59.3 fbs

Lose Kopplung oder besser noch: totale Entkopplung, um nicht zu sagen: Bindungslosigkeit, sind die Charakteristika von Märkten, die sowohl deren Funktionalität wie Dysfunktionalität hervorbringen.

Die den Markt als soziales System definierenden Kommunikationen (=Transaktionen) können völlig isoliert voneinander stattfinden, d.h. einer Transaktion muss keine zweite folgen. Wer einmal bei einem Händler Tomaten kauft, muss nie wieder überhaupt Tomaten kaufen. Und auch die Teilnehmer an der Kommunikation brauchen nur einmal miteinander zu kommunizieren, wenn gekauft und verkauft wird bzw. gezahlt und kassiert wird, d.h. wer einmal bei einem bestimmten Händler seine Tomaten kauft, kann sie in Zukunft woanders kaufen.

Die Beteiligten brauchen keine gemeinsame Geschichte, brauchen im Prinzip nichts voneinander zu wissen, müssen keime emotionale Bindung entwickeln und können sich als Personen gegenseitig vollkommen gleichgültig sein. Und auch die Geschichte der gehandelten Waren und des Geldes, mit dem sie bezahlt werden, spielt keine Rolle für die Transaktion (kann aber eventuell für das Rechtssystem, das die Freiheit des Marktes durch Regeln einschränken kann, von Bedeutung sein). Ob eine Ware vom Lastwagen gefallen ist oder im Schweiße irgendeines Angesichts hergestellt wurde, braucht den Käufer nicht zu scheren, solange er sich mit dem Verkäufer auf einen Preis einigen kann.

Die Genialität und die potentiell demokratisierende Wirkung von Märkten ist, dass jeder, der über Geld oder eine handelbare Ware verfügt, Zugang hat. Das ist ein großer Unterschied gegenüber sozialen Strukturen bei denen man in eine bestimmte gesellschaftliche Position hineingeboren wird und die eigene Versorgung mit Gütern von dieser Stellung abhängt (z.B. Stammesgesellschaft oder Feudalsystem).

Das Problem und die mögliche dysfunktionelle Wirkung von Märkten (soziale Bindungslosigkeit und, meist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit damit verbunden: Verantwortungslosigkeit) ist gewissermaßen die andere Seite derselben Medaille: Wo man Märkten die Entscheidung überlässt, wer was tun kann und soll, wie Ressourcen allociert werden usw., ist die Relevanz von Entscheidungskriterien, die jenseits des Preises liegen, reduziert. Wenn, beispielsweise, Gerichtsurteile versteigert würden, dann bekämen reiche Leute immer „ihr“ Recht (was sie heute wenigstens nicht immer und zwangsläufig erhalten).

Wo Politiker den Märkten die Steuerung der Gesellschaft überlassen (Stichwort: Deregulierung), betreiben sie – ob ihnen das bewusst ist oder nicht – das Geschäft derer, „die haben“.

Dass man als Teilnehmer an einem Mark versuchen muss, dem Prinzip der totalen Austauschbarkeit (=des totalen Wettbewerbs) etwas entgegen zu setzen, um seine eigene Besonderheit (=Nicht-Austauschbarkeit) zu demonstrieren und zu zelebrieren, führt auf der einen Seite zu Bemühungen um, beispielsweise, Kunden- oder Mitarbeiterbindung, auf der anderen Seite – bezogen auf Individuen – zu einem Ego-Kult und der Pflege des Narzissmus, wenn man sich selbst als Überlebenseinheit definiert und, um unabhängig zu bleiben und den Erfolg zu sichern, möglichst gute „Deals“ machen muss/will.

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