65.3.9 Geld wird zu einem zentralen Steuerungsmedium der (Welt-) Gesellschaft, die Märkte lösen einerseits die alten Bindungen an Schichten auf, schaffen/erhalten aber die Unterscheidung arm/reich – wenn auch die Selektion der Mitglieder zu den so charakterisierten Subsystemen auf neue Weise, d.h. nicht mehr allein durch Geburt, erfolgt, sondern auch durch spezifische Leistungen (im Prinzip) möglich wird.

Wenn Geld als Steuerungs- oder symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium betrachtet wird, so ist das nur eine Möglichkeit, Geld und seine Funktion zu definieren. Das Interessante am Geld ist, dass es offensichtlich gesellschaftlich eine kaum zu überschätzende strukturierende Bedeutung besitzt, aber die Experten sich seit ewigen Zeiten darüber streiten, was denn Geld nun eigentlich „ist“ bzw. wie dessen Funktion zu beschreiben ist.

Im Rahmen eines kommunikationstheoretisch-systemtheoretischen Ansatzes stellt sich die Frage nach dem „Wesen“ des Geldes nicht, es reicht, seine Funktionen beschreiben, erklären und – je nach Perspektive oder ideologischer Sicht des Beobachters – bewerten zu können. Und die Funktion des Geldes innerhalb der Kommunikation ist es, einen spezifischen Typus von Transaktion zu ermöglichen: die Zahlung, und das heißt auch, es wird eines spezifische Form der Beziehung  etabliert: ein Teilnehmer zahlt für…, einer wird für … bezahlt. Dabei spielt es keine Rolle, ob an die Stelle der drei Punkte der Name es Objekts gesetzt wird oder einer Dienstleistung. Beides wird durch die Zahlung zur Ware, und die Teilnehmer an der Transaktion werden im Prinzip austauschbar, solange sich jemand findet, der eine bestimmte Ware anbietet, und jemand, der für sie zu zahlen bereit ist. In der Folge hat diese Austauschbarkeit der Transaktionspartner – die auf Märkten entstehende wirtschaftliche Beziehung – Auswirkungen auf die Struktur der Gesellschaft.

 

Literatur:

„Wenn wir versuchen mit den Begriffen der herrschenden Wissenschaft näher zu bestimmen, was in dem angedeuteten Zusammenhang unter Geld zu verstehen ist und was nicht dazugehört, so stoßen wir sogleich auf erstaunliche Schwierigkeiten. Denn zu einem einheitlichen Begriff des Geldes hat es die Wissenschaft, nicht anders als beim Begriff des Kapitals, trotz langer Bemühungen nie gebracht; nicht einmal eine einigermaßen anerkannte Definition it erreicht worden. Was in der Aufstiegsepochee der bürgerlichen Gesellschaft noch eine ernsthafte Auseinandersetzung profilierter Lehrmeinungen in der politischen Ökonomie war, ist inzwischen zu einem nur noch schwer überschaubaren Nebeneinander einer Vielzahl von Auffassungen geworden – soweit nicht überhaupt auf theoretische Klärung des Geldbegriffs verzichtet wird und alle Kraft der pragmatischen Formulierung von Rezepten der Konjunkturstabilisierung, in diesem Fall speziell durch ‚Instrumente der Geldpolitik‘, gewidmet wird.

[…]

Und auch bei der Bestimmung der einzelnen Funktionen des Geldes (als Wertmaß, Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel usw.) ist es ihr nie gelungen, diese einzelnen Bestimmungen in einem inneren Zusammenhang, als notwendig in bestimmer Folge auseinander hervorgehend darzustellen.“

Müller, Rudolf Wolfgang (1977): Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von Identitätsbewußtsein und Rationalität seit der Antike. Frankfurt (Campus) 2. Aufl. 1981, S. 26 f.

„Die Ausdifferenzierung eines besonderen Funktionssystems für wirtschaftliche Kommunikation wird jedoch erst durch das Kommunikationsmedium Geld in Gang gebracht, und zwar dadurch, daß sich mit Hilfe von Geld eine bestimmte Art kommunikativer Handlungen systematisieren läßt, nämlich Zahlungen. In dem Maße, wie wirtschaftliches Verhalten sich an Geldzahlungen orientiert, kann man deshalb von einem funktionierenden ausdifferenzierten Wirtschaftssystem sprechen, das von den Zahlungen her dann auch nichtzahlendes Verhalten, zum Beispiel Arbeit, Übereignung von Gütern, exklusive Besitznutzungen usw., ordnet.

[…]

Geld ermöglichst eine sachlich/zeitlich/soziale Generalisierung von Tauschmöglichkeiten. Es erweitert in all diesen Hinsichten die Tauschmöglichkeiten und vergrößert damit den Auswahlbereich (also auch die Selektionsleistung) der konkreten Tauschoperation.“

Luhmann, Niklas (1988): Die Wirtschaft der Gesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp) S. 14 f.




2 Gedanken zu “65.3.9 Geld wird zu einem zentralen Steuerungsmedium der (Welt-) Gesellschaft, die Märkte lösen einerseits die alten Bindungen an Schichten auf, schaffen/erhalten aber die Unterscheidung arm/reich – wenn auch die Selektion der Mitglieder zu den so charakterisierten Subsystemen auf neue Weise, d.h. nicht mehr allein durch Geburt, erfolgt, sondern auch durch spezifische Leistungen (im Prinzip) möglich wird.”

  1. Bei jeder demokratischen Wahl ließe sich in einer Variation Kierkegaards sagen: Geh wählen oder laß es, du wirst es bereuen. Warum das so ist, sprach die Tagesschau aus, als es um die Fusion von Thyssen und Tata ging: „Problematisch für Investoren könnten die Mitarbeiter sein.“ Denn die sind halt gern einmal zuviel. Da ist es, alles in allem, doch gut zu wissen, dass nur mehr 20 Prozent der Deutschen Bücher lesen, wegen Netflix oder Maloche oder beidem, was die freie Entwicklung des einzelnen als Bedingung der freien Entwicklung aller nicht mal mehr diskutabel macht. „Problematisch für Investoren könnten die Mitarbeiter sein“ bedeutet: Problematisch fürs Kapital könnten die Menschen sein. Dass sie es nicht werden, dafür sorgt es schon, mit sanfter Gewalt oder auch nicht so sanfter: „Wenn die Polizeimacht und die Militärmacht der Klassengesellschaft nicht gebrochen werden, dann regiert die polizeiliche Personalhoheit und die militärische Gebietshoheit irgendeiner Größenordnung, irgendeines Regelkreises über die Blöden wie die Armen gleichermaßen, ohne Ansehen der Person, und sorgt mit ihren Vollstreckungsorganen dafür, daß wir gepfändet, aus Wohnungen geworfen, eingesperrt, medizinisch falsch oder gar nicht behandelt werden, daß unsere Kommunikation behindert oder abgestellt wird, wenn sie nicht ins Spiel paßt, daß unser Zugang zu Energie und Information den Interessen derer gehorchen, die sich Arbeit, Aufmerksamkeit, Energie, Information und Kommunikation aneignen können, um Arbeit, Aufmerksamkeit, Energie, Information und Kommunikation von Leuten, die dieses Geld nicht haben, in ihrer idiotischen Wirtschaftsweise zu vernutzen, die andauernd aus diesem Geld mehr Geld macht, mit dem man dann wiederum Arbeit, Aufmerksamkeit, Energie, Information und Kommunikation kaufen kann, aus denen sich erneut mehr Geld machen lässt und so weiter und so fort; es ist in Wirklichkeit noch eintöniger und grauenhafter, als es sich liest“ (Dietmar Dath).

  2. „Mein, nicht dein
    Das digitale Medium Geld und das analoge Abendmahl

    „Was ist Geld?“, fragt Kant nicht etwas in der Kritik der reinen Vernunft, sondern in der Metaphysik der Sitten. Das entspricht guter philosophischer Tradition; auch Aristoteles hat sich in seiner Ethik am gründlichsten über das Geld geäußert. Auf die gute, wenn auch aus dem erkenntnistheoretischen Hauptwerk in die Ethik ausgelagerte Frage (das darauffolgende Kapitel ist übrigens der Frage „Was ist ein Buch?“ gewidmet) folgt eine gute Antwort. „Geld ist eine Sache, deren Gebrauch nur dadurch möglich ist, daß man sie veräußert. Dies ist eine gute Namenerklärung desselben (nach Achenwall), nämlich hinreichend zur Unterscheidung dieser Art Gegenstände der Willkür von allen anderen; aber sie gibt uns keinen Aufschluss über die Möglichkeit einer solchen Sache.“

    JOCHEN HÖRISCH, in
    Geld, Philosophicum Lech, 2009
    ISBN 978-3-552-05458-5

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