60.4.3 Bewerten, vor allem was Fragen der Gerechtigkeit, der Moral bzw. dessen, was sozial als gut oder böse definiert wird, sowie der Belohnung und/oder Bestrafung guten oder schlechten Verhaltens betrifft, hat offenbar nur geringe Auswirkungen auf das, was tatsächlich alltäglich erlebt wird, so dass zur Rettung der Bewertungsmaßstäbe eine richtende und Gerechtigkeit schaffende Instanz in einem Jenseits von Nutzen ist.

Auch wenn heute im Alltag die Bewertung der Taten eines Individuums durch Gott als übergeordnete Instanz eher eine untergeordnete Bedeutung haben dürfte (das  hängt/hing natürlich vom Einzelnen ab bzw. auch von der Epoche, in der er lebt, bzw. der Bedeutung religiöser Wahrheiten der Zeit), so wird der Anspruch auf ein moralisches (d.h. sozialverträgliches) Verhalten durch den Verweis auf das Jüngste Gericht bzw. die Höllenqualen, die drohen, aufrecht erhalten.

In der mittelalterlichen Auffassung des Inferno, wie sie von Dante dargestellt wurde, ist dabei Betrug mit einer höheren Strafandrohung belegt als die Gewalttat. Das deutet darauf hin, dass Betrug – als ein „dem Menschen eigenes“ Vergehen – deswegen besonders sanktioniert wird, weil er die Grundlage des sozialen Lebens infrage stellt: die Wahrhaftigkeit der Kommunikation. Wenn man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass der Andere meint, was er sagt, wie soll man dann vertrauensvoll miteinander umgehen können? Und wenn kein Vertrauen mehr in die Botschaften des Anderen besteht, dann wird das Leben ziemlich komplex und mühsam. Deswegen ist Betrug stärker zu bestrafen als Mord. Der stellt ein einmaliges Ereignis dar und ist in seiner Bedeutung über jeden Zweifel erhaben. Sozial destruktiv wirkt hingegen die Unsicherheit über die Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit des Verhaltens der Mitmenschen, d.h. die prinzipiell erwartbare Einhaltung des Rechts (und das war nicht nur im Mittelalter so…).

 

Literatur:

„Alles absichtlich begangene Böse, das sich den Zorn des Himmels zuzieht, stiftet am letzten Ende Unrecht, und dieses letzendliche Unrecht schädigt einen Mitmenschen entweder durch Gewalt oder durch Betrug.

Doch da Betrug das dem Menschen eigene Böse ist, missfällt er Gott am meisten; aus diesem Grunde schmachten die Betrüger weiter unten und sind größerer Qual ausgesetzt.“

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Elfter Gesang, 22 – 25; übersetzt von Hartmut Köhler, Stuttgart (Reclam) 2017, S. 165.




29 Gedanken zu “60.4.3 Bewerten, vor allem was Fragen der Gerechtigkeit, der Moral bzw. dessen, was sozial als gut oder böse definiert wird, sowie der Belohnung und/oder Bestrafung guten oder schlechten Verhaltens betrifft, hat offenbar nur geringe Auswirkungen auf das, was tatsächlich alltäglich erlebt wird, so dass zur Rettung der Bewertungsmaßstäbe eine richtende und Gerechtigkeit schaffende Instanz in einem Jenseits von Nutzen ist.”

  1. Zur Rettung der Bewertungsmaßstäbe sind richtende und Gerechtigkeit schaffende Instanzen im Diesseits von Nutzen, z.B. Gerichte und FBS – dieser irgendwann auch aus dem Jenseits.

  2. Der oberste Richter in England hat sich kürzlich, im Rahmen seiner Verabschiedung dazu geäußert.
    Er warnt vor Verrechtlichung aller Lebensbereiche.
    Wenn ich es recht verstanden habe, verweist er auf die Gewohnheiten der Menschen, die in erster Linie zu beachten seien.
    Ich denke, damit meint er unsere sozial geteilten Werte..

  3. das Wort „erlebt“ könnte auch heißen „gelebt“…

    und wird hier in diesem Satz auch Bezug genommen auf das christliche „Jüngste Gericht „ ?

  4. @ „[…] so dass zur Rettung der Bewertungsmaßstäbe eine richtende und Gerechtigkeit schaffende Instanz in einem Jenseits von Nutzen ist.”

    Da steht nicht: „[…] so dass zur Rettung der Bewertungsmaßstäbe die Annahme einer richtenden und Gerechtigkeit schaffenden Instanz in einem angenommenen Jenseits von Nutzen ist.”

    Warum?

  5. @4: Für Sie ist das eine Annahme, für den Gläubigen eine Realität…

    Aber generell gilt ja, dass hier über Konstrukte von Beobachtern geschrieben wird, d. h. immer nur über deren „Annahmen“.

  6. @5 Na klar.
    Was schrieb ein Rezensent Ihres Buches? „Wissenschaftlich fragwürdig“.
    Warum begibt sich die Systemtheorie in solche Abgründe?
    Was hätte Niklas Luhmann dazu gesagt?

  7. @7: Rezensenten scheren den Rezensionsgegenstand, also das Werk (Buch, Film, Gemälde) – keinesfalls dessen Urheber (Autor, Regisseur, Maler).

  8. Luh hätte die Eule getröstet,
    sie möge nicht mehr schluchzen in ihrem Winkel,
    sie könne aufbrechen zu ihrem Nachtflug…
    „Mutabor“

    L ü c k e n – Die Aufforderung, man solle sich der intellektuellen Redlichkeit befleißigen, läuft meist auf die Sabotage der Gedanken heraus. Ihr Sinn ist, den Schriftsteller dazu anzuhalten, alle Schritte explizit darzustellen, die ihn zu seiner Aussage geführt haben, und so jeden Leser zu befähigen, den Prozeß nachzuvollziehen und womöglich – im akademischen Bereich – zu duplizieren. Das arbeitet nicht bloß mit der liberalen Fiktin der beliebigen, allgemeinen Kommunizierbarkeit eines jeden Gedanken und hemmt dessen sachlich angemessenen Ausdruck, sondern ist falsch auch als Prinzip der Darstellung selber. Denn der Wert eines Gedanken mißt sich an seiner Distanz von der Kontinuität des Bekannten. Er nimmt objektiv mit der Herabsetzung dieser Distanz an; je mehr er sich dem vorgegebenen Standard annähert, um so mehr schwindet seine antithetische Funktion, und nur in ihr, im offenbaren Verhältnis zu seinem Gegensatz, nich tin seinem isolierten Dasein liegt sein Anspruch begründet.“

    Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Frankfurt (Suhrkamp), S. 141f.

  9. @9: „der Wert eines Gedanken mißt sich an seiner Distanz von der Kontinuität des Bekannten“

    Dass zur Rettung der Bewertungsmaßstäbe eine richtende und Gerechtigkeit schaffende Instanz in einem Jenseits von Nutzen ist, war im Mittelalter ein bekannter Gedanke. Er diente zur Rechtfertigung des freiheitsraubenden, ausbeutenden und manipulierenden Machtapparats der Kirchen.

    Fällt der Konstruktivismus hinter die europäische Aufklärung zurück und spricht jeder Ideologie einen subjektiven Wahrheitsgehalt zu (jeder Beobachter konstruiert sich seine eigene Wahrheit)?

  10. 10) Sie verstehen wirklich gar nichts. Wie kann man nur einfach alles missverstehen? Als ob jeder Satz, der noch so eindeutig formuliert ist, wahllos Abzweiger in ihrem Inneren produziert, die sich dann über Copy und Paste mit dem unendlichen Stumpfsinn des Internets verbinden. Das ist doch völlig sinnlos. Gute Nacht.

  11. @10: Wenn Sie dereinst die Stadtbücherei Heidelberg zum Kauf des Buches bewogen haben und es gelesen haben werden, dann dürften Sie vermutlich nicht mehr aus einzelnen, aus dem Kontext gelösten Sätzen ihre Folgerungen (und Fragen) ableiten – hoffe ich.

  12. „Der Streit um das Buch geht leider großen Teils um Tatsachen und nicht um Thesen oder Meinungen, um Tatstachen die zu Theorien umfrisiert werden, um ihnen den Tatsachencharakter zu nehmen.Im Mittelpunkt des Buches wie des Prozesses steht die Person des Angeklagten. Was an dem Tag kam, als über seine Schuld verhandelt wurde, war die Totalität des moralischen Zusammenbruchs im Herzen Europas in ihrer ganzen furchtbaren Tatsächlichkeit. Dieser Tatsächlichkeit kann man auf die verschiedensten Arten ausweichen – indem man sie leugnet, in dem man auf sie mit patheatischen , zu nichts verpflichtenden Schuldbekenntnissen reagiert, in denen alles Spezifische untergeht, indem man von einer Kollektivschuld des deutschen Volkes spricht oder indem man behauptet, was in Auschwitz geschah, sei nur die Konsequenz des uralten Judenhasses – das größte Progrom aller Zeiten. […]
    Die Meinungsmanipulation in der modernen Welt wird bekanntlich weitgehend durch die Methoden des „image making“ bewirkt, d.h. dadurch, daß man bestimmte „Bilder“ in die Welt setzt, die nicht nur nichts mit der Realität zu tun haben, sondern häufig dazu dienen, bestimmte unangenehme Realitäten zu verdecken“
    Hannah Arendt, a.a.O,
    Piper, Band 4591, S. 40 und 41

  13. „so dass zur Rettung der Bewertungsmaßstäbe eine richtende und Gerechtigkeit schaffende Instanz in einem Jenseits von Nutzen ist.“

    Uns Kindern wurde beigebracht, gesagt, der liebe Gott sieht alles.
    Da wurde es echt schwierig etwas Verbotenes zu tun !

    Heute gibt es Überwachungskameras, mit totem Winkel …

  14. AG Enten?
    — kennt eem vll. schmecke,
    wann ehm Schnecke halt schmecke däten,
    wammer vunn denne vum Weinberg ausgeht.

    naja, damit das aber nicht alles derart umsonst
    und u.U. nicht so ganz vergeblich war …,
    vermag ich nur (noch) zu sagen:

    Das Krokodil 🐊 ist schuld.
    Und zwar,
    ohne Zweifel und ganz eindeutig:

    Mer muß nur genau hiegucke, dann sieht mer’s aa.
    Do steht’s doch

    „Da nun das Krokodil auf alles Appetit hat und alles verschlucken will, so ist es auch bei allen unbeliebt. Es schluckt Missionare, Frösche, Neger, Affen und selbst die eigenen Familienangehörigen – alles aus Appetit. Es bekommt ihm auch alles – Gott sei Dank – und es verdaut auch alles, sogar seine Verwandten.“

    a.a.O, S. 13 f

  15. @ last
    „Man erwarte also von uns nicht eine vollständige Geschichte und Theorie des Glasperlenspieles, auch würdigere und geschicktere Autoren als wir wären dazu heute nicht imstande. Diese Aufgabe bleibt späteren Zeiten vorbehalten, falls die Quellen sowie die geistigen Voraussetzungen dazu nicht vorher verlorengehen. Und ein Lehrbuch des Glasperlenspiels soll dieser unser Aufsatz ja noch weniger sein, ein solches wird auch niemals geschrieben werden. Man erlernt die Spielregeln dieses Spiels der Spiele nicht anders als auf dem üblichen, vorgeschriebenen Wege, welcher manche Jahre erfordert, und keiner der Eingeweihten könnte je ein Interesse daran haben, diese Spielregeln leichter erlernbar zu machen.

    Diese Regeln, die Zeichensprache und Grammatik des Spieles, stellen eine Art von hochentwickelter Geheimsprache dar, an welcher mehrere Wissenschaften und Künste, namentlich aber die Mathematik und die Musik (beziehungsweise Musikwissenschaft) teilhaben und welche die Inhalte und Ergebnisse nahezu aller Wissenschaften auszudrücken und zueinander in Beziehung zu setzen imstande ist. Das Glasperlenspiel ist also ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unsrer Kultur, es spielt mit ihnen, wie etwa in den Blütezeiten der Künste ein Maler mit den Farben seiner Palette gespielt haben mag. Was die Menschheit an Erkenntnissen, hohen Gedanken und Kunstwerken in ihren schöpferischen Zeitaltern hervorgebracht, was die nachfolgenden Perioden gelehrter Betrachtung auf Begriffe gebracht und zum intellektuellen Besitz gemacht haben, dieses ganze ungeheure Material von geistigen Werten wird vom Glasperlenspieler so gespielt wie eine Orgel vom Organisten, und diese Orgel ist von einer kaum auszudenkenden Vollkommenheit, ihre Manuale und Pedale tasten den ganzen geistigen Kosmos ab, ihre Register sind beinahe unzählig, theoretisch ließe mit diesem Instrument der ganze geistige Weltinhalt sich im Spiele reproduzieren.“

  16. und darauf einen Mohr im Hemd, Longus 😘

    …. und falls ich anschließend die Stufen über die Hintertreppe nicht mehr runterkomme, brauchst Du mir nur einen kleinen Tritt zu versetzen …🧜‍♀️

  17. Der Mohr im Hemd ist eine österreichische Süßspeise. Sie besteht hauptsächlich aus Schokolade, Brotbröseln, Zucker, Eidotter, Mandeln und Rotwein und hat die Form eines kleinen Gugelhupfs. Seit einigen Jahren entstehen immer wieder Diskussionen darüber, ob die Bezeichnung Mohr im Hemd ersetzt werden soll (z. B. durch Schokokuchen mit Schlag, Schokohupf oder Kakaohupf).

  18. „Sprache dient der Herstellung und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen und Systeme und ist das wichtigste Medium im Umgang der Menschen miteinander.“ So steht es in der Broschüre „Macht und Sprache“, herausgegeben 2001 vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.
    Wie mächtig Sprache tatsächlich sein kann, zeigt die Debatte über den Begriff „Mohr im Hemd“. […] Die Notwendigkeit sprachlicher Sensibilisierung und die Aufklärung über solche rassistischen Begriffe lieferte vor rund zwei Wochen eine Presseaussendung des Vereins SOS Mitmensch über den aktuellen Newsletter „Gastro Aktuell“ des Fachverbandes Gastronomie. […] So geht das Wort „Mohr“ etymologisch sowohl auf das griechische „moros“ zurück, das „töricht“ und „dumm“ bedeutet. Aber auch auf das lateinische „maurus“, das für „schwarz“, „dunkel“ und „afrikanisch“ steht. Daraus wurde im Althochdeutschen „mor“ und davon der „Mohr“ abgeleitet. […] „Mich wundert es, warum wir überhaupt auf diesem Niveau über die Hintergründe von Begriffen diskutieren müssen“, sagt Nana-Gyan Ackwonu, Sprecher des Vereins Pamoja, einer Bewegung der jungen afrikanischen Diaspora in Österreich. „Es müsste endlich klar sein, dass diese für Schwarze rassistisch sind.“ Und als Schwarze wolle man auch selbst definieren, was man als rassistisch empfinde. https://diepresse.com/home/panorama/integration/741984/Wie-rassistisch-der-Begriff-Mohr-wirklich-ist

  19. Wiener Wäschemäderl

    die gleichnamige Torte ist köstlich !

    In Wien in einem kleinen Cafeehaus, Nähe Stephansfom

    oder gehört „Stephan“ auch schon zu den „Unaussprechlichen, „Unberührbaren“ ?

  20. und jetzt sind wir vom Weg abgekommen,
    von der Form auf den Inhalt ..

    und diese Instanz, die Inhalte erlaubt und verbietet,
    Interessengruppen, Revolutionäre, höhere Mächte ..
    wer bestimmt was erlaubt/ verboten ist …

  21. What an astaundig thing it is to watch a civilisation destroy itself because it is unable to re-examine the validity under totally new circumstances of an economic ideology
    -Sir James Goldsmith-

  22. @37: „diese Instanz, die Inhalte erlaubt und verbietet“
    Inhalte lassen sich nicht verbieten – selbst, wenn sie stören – , sie sind vorhanden.

Schreibe einen Kommentar