6.3.2 Auch, wenn es aus der Perspektive der Beobachtung 2. Ordnung materiell vorgegeben erscheinen mag zwischen Beobachter und Rest-der-Welt zu unterscheiden, ist es nicht selbstverständlich, dass dies auch vom Beobachter selbst bzw. in der Beobachtung 1. Ordnung so vollzogen wird.

Der durchschnittliche (unverbildete) Beobachter reflektiert die Beziehung zwischen sich selbst und dem beoachteten Objekt in der Regel nich oder nicht systematisch, d.h. er denkt sich aus dem Prozeß der Beobachtung nur zu gern weg.

Vor allem in Bezug auf die Abgrenzung zwischen Beobachter und beobachtetem Gegenstand gibt es die Möglichkeit unterschiedlicher Grenzziehungen zwischen innen und außen. So kann sich der eine nicht von seinem Auto getrennt erleben, d.h. hat es in sein Selbstbild integriert, der andere kann oder will nicht zwischen sich und seiner Partei unterscheiden. Und in symbiotischen Paar-Beziehungen ist die Unterscheidung zwischen Ich und Du manchmal auch nicht so klar, vor allem im Blick auf die Frage, wer wen beobachtet und wie das gegenseitige Beobachten beide beeinflußt. Es stellt sich ja generell – aus der Perspektive der Beobachtung 2. Ordnung – die Frage, ob bzw. wann die Trennung zwischen Beobachter und beobachtetem Gegenstand nützlich ist, d.h. ob nicht immer die zu beobachtende Einheit aus beidem bestehen müsste: dem Beobachter und dem beobachteten Objekt.

In der Entwicklungspsychologie (zumindest der psychoanalytisch inspirierten) geht man davon aus, dass das kleine Kind (als Beobachter) noch nicht zwischen sich und dem Rest der Welt unterscheiden kann.

Literatur:

„Die Bezeichnung »Symbiose« stellt in diesem Zusammenhang eine Metapher dar. Anders als beim biologischen Symbiosekonzept beschreibt sie nicht, was tatsächlich zwischen zwei getrennten  Individuen verschiedener Spezies zu beiderseitigem Nutzen vor sich geht. Sie beschreibt jenen Zustand der Undifferenziertheit, der Fusion mit der Mutter, in dem das »Ich« noch nicht vom »Nicht-Ich« unterschieden ist und Innen und Außen erst allmählich als verschieden empfungen werden.“

Mahler, Margaret S., Fred Pine, Anni Bergamm (1975): Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation. Frankfurt (S. Fischer) 1978, S. 62




11 Gedanken zu “6.3.2 Auch, wenn es aus der Perspektive der Beobachtung 2. Ordnung materiell vorgegeben erscheinen mag zwischen Beobachter und Rest-der-Welt zu unterscheiden, ist es nicht selbstverständlich, dass dies auch vom Beobachter selbst bzw. in der Beobachtung 1. Ordnung so vollzogen wird.”

  1. Das kann man auch in der nicht psychoanalytisch orientierten Entwicklungspsychologie beobachten. Die Objektpermanenz ist eine geistige Konstruktion, sonst bräuchte sie sich ja nicht e n t w i c k e l n. Wenn diese objektive Statik offensichtlich geistige Konstruktion ist, dann braucht man sich ja nicht zu wundern, wie das Bild einer statischen Welt entsteht und wo. Die Objektpermanenz ist höchst erstaunlich. Was das mit Psychoanalyse zu tun hat, weiß ich nicht …

  2. @1
    Objektpermanenz „geistige Konstruktion“
    was ist das ?
    wie geht das, dieses geistige Konstruieren ?

  3. @1: Die Psychoanalytiker sind nicht die einzigen, die das beschreiben, aber neben Piaget und seinen Schülern/Mitarbeitern wohl diejenigen Forscher, die am meisten Mühe in die Beantwortung derartiger Fragen gesteckt haben und ziemlich viel dazu publiziert haben (was ich kenne – was natürlich kein Kriterium objektiver Wichtigkeit ihrer Arbeiten ist).

  4. Selbstverständlich ist „Objektpermanenz“ ein stetiges (sich) immer wieder e n t w i c k e l n. Nur bedeutet das n i c h t, daß sich alles – schmerzfrei und ohne tief empfundenes Leid- gemäß den eigenen Wunschvorstellungen entwickelt.

    Um nicht getrieben zu sein und quasi willenlos mitgeschleift zu werden, muß man schon aus einer inneren Haltung heraus K o n s e n s gehen wollen mit dem bewegten Leben insgesamt. mit dem Dialogischen, der Brandung des Anflutens und wieder Abschwellens, eines stetigen Ringens um Ausdruck dessen, was im Werden und Vergehen gründet.

    Künstler wissen das und auch wir es instinktiv. Kinder wissen es sehr früh und gehen auch unbefangen mit niemals klar u Erfassenden bis gänzlich Unfassbarbaren um, sofern sie nicht durch Zucht- und Züchtigungsmaßnahmen der unmittelbaren Umgebung wie man sie in „Trivialisierungsanstalten“ verbildet vorfindet.

    „Wie ist das klein, womit wir ringen,
    was mit uns ringt, wie ist das groß;

    https://www.youtube.com/watch?v=3YUEcbJcx1k

    Rainer Maria Rilke
    „Der Schauende“

    https://www.youtube.com/watch?v=o6OSA-MaAXA

  5. @2) https://de.wikipedia.org/wiki/Objektpermanenz#cite_note-1

    Es ist jedoch mE Unsinn, dass bereits bei 3,5 Mo alten Kindern „Objektpermanenz“ vorhanden wäre. Es wird hier jene Zeit gemessen, die ein so kleines Kind etwas anschaut und dann berechnet, ob es signifikant länger hinschaut, wenn etwas „Unerwartetes“ passiert. Hier geht es mE nicht um Objektpermanenz, sondern um Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ob ein Kind meint, dass ein Objekt auch dann existiert, wenn es verdeckt ist, zeigt sich in seinem Verhalten. Es macht keinen Sinn, hier eine Wahrscheinlichkeitsrechnung anzustellen. Zudem ist der Zeitpunkt von Kind zu Kind verschieden. Aber – es geht darum, dass wir meinen (!), dass ein Objekt auch dann weiter existiert, wenn es gerade nicht sichtbar oder greifbar ist. Es könnte sich ja auch in Luft auflösen, verdampfen, verpuffen …

  6. Wer sich nicht von seinem Auto getrennt erleben kann, dürfte nach meiner Auffassung von Identität kein intaktes Selbstbild aufweisen, sondern ein defizitäres, da das Auto möglicherweise der Ersatz für ein vermisstes Element der Identität darstellt.

  7. Easy Rider ..
    nur waren es da Motorräder

    und jetzt Elektro – Roller

    endlich ein Ganzheitsgefühl ..
    und auch noch ökologisch abgesichert.

  8. @5: Die „Fusion von Auto und Selbst“ war zwar von mir scherzhaft gemeint, aber ich denke, dass über Jahrzehnte die Autoindustrie davon gelebt hat, dass von vielen Besitzern der dicke Wagen zum Teil des eigenen Selbst umfunktioniert wurde. Beim Autofahren – und das ist jetzt nicht scherzhaft gemeint – wird der Wagen bzw. sein Umfang ja auch in das Körperschema einbezogen, um Unfälle zu vermeiden. Ein interessante Fähigkeit, nebenbei bemerkt. Und wenn man sich den Fahrstil von Besitzern solcher Karren anschaut, so dürfte in deren Erleben das eigene Selbstbild und wahrscheinlich auch der eigene Selbstwert durch solch ein Gefährt eine gewisse Blähung erfahren.

  9. Ich denke, daß das auch für Kleidung zutrifft.

    Wenn ein Kleidungsstück wie angegossen sitzt, dem Träger gut steht,
    wie für ihn gemacht ist ..
    das zeigt sich dann auch in der Bewegung des Trägers, entspannt, authentisch …

    oder es passt nicht, fühlt sich fremd an , verkleidet …

  10. @7: Daher wohl trifft die Auffassung von Frankfurter-Allgemeine-Mitherausgeber Holger Steltzner zu: „Die Masse fährt am liebsten SUV“, und zwar deshalb, weil Masse Macht verleiht (auch körperliche Masse, siehe Helmut Kohl). Der elementarste Wesenszug von Macht ist laut Canetti, dass sie den anderen einverleibt – oder zumindest rücksichtslos von der Straße drängt.

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