65.3.9 Geld wird zu einem zentralen Steuerungsmedium der (Welt-) Gesellschaft, die Märkte lösen einerseits die alten Bindungen an Schichten auf, schaffen/erhalten aber die Unterscheidung arm/reich – wenn auch die Selektion der Mitglieder zu den so charakterisierten Subsystemen auf neue Weise, d.h. nicht mehr allein durch Geburt, erfolgt, sondern auch durch spezifische Leistungen (im Prinzip) möglich wird.

Wenn Geld als Steuerungs- oder symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium betrachtet wird, so ist das nur eine Möglichkeit, Geld und seine Funktion zu definieren. Das Interessante am Geld ist, dass es offensichtlich gesellschaftlich eine kaum zu überschätzende strukturierende Bedeutung besitzt, aber die Experten sich seit ewigen Zeiten darüber streiten, was denn Geld nun eigentlich „ist“ bzw. wie dessen Funktion zu beschreiben ist.

Im Rahmen eines kommunikationstheoretisch-systemtheoretischen Ansatzes stellt sich die Frage nach dem „Wesen“ des Geldes nicht, es reicht, seine Funktionen beschreiben, erklären und – je nach Perspektive oder ideologischer Sicht des Beobachters – bewerten zu können. Und die Funktion des Geldes innerhalb der Kommunikation ist es, einen spezifischen Typus von Transaktion zu ermöglichen: die Zahlung, und das heißt auch, es wird eines spezifische Form der Beziehung  etabliert: ein Teilnehmer zahlt für…, einer wird für … bezahlt. Dabei spielt es keine Rolle, ob an die Stelle der drei Punkte der Name es Objekts gesetzt wird oder einer Dienstleistung. Beides wird durch die Zahlung zur Ware, und die Teilnehmer an der Transaktion werden im Prinzip austauschbar, solange sich jemand findet, der eine bestimmte Ware anbietet, und jemand, der für sie zu zahlen bereit ist. In der Folge hat diese Austauschbarkeit der Transaktionspartner – die auf Märkten entstehende wirtschaftliche Beziehung – Auswirkungen auf die Struktur der Gesellschaft.

 

Literatur:

„Wenn wir versuchen mit den Begriffen der herrschenden Wissenschaft näher zu bestimmen, was in dem angedeuteten Zusammenhang unter Geld zu verstehen ist und was nicht dazugehört, so stoßen wir sogleich auf erstaunliche Schwierigkeiten. Denn zu einem einheitlichen Begriff des Geldes hat es die Wissenschaft, nicht anders als beim Begriff des Kapitals, trotz langer Bemühungen nie gebracht; nicht einmal eine einigermaßen anerkannte Definition it erreicht worden. Was in der Aufstiegsepochee der bürgerlichen Gesellschaft noch eine ernsthafte Auseinandersetzung profilierter Lehrmeinungen in der politischen Ökonomie war, ist inzwischen zu einem nur noch schwer überschaubaren Nebeneinander einer Vielzahl von Auffassungen geworden – soweit nicht überhaupt auf theoretische Klärung des Geldbegriffs verzichtet wird und alle Kraft der pragmatischen Formulierung von Rezepten der Konjunkturstabilisierung, in diesem Fall speziell durch ‚Instrumente der Geldpolitik‘, gewidmet wird.

[…]

Und auch bei der Bestimmung der einzelnen Funktionen des Geldes (als Wertmaß, Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel usw.) ist es ihr nie gelungen, diese einzelnen Bestimmungen in einem inneren Zusammenhang, als notwendig in bestimmer Folge auseinander hervorgehend darzustellen.“

Müller, Rudolf Wolfgang (1977): Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von Identitätsbewußtsein und Rationalität seit der Antike. Frankfurt (Campus) 2. Aufl. 1981, S. 26 f.

„Die Ausdifferenzierung eines besonderen Funktionssystems für wirtschaftliche Kommunikation wird jedoch erst durch das Kommunikationsmedium Geld in Gang gebracht, und zwar dadurch, daß sich mit Hilfe von Geld eine bestimmte Art kommunikativer Handlungen systematisieren läßt, nämlich Zahlungen. In dem Maße, wie wirtschaftliches Verhalten sich an Geldzahlungen orientiert, kann man deshalb von einem funktionierenden ausdifferenzierten Wirtschaftssystem sprechen, das von den Zahlungen her dann auch nichtzahlendes Verhalten, zum Beispiel Arbeit, Übereignung von Gütern, exklusive Besitznutzungen usw., ordnet.

[…]

Geld ermöglichst eine sachlich/zeitlich/soziale Generalisierung von Tauschmöglichkeiten. Es erweitert in all diesen Hinsichten die Tauschmöglichkeiten und vergrößert damit den Auswahlbereich (also auch die Selektionsleistung) der konkreten Tauschoperation.“

Luhmann, Niklas (1988): Die Wirtschaft der Gesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp) S. 14 f.




43 Gedanken zu “65.3.9 Geld wird zu einem zentralen Steuerungsmedium der (Welt-) Gesellschaft, die Märkte lösen einerseits die alten Bindungen an Schichten auf, schaffen/erhalten aber die Unterscheidung arm/reich – wenn auch die Selektion der Mitglieder zu den so charakterisierten Subsystemen auf neue Weise, d.h. nicht mehr allein durch Geburt, erfolgt, sondern auch durch spezifische Leistungen (im Prinzip) möglich wird.”

  1. Bei jeder demokratischen Wahl ließe sich in einer Variation Kierkegaards sagen: Geh wählen oder laß es, du wirst es bereuen. Warum das so ist, sprach die Tagesschau aus, als es um die Fusion von Thyssen und Tata ging: „Problematisch für Investoren könnten die Mitarbeiter sein.“ Denn die sind halt gern einmal zuviel. Da ist es, alles in allem, doch gut zu wissen, dass nur mehr 20 Prozent der Deutschen Bücher lesen, wegen Netflix oder Maloche oder beidem, was die freie Entwicklung des einzelnen als Bedingung der freien Entwicklung aller nicht mal mehr diskutabel macht. „Problematisch für Investoren könnten die Mitarbeiter sein“ bedeutet: Problematisch fürs Kapital könnten die Menschen sein. Dass sie es nicht werden, dafür sorgt es schon, mit sanfter Gewalt oder auch nicht so sanfter: „Wenn die Polizeimacht und die Militärmacht der Klassengesellschaft nicht gebrochen werden, dann regiert die polizeiliche Personalhoheit und die militärische Gebietshoheit irgendeiner Größenordnung, irgendeines Regelkreises über die Blöden wie die Armen gleichermaßen, ohne Ansehen der Person, und sorgt mit ihren Vollstreckungsorganen dafür, daß wir gepfändet, aus Wohnungen geworfen, eingesperrt, medizinisch falsch oder gar nicht behandelt werden, daß unsere Kommunikation behindert oder abgestellt wird, wenn sie nicht ins Spiel paßt, daß unser Zugang zu Energie und Information den Interessen derer gehorchen, die sich Arbeit, Aufmerksamkeit, Energie, Information und Kommunikation aneignen können, um Arbeit, Aufmerksamkeit, Energie, Information und Kommunikation von Leuten, die dieses Geld nicht haben, in ihrer idiotischen Wirtschaftsweise zu vernutzen, die andauernd aus diesem Geld mehr Geld macht, mit dem man dann wiederum Arbeit, Aufmerksamkeit, Energie, Information und Kommunikation kaufen kann, aus denen sich erneut mehr Geld machen lässt und so weiter und so fort; es ist in Wirklichkeit noch eintöniger und grauenhafter, als es sich liest“ (Dietmar Dath).

  2. „Mein, nicht dein
    Das digitale Medium Geld und das analoge Abendmahl

    „Was ist Geld?“, fragt Kant nicht etwas in der Kritik der reinen Vernunft, sondern in der Metaphysik der Sitten. Das entspricht guter philosophischer Tradition; auch Aristoteles hat sich in seiner Ethik am gründlichsten über das Geld geäußert. Auf die gute, wenn auch aus dem erkenntnistheoretischen Hauptwerk in die Ethik ausgelagerte Frage (das darauffolgende Kapitel ist übrigens der Frage „Was ist ein Buch?“ gewidmet) folgt eine gute Antwort. „Geld ist eine Sache, deren Gebrauch nur dadurch möglich ist, daß man sie veräußert. Dies ist eine gute Namenerklärung desselben (nach Achenwall), nämlich hinreichend zur Unterscheidung dieser Art Gegenstände der Willkür von allen anderen; aber sie gibt uns keinen Aufschluss über die Möglichkeit einer solchen Sache.“

    JOCHEN HÖRISCH, in
    Geld, Philosophicum Lech, 2009
    ISBN 978-3-552-05458-5

  3. „Die Frage nach einer ‚elastischen‘ Zeitstruktur in der Geschichte, nach Analogie des Riemannschen Raums

    Zeit ist nur dadurch, daß etwas geschieht, und nur dort, wo etwas geschieht.“

    Ernst Bloch,
    Tübinger Einleitung in die Philosophie I,
    edition suhrkamp 11
    1. Aufl. 1963
    S. 176

  4. NB:
    unter
    edition suhrkamp 12
    folgt in 1963
    die erste Auflage des
    Tractatus logico-philosophicus
    von Ludwig Wittgenstein
    als Logisch – philosophische Abhandlung

    Fragt sich nur:
    Wie zählt sich dies jetzt?
    Als ein Auf- oder ein Abstieg,
    in Sachen Erkenntnis?

    😉

  5. @4 Für mich: ein Abstieg in Sachen Erkenntnis. Logik ist notwendig, aber nicht hinreichend für eine kunden- und sachgerechte Philosophie. In den „Spuren“ von Ernst Bloch findet sich folgende Geschichte: „Man erzählt, ein Hund und ein Pferd waren befreundet. Der Hund sparte dem Pferd die besten Knochen auf, und das Pferd legte dem Hund die duftigsten Heubündel vor, und so wollte jeder dem anderen das Liebste tun, und so wurde keiner von beiden satt.“ Empathie ist, was den beiden unglücklichen Freunden fehlt, die Fähigkeit, mit dem anderen zu fühlen, zu wissen, wie ihm zumute ist und was er braucht. Dass keine Liebe lange hält ohne Empathie, lässt obige Geschichte ahnen. Ähnlich geht es mir mit LW, GSB, NL und FBS.
    Dagegen sind Einstein, Bloch und Adorno wahre Sahnehappen.

  6. @5 Was die Interpretationen zur Empathie angeht, kann ich mit Ihnen nicht so ganz einig erklären. Vielmehr stellt sich mir mit den dargebotenen „Sahnehappen“, die einem schließlich nicht unbedingt gut tun und als Wohltaten bekömmlich sein müssen: Vor allem dann nicht, wenn sie -wie oben beschrieben völlig unpassend und überschüttend dargeboten werden. Und (Un)-Verträglichkeiten sind keineswegs alleine eine reine Dosisfrage , wenn sie in ihrer Symptomatik während eines Verlaufs erscheinen.

    Hierzu Ernst Bloch (in Fortsetzung des Textes @3)
    „Aber noch ist nicht genügend bedacht worden, ob und inwieweit auch das verschiedene WAS dessen, was da geschieht, in der verschiedenen Form seines Verlaufs sich anzeigt. Bei der bloß erlebten Zeit ist das zwar völlig klar, wenigstens was subjektives, oft allzu subjektives Wahrnehmen und Vorstellen angeht.
    Hierbei verhält sich die Zeitwahrnehmung, aus Gründen, die nicht hierher gehören, sogar ganz anders als die Zeitvorstellung, nämlich umgekehrt. Eine belebte Stunde vergeht im Flug, eine öde schleicht dahin; in der Erinnerung dagegen dehnen sich die belebten Stunden oder ein ‚großer Tag‘ gewaltig aus, während ganze Monate von Öde gedächtnishaft bis zum Verschwinden einschrumpfen. Aber freilich wird aus dieser verschiedenen Messung eines gerade inhaltlich jeweils gleichen Zeitverlaufs auch deutlich, daß die bloße Erlebniszeit noch nicht viel zu unserer Frage aussagen kann. Vor allem auch bezieht sich diese subjektive Aussage nur auf die LÄNGE der Strecke, genau wie bei der Uhrzeit, dieser ausgemacht äußerlichen.“

  7. @6: Das was in diesem Formen-Blog und im früheren Kehrwoche-Blog steht.

    Doch Sie haben recht, ich hätte schreiben sollen: Ähnlich geht es mir mit der Logik von LW, GSB, NL und FBS. Diese Logik liefert die notwendige Methode, aber nicht die hinreichende Problemlösung. Sie bietet grundlegendes, aber trockenes Brot, dem der nahrhafte Belag fehlt, um das Sandwich zum philosophischen Genuss zu machen.

  8. @8: Wenn Sie Theorien, die sich mit formalen Beziehungen beschäftigen, einen Mangel an Empathie vorwerfen, dann scheint mir das ein Kategorienfehler zu sein. Das ist m. E. so, als ob Sie den Grundrechenarten vorwerfen, dass sie nicht liebevoll genug sind.
    Theorie über Empathie ist etwas anderes als praktizierte Empathie. Wenn Luhmann z.B. sinngemäss schreibt, Liebe heisse, sein eigenes Handeln am Erleben des Anderen zu orientieren, so setzt er Empathie voraus, weil das der Zugang zu dem nicht direkt beobachtbaren Erleben eines anderen ist….
    Aber eins scheint mir wichtig: Die (Alltags-) Theorie, die man über Empathie hat, bestimmt das Handeln. Und da gibt es leider – das ist die therapeutische Erfahrung – einen Unterschied zwischen gut und gut gemeint.
    Aber Sie haben recht: die „Formen“ sind trockenes Brot (als Diät zu verstehen, angesichts der Süssigkeiten, die einem üblicherweise den Magen und die Zähne verderben).

  9. @9
    Ich werfe Theorien, die sich mit formalen Beziehungen beschäftigen, keinen Mangel an Empathie vor, sondern einen Mangel an Praxisbezug. Wie erhellend könnte ein Buch von Ihnen sein, das den Titel trüge: „Inhalte“. Darin könnten Sie alle Probleme dieser Welt lösen: vom ökologischen Klimaproblem, über die ökonomische Vermögensverteilung bis zum politischen Demokratiesystem. Ideen und Wissen haben Sie sicherlich genug dafür.

  10. @9

    Ebenso wie Geld, das Thema dieses Satzes, sind die beschriebenen „Formen“
    mentale, abstrakte Konstrukte, die Inhalte jenseits ihrer unendlichen Komplexität, handhabbar werden lassen.

    Die unendlichen? inhaltliche Komplexität wird abstrakt reduziert,
    durch Geld auf ihren sozial ausgehandelten Wert,
    durch Formen auf fokussierte Unterscheidungen…

    Und wenn ich lesen will wie Probleme dieser Welt, nicht nur der deutschen Erde, „gelöst“ werden,
    dann greife ich zu Literatur, höre oder lese Geschichten, unendliche Geschichten ..

  11. @11: „Inhalte jenseits ihrer unendlichen Komplexität handhabbar werden lassen“

    Ich traue es Herrn Professor Simon zu, Inhalte auch diesseits ihrer unendlichen Komplexität handhabbar werden zu lassen, denn die Probleme dieser Welt lassen sich m.E. allein systemisch lösen: vom ökologischen Klimaproblem, über die ökonomische Vermögensverteilung bis zum politischen Demokratiesystem..

  12. SIC!
    @ 12

    Aber dazu muß man schon eine gewisse Übung entwickeln bzw zu entwickelt haben, um mit „distinction is perfect continence“ -auch ohne Inkontinenz- sich -ab- und jenseits aller Formen- stets den Sinn und richtigen Riecher für das passende „containment“ zu bewahren.

  13. @ 11: + @12
    dieser Ansatz -adäquat literarisch in Form gegossen,
    um vergleichsweie nüchtern zu beschreiben, was sich aus tiefstem Empfinden heraus kaum in Worte fassen läßt, mag Ihnen [und FBS vermutlich] gefallen:

    „Nach Generationen von besitzlosen Knechtsgestalten mit lückenhaft ausgefüllten Taufscheinen, in fremden Kammern geboren und gestorben, kaum zu beerben, weil sie mit der einzigen Habe, dem Feiertagsanzug ins Grab gelegt wurden, wuchs Großvater als erster in einer Umgebung auf, in der sich auch wirklich zu Hause fühlen konnte, ohne gegen tägliche Arbeitsleistung nur geduldet zu sein.
    Zur Verteidigung der wirtschaftlichen Grundsätze der westlichen Welt war vor kurzem im Wirtschaftsteil einer Zeitung zu lesen, daß Eigentum VERDINGLICHTE FREIHEIT sei. Für meinen Großvater damals, als dem ersten Eigentümer, wenigstens von unbeweglichem Besitz, in einer Serie von Mittellosen und so auch von Machtlosen, traf das vielleicht noch zu: das Bewußtsein, etwas zu besitzen, war so befreiend, daß nach generationenlanger Willenlosigkeit sich plötzlich ein Wille bilden konnte: noch freier zu werden, und das hieß nur, und für den Großvater in seiner Situation sicher zu Recht: den Besitz zu vergrößern.
    Der Anfangsbesitz war freilich so klein, daß man seine ganze Arbeitskraft brauchte, um ihn auch nur zu erhalten. So blieb die einzige Möglichkeit der ehrgeizigen Kleinbesitzer: das Sparen.
    Mein Großvater sparte also, bis er in der Inflation der zwanziger Jahre das Ersparte wieder verlor. Dann finge er wieder zu sparen an, nicht nur, indem er übriges Geld aufeinanderlegt, sondern vor allem auch, indem er die eigenen Bedürfnisse unterdrückte und diese gespenstische Bedürfnislosigkeit auch seinen Kindern zutraute; seine Frau, als Frau, hatte von Geburt an ohnehin von etwas anderem nicht einmal träumen können.
    Er sparte immer weiter, bis die Kinder für Heirat oder Berufsausübung eine AUSSTATTUNG brauchen würde. Das Ersparte schon vorher für ihre AUSBILDUNG zu verwenden, ein solcher Gedanke konnte ihm, vor allem, was seine Töchter betraf, wie naturgemäß gar nicht kommen. Und noch in den Söhnen waren die jahrhundertealten Alpträume der Habenichtse, die überall nur in der Fremde waren, so eingefleischt, daß einer von ihnen, der mehr zufällig als geplant eine Freistelle auf dem Gymnasium bekommen hatte, die unheimische Umgebung schon nach ein paar Tagen nicht mehr aushielt, zu Fuß in der Nacht die vierzig Kilometer nach Haus ging und vor dem Haus – es war ein Samstag, an dem üblicherweise Haus und Hof sauber gemacht wurden – sofort ohne ein Wort zu kehren anfing; das Geräusch, das er mit dem Besen machte, in der Morgendämmerung, war ja Zeichen genug. Als Tischler sei er dann sehr tüchtig und zufrieden gewesen.“

    Peter Handke, Wunschloses Unglück,
    Residenzverlag 1972, S. 13 ff

  14. @12: Ich lehne es ab, die Welt zu retten. Schliesslich gibt sie mir ja keinen Auftrag dazu, und ohne Auftrag arbeite ich generell nicht (wäre ja wirklich blöd, wenn ich die Welt rette und dann stellt sich heraus, sie wollte das gar nicht.

  15. … da bin ich aber erleichtert.
    Stell mir gerade vor, was geschähe, wenn die Welt nun tatsächlich ankäme, um Ihnen einen Auftrag zur Welt – Rettung zu erteilen.
    Wenn man sich überlegt, was da noch so alles dranhängt an der Welt
    … als Auto-Bild in Computer-Bild etc. pp.
    und was dann durch die BZ von B bis Z so alles (nicht) abgedeckt wäre …
    bei all den jungen Hüpfern bzw. Springern

  16. … aber da es ja in der Familie bleibt,
    und zwischen AUSSTATTUNG und AUSBILDUNG ja mittlerweile
    kaum noch ein Unterschied mehr zu bestehen scheint,
    außer zwischen AUS- und BESTATTUNG, könnte man das mit der
    BEBILDERUNG von so manchen Auswüchsen bei der BILDUNG ja durchaus komplett den Litter-ATen überlassen.
    Da weiß man wenigstens gleich, daß Märchen Märchen sind und auch bleiben, die den Druck bereichern …
    Und das dann auch, wenn man um keine Marktlüge verlegen, im Zweifel dann doch noch zum Stand nach Ffm düsen muß …
    Es ist halt auf sonst wenig bis nichts Verlass,
    zwischen gebucht und gebongt

  17. zurück zum Spar-Fuchs

    „Er und sein ältester Bruder sind im Zweiten Weltkrieg bald umgekommen. Der Großvater hatte inzwischen weitergespart und das Ersparte in der Arbeitslosigkeit der dreißiger Jahre von neuem verloren. Er sparte, und das hieß: er trank nicht und rauchte nicht; spielte kaum. Das einzige Spiel , das er sich erlaubte, war das sonntägliche Kartenspiel; aber auch das Geld, das er dabei gewann – und er spielte so vernünftig, daß er fast immer der Gewinner war-, war Spargeld, höchstens schnippte er seinen Kindern eine kleine Münze davon zu. Nach dem Krieg fing er wieder zu sparen an und hat, als Staatsrentner, bis heute nicht damit aufgehört.
    Der überlebende Sohn, als Zimmermeister, der immerhin zwanzig Arbeiter beschäftigt, braucht nicht mehr zu sparen; er investiert; und das heißt auch, er KANN trinken und spielen, das gehört sich sogar so. Im Gegensatz zu seinem ein Lebtag lang sprachlosen, allem abgeschworenen Vater, hat er damit wenigstens eine Sprache gefunden, wenn er diese auch nur benutzt, als Gemeinderat eine von großer Zukunft mittels großer Vergangenheit schwärmende weltvergessene kleine Partei zu vertreten.
    Als Frau in diese Umstände geboren zu werden, ist von vornherein schon tödlich gewesen. Man kann es aber auch beruhigend nennen: jedenfalls keine Zukunftsangst.“

    Peter Handke, Wunschloses Unglück,
    Residenzverlag 1972, S. 15 f

  18. @16: Wer hat Greta beauftragt? Wer hat Martin Luther King beauftragt? Wer hat Ghandi beauftragt? Wer hat Jesus beauftragt?

  19. @21: Die haben sich wahrscheinlich selbst beauftragt – die Glücklichen. Zu blöd, dass ich nicht so ein Ego an meiner Seite habe… – aber ich würde ihm wahrscheinlich eh nicht folgen.

  20. … man muß vermutlich schon einen ziemlichen Drang zur Rampensau haben, um sich derart unbeirrt und unentwegt in der Öffentlichkeit blicken zu lassen.
    Im Grunde ist das doch kein Leben, unter dem fortgesetzten Zwang, sich immer derart produzieren zu müssen, wenn man erst einmal zur Marke stilisiert bzw. ggf. hochgepusht worden ist.
    … aber wie dem auch sei;
    für irgendwas muß man sich halt entscheiden, um sich nicht selbst pausenlos auf den Keks zu gehen. 🍪
    Und das im Zweifel auch ohne Prinzenrolle .

    🤓👑🦍🐝,👩🏼‍🎨

  21. @22: „Zu blöd, dass ich nicht so ein Ego an meiner Seite habe…“

    ’ne Stellung als Missionar kann auch Spaß machen.

  22. Sie befinden sich hier im Epizentrum seiner Glaubenssekte – das heißt, von hier aus sendet er seine Botschaft in die Welt. Was wollen Sie noch, Michael?

  23. @25 Was der will?
    Nix als die Bilanz, Andrea, mit Sicherheit die Bilanz …

    Und außerdem, vom Saulus zum Paulus sich zu wandeln bzw. zu lassen,
    erscheint ihm vermutlich wesentlich einfacher als einen Michael so mirnichtsdirnichts zu nem Mike zu changen, wenn es schon mit den Krügen nicht mehr so weit her ist. … bis er bricht, kennt quasi schon jeder. Und was die Fragmente mit ihren Spirituals und Ave Marias angeht, naja. Wahrscheinlich mischen die Päns der Kerntruppe da ein Gutheil mit, mit ihrer Kungel- und seiner Fummelei, net war? Die kennen sich doch lang schon aus der Cousinenquanon-Wirtschaft. Und außerdem: Einsilbigkeit im Namen, sprich z.B. mit Paul im Sack kommt man halt schneller immer weiter. Im Zweifel hängt man dann eben noch ein Middelinitial dran, kurz vorm SowattIgel…
    Wenn man sich so die mittlerweile bereits ziemlich ausgedünnte Ahnenreihe der UHUs anschaut, da bleibt einem keine große Wahl mehr:

    „Die meisten Notizen, die ich mir über Paul gemacht habe, beziehen sich auf Musik und Verbrechen. Auf den Pavillon Herrmann und auf den Pavillon Ludwig und auf das Spannungsverhältnis zwischen den beiden, auf den Wilhelminenberg, unseren Schicksalsberg und auf die Ärzte und die Patienten, die diesen unseren Schicksalsberg neunzehnhundertsiebenundsechzig bevölkert haben. Aber auch zu Politik, Reichtum und Armut hatte er Bemerkenswertes zu sagen gehabt aus seiner Erfahrung, die die Erfahrung eines Menschen gewesen war, der den allersensibelsten zuzurechnen ist, die ich in meinem Leben gekannt habe. Er verachtete die heutige Gesellschaft, die in allem und jedem ihre Geschichte verleugnet und die dadurch, wie er sich einmal selbst ausdrückte, WEDER EINE VERGANGENHEIT, NOCH EINE ZUKUNFT hat und die dem ATOMWISSENSCHAFTLICHEN STUMPFSINN anheimgefallen ist: er geißelte die KORRUPTE REGIERUNG und dass GRÖßENWAHNSINNIGE PARLAMENT genauso, wie die den Künstlern und vor allem den sogenannten REPRODUZIERENDEN Künstlern zu Kopf gestiegene Eitelkeit. Er stellt die Regierung und das Parlament und das ganze Volk und die schöpferische Kunst und ihre Künstler in Frage, wie er sich selbst andauernd in Frage stellte. Er liebte und er haßte die Natur genauso wie die Kunst mit der gleichen Leidenschaft und Rücksichtslosigkeit. Er hatte die Reichen als Reicher und die Armen als Armer durchschaut, wie die Gesunden als Gesunder und die Kranken als Kranker, wie schließlich die Verrückten als Verrückter und als Wahnsinninger die Wahnsinnigen.“

  24. @9 @31

    na ja,
    bekanntlich wird trockenes Brot lang genug gekaut und dabei eingespeichelt ( Enzyme) zu einer Süßigkeit 🤭 ..

    Der hohe Preis von Modernist Koch- und Backbüchern erklärt sich durch die Fülle von Daten, die zu Informationen mutieren wenn es in die Küche geht…

    Das Ergebnis mag dann inhaltlich erfreuen, siehe auch „Empathie“ oder eben auch nicht,
    doch der Weg dorthin ist mit „Formen“ gepflastert ..
    zu lernen und dann zu wissen, dass das Geheimnis von Wiener Wirtshausgulasch unter anderem die Temperatur- und zeitabhängige Lösung von Kollagen der Vorderhesse ist doch recht stirnhirnmäßig trocken ..

    Um Sapolsky wieder einmal zu zitieren, Denken mit dem Vorderhirn ist der langsamere und mühsamere Weg..

  25. @32: „[…] der Weg dorthin ist mit „Formen“ gepflastert … zu lernen und dann zu wissen, dass das Geheimnis von Wiener Wirtshausgulasch unter anderem die Temperatur- und zeitabhängige Lösung von Kollagen […]

    Sie kochen Ihr Gulasch mit den „Formen“ in der Hand?

  26. @37 „Formen im Topf“?
    Kochen Sie die mit? Dann müssen Sie um so mehr Paprika, Zwiebeln, Knoblauch und scharfes Rosenpaprikapulver hineintun, sonst wird das Gulasch zu fade.

  27. Es ist die Natur von „Formen“ zu begrenzen, zu definieren,
    man könnte „Formen“ auch als „kategorische Scharfmacher“ bezeichnen …

    und was das Paprika angeht, so habe ich gelernt, daß es erhitzt werden muss wenn der staubige Geschmack vergehen soll, für die Mundfülle, so zu sagen ..

  28. Das ist ja der Unterschied zwischen Wiener Wirtshausgulasch und Matschepampe
    ..
    Du schmeckst es …

    *
    in fröhlicher und dankbarer Erinnerung an Paul Watzlawick,
    der die Kombination von Gulasch mit Schokoladen Pudding …

  29. @41: „Gulasch mit Schokoladen Pudding“
    = strukturelle Koppelung unterschiedlicher Geschmackssysteme

  30. Konstruieren = formulieren, in Form bringen, strukturieren (und damit verfälschen)
    „ … aber ist nicht ohnehin jedes Formulieren, auch von etwas tatsächlich Passiertem, mehr oder weniger fiktiv? Weniger, wenn man sich begnügt, bloß Bericht zu erstatten; mehr, je genauer man zu formulieren versucht?“
    Peter Handke, Der kurze Brief zum langen Abschied, 1972

  31. @49 ob das dem Forum in der Tat so gefällt, scheint doch die Frage…
    https://www.speyer-kurier.de/region/aus-der-pfalz/artikel/barrique-forum-pfalz-unter-neuer-fuehrung/

    bin aber zu meist ohnehin für Blind- Verkostung mit eigenem Kino im Kopf …
    Weshalb mir auch jedwede -nachträgliche- Literaturverfilmung -die sich schließlich nur durch den Fokus des Regisseurs als individuell gerichteten visuellen Filter erschließen läßt- nicht so ganz angenehm erscheint.
    Wie sollte man sich anschließend seine eigene Sicht je nach Gusto bewahren können,
    um z.B. anmerken zu können: Das sehe ich, höre ich, empfinde ich ….
    ganz anders.
    Wie sollte man hier noch differenzieren können, wenn etwas ein „Geschmäckle“ hat?

  32. „[…] stichhaltige empirische Belege für die umfassende Hypothese, dass Gene und Umwelt interagieren (im Englischen wird hier vom Begriffspaar „nature/nurture“ gesprochen) und dass diese Interaktion eine wichtige Rolle spielt, wenn es darum geht, die intergenerationelle Weitergabe sozialer Ungleichheit in Fragen von Gesundheit und Entwicklung zu schaffen, aufrechtzuerhalten, zu verschärfen oder aber abzuschwächen.“
    Jianghong Li: Wohlstand und Intelligenz für alle Lebenschancen müssen nicht vom Elternhaus abhängen, in: WZB-Mitteilungn, Heft 165, September 2019
    https://bibliothek.wzb.eu/fulltext/journal-vt/wzb-mitteilungen/wm2019_165.pdf

Schreibe einen Kommentar