55.4 Organisationen sind darauf angewiesen, dass autonome Akteure (=Mitarbeiter/Organisations-Einheiten) bereit sind, ihr Handeln an Zielen zu orientieren, die nicht ihre eigenen sind, d.h. ohne primäre, eigene Motivation zu handeln, und sich obendrein dabei in einen Kommunikations- und Interaktionszusammenhang zu fügen, über den sie nicht entschieden haben.

Auch hier wieder die so populäre Frage nach der Motivation der Mitarbeiter von Organisationen. Wenn man den Untersuchungen von Gallup folgt, dann haben zwei Drittel aller Mitarbeiter deutscher Unternehmen (und wahrscheinlich auch der Unternehmen anderer Länder) innerlich gekündigt. Die deutsche Wirtschaft funktioniert aber trotzdem. Das ist nur dadurch zu erklären, dass man keiner eigener intrinsischer Motivation bedarf, um seinen Job in einer arbeitsteiligen Organisation zu erfüllen, solange man bezahlt wird. Etwas anders stellt sich die Lage dar, wenn es um Non-Profit-Organisationen geht oder um ehrenamtliche Tätigkeiten. Denn hier erhält man oft kein Schmerzensgeld für langweilige oder wenig sinnstiftende Beschäftigungen, die über die Verschwendung er eigenen Lebenszeit hinwegtrösten könnte.

All das heißt aber nicht, dass es schaden müsste (weder ihnen noch der Organisation), wenn Mitarbeiter sich mit ihrer Organisation identifizieren und dort eine Arbeit erledigen, zu der sie persönlich auch motiviert sind.

Allerdings sei hier doch angemerkt, dass es riskant ist, seinen Lebenssinn in der Arbeit für eine Organisation zu sehen, der existenzsicherndes Funktionsprinzip ist, dass man  selbst austauschbar ist. Da bietet die Identifikation mit (s)einer Familie gewisse Vorteile, denn dort ist man nicht (oder zumindest viel weniger) austauschbar, da man nicht primär durch eine zu erbringende Funktion definiert ist. Das mag einer der Gründe sein, warum Frauen sich gegen eine Karriere in einer Organisation entscheiden, weil es für sie (noch) nur zu oft eine Entweder-oder-Entscheidung ist (Familie/Karriere), während Männer (noch) beides haben können (das sollte, um Mißverständnissen vorzubeugen, kein Plädoyer für den Status quo sein).

 

Literatur:

„Organisation ist, wie die Gesellschaft selbst und wie Interaktion
auch, eine bestimmte Form des Umgangs mit doppelter Kontingenz.
Jeder kann immer auch anders handeln und mag den Wünschen undErwartungen entsprechen oder auch nicht – aber nicht als Mitglied einer Organisation. Hier hat er sich durch Eintritt gebunden und läuft
Gefahr, die Mitgliedschaft zu verlieren, wenn er sich hartnäckig querlegt.
Mitgliedschaft in Organisationen ist mithin kein gesellschaftlich
notwendiger (obwohl heute in vielen Hinsichten fast unvermeidlicher)
Status. Mitgliedschaft beruht auf Mobilität, und Mobilität muss gesellschaftlich
zugelassen sein. Sie wird durch Entscheidung (und hier
typisch: eine Kombination von Selbstselektion und Fremdselektion) erworben
und kann durch Entscheidung (hier wieder Austritt oder Entlassung)
verloren gehen. Sie betrifft auch nicht, wie in mittelalterlichen
Korporationen (Städten, Klöstern, Universitäten usw.), die gesamte
Person, sondern nur Ausschnitte ihres Verhaltens, nur eine Rolle neben
anderen“

Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp) S. 829.




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