6.3.1 Selbstbeobachtung setzt die beobachterinterne Operation des Unterscheidens zwischen dem Beobachter selbst und dem Rest-der-Welt voraus.

Wenn der Beobachter sich gewissermaßen von außen beobachtet, schafft er eine Form der Selbstbezüglichkeit: Wenn er versucht, sich selbst zu erkennen, wird er immer auch diesen Versuch zum Gegenstand seines Versuchs machen müssen, was ihn letztlich in einen unendlichen Regress führen könnte (aber, da er – bzw. wir – ja alle viel zu träge sind, um logisch konsequent zu denken, stellt das  pragmatisch kein Problem dar). Allerdings ist die Folge dieser Selbstbezüglichkeit, dass ein gehöriges Maß an Mißtrauen allen Versuchen der Selbstbeobachtung oder gar -erkenntnis gegenüber angebracht ist. Selbstkritik muss daher wohl stets ein nicht zu unterschätzender Bestandteil jeder Selbstbeobachtung sein.




8 Gedanken zu „6.3.1 Selbstbeobachtung setzt die beobachterinterne Operation des Unterscheidens zwischen dem Beobachter selbst und dem Rest-der-Welt voraus.“

  1. Oh ja,
    … und die Selbstbezüglichkeit wiederum in Selbstkritik zu verpacken -vor allem dann, wenn einen bereits die Aura eines zu Kult geronnenen Meisters umrankt, dürfte nicht so ganz unanstrengend sein.

    “ Ich gehorche nicht meinen Modellen, sondern der Natur.

    Meine Zunftgenossen haben zweifellos ihre Gründe, so zu arbeiten, wie sie es eben geschildert haben. Durch diese Vergewaltigung der Natur, indem sie lebendige Menschen wie Puppen behandeln, laufen sie Gefahr, künstliche und tote Werke hervorzubringen.

    Ich bei meiner unaufhörlichen Jagd nach Wahrheit und bei meinem beständigen Erforschen aller Regungen des physischen Lebens, werde mich wohl hüten, ihrem Beispiel zu folgen. Ich entnehme alle Bewegungen, die ich beobachte, dem wirklichen Leben, an ihrem Enstehen aber bin ich völlig unbeteiligt.

    Selbst wenn der Vorwurf, an dem ich arbeite, mich zwingt, von meinem Modell eine ganz bestimmte Haltung zu fordern, so äußere ich natürlich genau meine Wünsche, vermeide es jedoch sorgfältig, das Modell auf mechanische Weise in Stellung zu bringen, denn ich will nur das darstellen, was die Wirklichkeit mir freiwillig zeigt.“

    AUGUSTE RODIN, DIE KUNST

    GESPRÄCHE DES MEISTERS
    GESAMMELT VON PAUL GSELL
    Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig
    1912
    S. 35

  2. Selbstbeobachtung erfordert Selbstkritik, doch die fällt einem oft schwerer als Selbstmitleid oder (noch beliebter) Fremdkritik (schuld sind immer die anderen), weil Selbstkritik das eigene Ego ankratzt. Deshalb kultivieren viele diese von Form von Heuchelei und sehen sich bei der Selbstbeobachtung so, wie sie sich akzeptabel finden.
    Selbstkritisch reflektierte Selbstbeobachtung erfordert dagegen Selbstmisstrauen gegenüber naheliegendem Selbstbetrug. Die Selbsttäuschungsmechanismen sind von Kindheit an meist recht gut entwickelt (ich war’s nicht). Sie funktionieren, ohne dass man merkt, wie man sich zum eigenen Nachteil selbst in die Tasche lügt.

  3. @2
    „Selbstkritisch reflektierte Selbstbeobachtung“ dabei scheint es mir eher um Beobachtung meiner Selbst aus der Perspektive meines Selbst zu gehen…
    Diese Selbstkritik, so denke ich, wird uns sehr früh in unserer Kindheit beigebracht
    oder auch nicht, mit entsprechend unterschiedlichen Ergebnissen der Selbsteinschätzung.

    @6.3.1
    „Selbstbeobachtung setzt die beobachterinterne Operation des Unterscheidens zwischen dem Beobachter selbst und dem Rest-der-Welt voraus.”

    und damit für das Selbst die Frage „stimme ich mit der Beobachtung des Restes der Welt bezüglich meiner Person überein oder sehe ich mich different“ ?
    und weiter,
    welche sozialen Handlungsoptionen ergeben sich wenn meine Selbstbeobachtung von der des Restes der Welt differiert bzw. übereinstimmt.

    Dazu heute ein Artikel in der FAZ von Sandra Kostner: „Schuld und Sühne“
    Der Artikel hätte auch betitelt sein können
    „Wie verliere ich meine Autonomie als Individuum ?“
    oder
    was habe ich davon wenn ich die Fremdbeobachtung meiner Person als eigene Beobachtung übernehme, wem spiele ich da den Ball zu und welche Vorteile/ Nachteile habe ich ?

  4. nicht nur die Unterscheidung des Beobachters vom Rest der Welt,
    auch die differenzierende Unterscheidung von Organismus, Psyche und Sozialem vom Rest der Welt.

    Wir sind der Meinung, die Grenze unseres Körpers sei unsere Haut, die oberste Zellschicht. Wir reinigen die Haut mit basichen Seifen, töten, besonders im Krankenhaus, Microorganismen, die mit uns in Symbiose leben…, entfernen Hautfette auf unserer äußeren Oberfläche und Schleimstoffe auf unserer inneren Oberfläche.
    Wir verletzen unsere Grenze aus Unwissen über diese Grenze und wundern uns über immunologische Probleme…

  5. Psyche

    die Antwort auf die Frage, wo die Grenze der eigenen Psyche ist, kann lauten, dort wo auch die somatische Grenze der Psyche ist, das entspricht jedoch nicht dem Phänomenbereich Psyche.
    Hier möchte ich anknüpfen an das was FBS zu psychischen Grenzüberschreitungen in „Unterschiede die Unterschiede machen“ schreibt…

    Ich meine es jedoch erst seit einem eigenen Erleben einer psychischen Grenzüberschreitung zu verstehen:
    Mir gegenüber hat jemand sein Mitgefühl ausgedrückt in einer Situation, die für mich psychisch relevant war, und der Kommentar war sehr bemüht, emphatisch gemeint, und es war in meiner Wahrnehmung genau falsch was der/ die zu mir gesagt.
    Ich wurde verbal ziemlich sauer, und meine Begleitung und auch ich war sehr erstaunt über meine heftige Reaktion.

    Heute, nachdem ich den obigen FBS Satz gelesen habe, kommt mir diese Situation wieder in den Sinn und ich meine jetzt meine Reaktion als Reaktion auf eine psychische Grenzverletzung zu verstehen.

    Bei wichtigen sozialen Ritualen wie Geburten, Hochzeiten, Beerdigungen ist es üblich formelhaft Worte, Sätze der Empathie zu benutzen oder eben nur Blicke, ein Kopfnicken oder eine Berührung.
    Das hilft psychische Grenzverletzungen zu vermeiden.

    Ganz schlimm ist, wenn auch verständlich in unserer Kultur, die Empathie so positiv betont,
    wenn jemand empathisch behauptet „ich weiß wie Du Dich jetzt fühlst“ …

  6. … auch nichts andres als „gut gemeint“ …

    Das Schlimmste daran ist, man kann und mag es ihnen
    noch nicht einmal
    übel nehmen;
    selbst dann nicht, wenn sie sich mit ihren buttersauren Schwitzehändchen nähern,
    um sich in noch so unbeholfenen Formen erkenntlich zu zeigen.

    Moralinsaure Ansätze sind einfach derart ekelhaft, daß es einen nahezu schüttelt und
    zum Übergeben zu treiben scheint …

    „If laws and penalties are adequate, there can be no need of a second system of prohibitions, called morality, which, unbacked by law, is merely used by the unscrupulous to exploit the gullible.“

    GSB, A Lion’s Teeth
    ISBN 978-3-890-287-2
    FN 31 (-44 auf Deutsch)
    S. 152 ff

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