6.1.3 Beobachten 2. Ordnung ist darauf angewiesen, dass sowohl Innenseite des Beobachters 1. Ordnung als auch seine Außenseite (Umwelt/Kontext) der Beobachtung zugänglich sind und zueinander in Beziehung gesetzt werden können (im Beobachten 2. Ordnung).

Der Beobachter 2. Ordnung muss sich also in einer Außenposition sowohl gegenüber dem Beobachter 1. Ordnung als auch dem vom Beobachter 1. Ordnung beobachteten Gegenstand befinden – wenn auch vielleicht nur fiktiv oder hypothetisch. Im Fall der Selbstbeobachtung geschieht das im besten Fall erst dann, wenn ein Individuum in seiner kognitiven Entwicklung in der Lage ist, sich nicht nur in die Position seines Gegenübers zu versetzen, um dessen Erleben empathisch nachzuvollziehen, sondern wenn er oder sie fähig ist, aus einer fiktiven Außenperspektive auf das Interaktions- oder Kommunikationsmuster zu schauen, an dessen Herstellung er oder sie beteiligt ist. Tatsächlich soll es ja möglich sein, auf sich, das soll in dem Fall heißen: den eigenen Körper, von außen zu schauen, wenn es zu Nahtoderfahrungen kommt (wenn man z.B. ganz entspannt von außen auf die Ärzte schaut, die verzweifelt versuchen, den eigenen Körper zu reanimieren, d.h. die Seele wieder in den Körper zurück zu holen, den sie schon verlassen hat, um von oben zuzuschauen – ob das wirklich so abläuft, kann ich nicht aus eigener Erfahrung beurteilen – aber es wäre sicher eine Außenperspektive, die der wörtlichen Bedeutung entspricht).

Die Undurchschaubarkeit der Psyche des Individuums für einen außenstehenden Beobachter ist einer Gründe, warum (z.B.) Familientherapie einfacher durchzuführen ist als eine Einzelpsychotherapie. Die Spielregeln der familiären Interaktion können hingegen von außen beobachtet werden, so dass auch die Beobachtung der Familie beobachtet werden kann (d.h. ihre Reaktionen auf irgendwelche äußeren Ereignisse).




4 Gedanken zu “6.1.3 Beobachten 2. Ordnung ist darauf angewiesen, dass sowohl Innenseite des Beobachters 1. Ordnung als auch seine Außenseite (Umwelt/Kontext) der Beobachtung zugänglich sind und zueinander in Beziehung gesetzt werden können (im Beobachten 2. Ordnung).”

  1. „Die Undurchschaubarkeit der Psyche des Individuums für einen außenstehenden Beobachter ist einer Gründe, warum (z.B.) Familientherapie einfacher durchzuführen ist als eine Einzelpsychotherapie. “

    Einfacher? Wirklich?
    … durch den Einweg-Spiegel geschaut?

    und kein bißchen Sehnsucht in der Tiefe seines/ihres Herzens dabei, irgendetwas anzuregen, bzw. auch -gestaltend- zu bewegen?

  2. „„Eine fröhliche Kindheit war es gewiß nicht. Das Klima und vor allem die häusliche Atmosphäre waren nicht danach. Paul Claudel hat die Stimmung in Villeneuve mit jener der Sturmhöhe verglichen. Im Hause wütete der Sturm „Jeder stritt mit jedem in dieser Familie“. Louis- Prosper, außer Haus die Liebenswürdigkeit in Person, ließ daheim seinem cholerischen Temperament freien Lauf. Dabei war er kein Unmensch. Er war geprägt von dem, was dem Bürgertum als Tugend galt: vor Geld hatte er eine geradezu atavistische Hochachtung, nichts verabscheute er mehr als Verschwendung. „Frucht von Unordnung und Unerzogenheit“ wie er es nannte; doch geizig war er nicht; so verkaufte er großzügig Wertpapiere, als es darum ging, seine Familie in Paris anzusiedeln oder seine älteste Tochter finanziell zu unterstützen. Wenngleich autoritär, war er, wenn es ums Wesentliche ging, absolut kein Tyrann, ganz im Gegenteil; er widersetzte sich in keiner Weise den nicht alltäglichen Berufungen seiner Kinder, ein bemerkenswerter Zug bei einem Provinzbeamten. Zu den ersten Werken seines Sohnes äußerte er sich in Briefen erstaunlich scharfsinnig. Er akzeptierte es, daß seine älteste Tochter ihre geballte Energie nicht der Kochkunst sondern der bildenden Kunst widmete; er war es auch, der ihr den Weg in die künstlerische Laufbahn ebnete.“

    Reine-Marie Paris
    Camille Claudel
    1864-1943
    S. Fischer 1989, S. 23
    (Deutsch von Anette Lallemand)

  3. Sehr schönes Zitat, danke !

    Wenn Personen sich im Miteinander zeigen, wie sie miteinander umgehen …
    Auch Yalom beschreibt das in seinen Romanen.

    Nicht der tiefe Blick in die Untiefen der Psyche …, diese „schwankenden Gestalten“ …

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