zwar während Sie sich als Erstes -vom Ihrem Vorgänger, später in der Reihe vom Nachfolger – zu unterscheiden versuchen,
    daß sie -zumindest von ihrer allernächsten Umgebung- nicht als anderweitig teilbar und nicht als austauschbares, verwechselbares, geklontes und frei flottierendes Massenteilchen identifiziert werden.

    Wie machen Sie das?
    Sich -in authentischer Form- sich als etwas unverwechselbar Einzigartiges und Besonderes auszuweisen, ohne unmittelbar an der Gleichmacherei der endlosen Verkettung von Primzahlen zu scheitern?

  12. ja,
    die Perspektive, wie bei allen Unterscheidungen, ermöglicht diese, soziologische, Sichtweise auf die Organisation.
    Und was sich im Inneren der Organisation, des Systems, das wir Organisation nennen, abspielt, das interne soziale Mit- Gegen-einander, ist tatsächlich ein besonderes, auch anderes Thema.

    Die Ähnlichkeit der Struktur von Mathematik und Psychoanalyse habe ich dennoch noch nicht verstanden aus den obigen Aussagen …

  13. Siehe: Simon, F. B. (1994): Die Form der Psyche. Psychoanalyse und neuere Systemtheorie. Psyche 48, 1994, 50 – 79.

  14. @16
    „(1994). Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse, 48(1):50-79
    Die Form der Psyche. Psychoanalyse und neuere Systemtheorie
    Fritz B. Simon
    Die moderne Systemtheorie befaßt sich nicht mit besonderen Gegenständen, sondern mit der Form von Prozessen und Strukturen. Insofern ist sie geeignet, jenen Phänomenbereichen, mit denen die Psychoanalyse zu tun hat, einen einheitlichen Theorierahmen zu bieten. Der Autor stellt neuere systemtheoretische Modelle vor und weist deren grundlegenden erkenntniskritischen Charakter nach. Diese Modelle gehen von den Prozessen des Beobachtens aus und zeigen, daß in der Interaktion von Beobachtern – etwa Analytiker und Analysand -, die sich wechselseitig beim Beobachten beobachten, die Beobachtung das, was sie beobachtet, verändern oder stabilisieren kann. Für das Selbstverständnis der Psychoanalyse bleibt das nicht ohne Folgen: Sie kann nicht naiv ein Wissen im herkömmlichen Sinne anwenden, sondern muß dessen Selbstbezüglichkeit im Auge behalten, was seine »Anwendung« immer auch zur sozialen Intervention macht.“
    https://www.pep-web.org/document.php?id=psyche.048a.0050a

  15. @15 werner
    „Die Ähnlichkeit der Struktur von Mathematik und Psychoanalyse habe ich dennoch noch nicht verstanden aus den obigen Aussagen …“

    was verstehen Sie denn daran nicht?
    Zugestanden, das Ganze erscheint bisweilen etwas zu umfangreich und komplex, um all diesen Sinnspruchbänder schwingenden Neuroplastizitäten, die sich bemüßigt fühlen, noch in den allerletzten Großhirnwindungen rumzukraxeln auch nur annähernd gerecht zu werden.
    Aber ich vermute mal -so wie ich den Laden hier kenne-, daß das darauf rausläuft:

    „G.B. VIII / 47
    (Passphoto für den neuen „Arztausweis“)
    Ich trage jetzt bei mir:
    – 1 Registrierschein vom Arbeitsamt,
    – 1ne Tätigkeitsbescheinigung vom Gesundheitsamt
    – 1 Personalausweis vom Polizeirevier
    – 2 Typhusimpfscheine für die Kartenstelle,
    und nun noch:
    – 1 „Arztausweis“
    Alles dies braucht man, um bei Razzien nicht sofort aufgeladen zu werden.
    Überschrift: der Collectivbürger 1947. G.B.“
    Fischer ISBN 3-596-25701-8

    irgendwo muß dann auch mal Fünfe grade sein lassen können, sonst funktioniert das Ganze nicht.
    Den Daumen hoch oder runter ist beim Vor- oder Nachbeten sowieso wurscht …

    zumal dann, wenn es sich -vice versa- um den Supercode einer exklusiven Inklusion bzw. um eine Inklusive/Exklusion dreht.

    Das Ganze läuft ohnehin nur zweigleisig digital und analog, anders geht’s ja schließlich nicht, gemessen an lucky Luh’s … Systeme-in-ihren-Umwelten-Theorie …

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