55.4.1 Mit der Entscheidung einer Organisation beizutreten entscheidet (=verpflichtet) sich das Mitglied bestimmte Spielregeln zu akzeptieren und seinen eigenen, verhaltensbestimmenden Entscheidungen innerhalb der Organisation zugrunde zu legen (=Entscheidungsprämissen).

Wer einer Organisation beitritt (z.B. einen Arbeitsvertrag unterschreibt), gibt – mehr oder weniger freiwillig – einen Teil seiner Freiheitsrechte auf. Er oder sie erklärt sich bereit, sich an die expliziten oder implizten Spielregeln der Organisation zu halten. Das betrifft vor allem die Notwendigkeit Entscheidungen anderer zu akzeptieren und sich ihnen gegebenenfalls unterzuordnen. Die Kommunikation von Entscheidungen, an die sich andere Entscheidungen anschließen, ist die spezifische Weise des Selbsterhalts von Organisationen (=Aufrechterhaltung der Autopoiese) – oder auch des Wegs in den Abgrund, wenn die Entscheidungen dysfunktionell sind. Wer diese Entscheidungen trifft bzw. empfängt und ob diese Entscheidungen durch einen Teamprozess (z.B. mit Hilfe von Design-Thinking-Techniken o.Ä.) getroffen wurde oder von einem einsam entscheidenden Patriarchen, ist dabei im Prinzip egal. Allein von Bedeutung ist, dass der Anschluß von Entscheidungen an Entscheidungen die Organisation als abgegrenzte Einheit erhält (oder auch nicht, wie etwa bei Fusionen, Mergers oder Übernahmen – von Pleiten gar nicht zu sprechen).

 

Literatur:

„Da Mitgliedschaften durch Entscheidungen begründet werden und das weitere Verhalten der Mitglieder in Entscheidungssituationen von der Mitgliedschaft abhängt, kann man Organisationen auch als autopoietische Systeme auf der operativen Basis der Kommunikation von Entscheidungen charakterisieren. Sie produzieren Entscheidungen aus Entscheidungen und sind in diesem Sinne operativ geschlossene Systeme. In der Form der Entscheidung liegt zugleich ein Moment struktureller Unbestimmtheit. Und da jede Entscheidung weitere Entscheidungen herausfordert, wird diese Unbestimmtheit mit jeder Entscheidung reproduziert. […] Organisationen erzeugen Entscheidungsmöglichkeiten, die es anderenfalls nicht gäbe. Sie setzen Entscheidungen als Kontexte für Entscheidungen ein. An die Entscheidung über Mitgliedschaft können Unmengen anderer Entscheidungen angeschlossen werden. Man kann Weisungsunterworfenheit vorsehen, Arbeitsprogramme festlegen, Kommunikationswege vorschreiben, Personaleinstellungen und Personalbewegungen regulieren, und all das in allgemeiner Form, die dann situativ in Entscheidungen umgesetzt wird.“

Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frnkfurt (Suhrkamp), S. 830.

„Jeder kann immer auch anders handeln und mag den Wünschen und Erwartungen entsprechen oder auch nicht – aber nicht als Mitglied einer Organisation. Hier hat er sich durch Eintritt gebunden und läuft Gefahr, die Mitgliedschaft zu verlieren, wenn er sich hartnäckig querlegt. Mitgliedschaft in Organisationen ist mithin kein gesellschaftlich notwendiger (obwohl heute in vielen Hinsichten fast unvermeidlicher) Status. Mitgliedschaft beruht auf Mobilität, und Mobilität muss gesellschaftlich zugelassen sein. Sie wird durch Entscheidung (und hier typisch: eine Kombination von Selbstselektion und Fremdselektion) erworben und kann durch Entscheidung (hier entweder Austritt oder Entlassung) verloren gehen.“

Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frnkfurt (Suhrkamp), S. 829.




2 Gedanken zu „55.4.1 Mit der Entscheidung einer Organisation beizutreten entscheidet (=verpflichtet) sich das Mitglied bestimmte Spielregeln zu akzeptieren und seinen eigenen, verhaltensbestimmenden Entscheidungen innerhalb der Organisation zugrunde zu legen (=Entscheidungsprämissen).“

  1. Beurteilen Sie die genannten Design-Thinking-Techniken als punktuelle Innovations-Methode oder als längerfristige Management-Methode mit dem Ziel der Transformation der Unternehmenskommunikation und der Entwicklung einer neuen Haltung (heute: eines neuen Mindsets) der autonomen Akteure?
    Was bedeutet das für die Entscheidungsprämissen, denen sich die Mitglieder von solchen Organisationen unterwerfen? Denn ich stimme folgender Aussage nicht zu, „ob diese Entscheidungen durch einen Teamprozess (z.B. mit Hilfe von Design-Thinking-Techniken o.Ä.) getroffen wurde oder von einem einsam entscheidenden Patriarchen, ist dabei im Prinzip egal“. Übergeordnet bleibt es trotz Kundenorientierung beim vorgegebenen Grundsatz der Gewinnmaximierung und bei den vorgegebenen Eigentumsverhältnissen. Die Freiheiten der autonomen Akteure gehen weder beim agilen Arbeiten noch bei Design-Thinking-Techniken so weit, dass entschieden wird, im Interesse der Kunden die Preise zu senken, die Produkte zu verschenken oder den Gewinn komplett an die Mitarbeiter auszuschütten.
    Mit der Entscheidung, einer Organisation beizutreten verpflichtet sich das Mitglied, die Spielregel zu akzeptieren, dass er seine Arbeitskraft verkauft, aber keinen Eigentumsanspruch an den damit erwirtschafteten Werten erwirbt. Anders verhält es sich bei selbstständigen Dienstleistern, die teilweise die Verwertungsrechte an ihren Dienstleistungen behalten, z. B. bei Autoren oder Grafikern durch das Urheberrecht.

  2. das mit den „Verwertungsrechten“ an den eigenen Dienstleistungen sollte im Grunde bei Selbständigen eine Selbstverständlichkeit sein. Problematisch kann dies z.B. bei Künstlern dann werden, wenn vertraglich der Alleinvertretungsanspruch eines Unternehmens bzw. einer Organisation oder auch einer Partei zum Zwecke der Vermarktung dazwischengeschaltet worden ist.
    Whistleblower haben es ohnehin schon verdammt schwer, interne Mißstände in Unternehmen und Organisationen anzuprangern. Umso schwerer wird es jedoch für Künstler ihre Rechte zu wahren. Künstler die z.B. für eine Firma ein Logo entworfen, als Journalist bzw. Schriftsteller Zeitschriftentext verfasst und/oder einen Film gedreht und diesen mit dem entsprechenden Sound unterlegt haben, wenn starke, oft auch mafiös organisierte Lobbyverbände die Inhalte mißbrauchen, um sich und ihre miesen bis verbrecherischen Taten manipulativ „rein“ zu waschen.

    Noch gibt es kein wirksame Whistleblower-Gesetzgebung, die „Rechtgläubige“ (Vorsicht!
    > ein Stolperstein!), die hierzu einwandfreien Schutz bieten könnte. Und zwar so einwandfrei, daß Künstler, die zu ihrem Recht kommen wollen nicht unmittelbar vor die Wand laufen, existentiell, wenn sie ihre Handwerkskunst auch über lobbypolitisch aktive Großkonzerne ohne reine Westen vermarkten .
    🦍🐊👩🏼‍🎨

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