67.4 Formen von Konflikten: Aufgrund des Unterschieds zwischen passiver und aktiver Negation lassen sich unterschiedliche Formen von Konflikten charakterisieren: schwache und starke Konflikte

Der Konflikt zwischen aktiven Widerständlern, die in der Resistance gegen die deutsche Besatzung gekämpft haben, war ein starker Konflikt; das leise und nicht hörbare „Ich mach da nicht mit!“ der Durchschnittsbürger war ein schwacher Konflikt, der das Regime nicht gefährdet hat. Allerdings, das sollte in Rechnung gestellt werden, kann aus dem schwachen Konflikt ein starker Konfikt werden, wenn – wie in der DDR 1989 azu beobachten – durch die Änderung äußerer Umstände auf einmal die Angst seine abweichende Meinung öffentlich zu zeigen, so reduziert ist, dass man auf die Straße geht und demonstriert.

Analoges gilt auch für die Bildung von Blasen im Internet, die dazu ermuntern, ganz schamlos bis dato unausgesprochene (wenn auch gedachte) Meinungen zu äußern, die vor noch ganz kurzer Zeit mit der Angst vor moralischer Disqualifizierung und Ausgrenzung verbunden gewesen wären.

Das Beispiel lässt sich auf  Organisationen übertragen. Der eine Mitarbeiter eines Unternehmens hat innerlich gekündigt (=passive Negation), der andere agiert geschäftsschädigend, vollzieht Sabotage usw. (=aktive Negation).

In einen Konflikt mit denen, die aktiv für den Erfolg des jeweiligen Systems (dem politischen Regime, der Organisation/dem Unternehmen) kämpfen, können beide Akteure geraten, allerdings dürfte die Brisanz der Auseinandersetzung unterschiedlich sein, zumal – beim Beispiel des geschäftsschädigenden Verhaltens – auch strafrechtliche Konsequenzen drohen, die bei der inneren Kündigung und dem passiven Widerstand nicht zu befürchten sind.

Auf psychischer Ebene gibt es ebenso starke und schwache Konflikte, je nachdem wie stark z.B. wierstreutende Handlungsimpulse erlebt werden.




2 Gedanken zu „67.4 Formen von Konflikten: Aufgrund des Unterschieds zwischen passiver und aktiver Negation lassen sich unterschiedliche Formen von Konflikten charakterisieren: schwache und starke Konflikte“

  1. Das zieht sich doch durch alle Kreise, wenn man genauer hinschaut und hinhört.
    Konflikte sind völlig normal, es wäre verdammt langweilig, wenn es keine gäbe.
    Dennoch: Wer ein echtes A. loch ist, merkt man vergleichsweise schnell.
    Aber wer so farblos und gleichermaßen integrativ vor sich hinschleimt bzw. auch wer sich bisweilen im Grunde als ganz besonders nett, hilfsbereit und umgänglich erweist, kann es faustdick hinter den Ohren haben, sobald sich ein Konflikt aufschaukelt oder gar existentiell bedrohlich wird.

    Hierzu das:

    „(8) Kunst als Erzeugnis einer künstlichen Natur“
    in
    PAUL K. FEYERABEND, Die Vernichtung der Vielfalt, PASSAGEN Verlag,
    © by Grazia Borrini-Feyerabend 2005

    „Es scheint, daß die Wissenschaften und die Künste nicht mehr so scharf voneinander getrennt sind wie noch vor dreißig Jahren. Es ist heute Mode, einerseits von wissenschaftlicher Kreativität und andererseits vom Denken zu sprechen, das sich in die künstlerische Arbeit mischt. Computerkunst, Fraktale, elektronische Musik, Debatten über die Rolle von Metaphorik und Bildersymbolik, das ganze Unternehmen der Dekonstruktion haben das Bedürfnis nach präzisen Einteilungen abgeschwächt. Gleichwohl sind die verbleibenden Unterschiede enorm.

    Wissenschaftler mögen von der Einheit aller menschlichen Bestrebungen überschwänglich schwärmen. Sie mögen vor Begeisterung erröten, wenn sie über die künstlichen Aspekte wissenschaftlicher Forschung sprechen. Aber ihre Toleranz schwindet, sobald diese Aspekte sich wirklich zeigen, Einzug in Labore halten und gehört werden möchten. Wo ist der Wissenschaftler, der es zulassen würde, daß gutes, hartes Geld für die Wissenschaftsförderung (zum Beispiel ein geringer Prozentsatz jener Millionen, die fortwährend in das Human Genome- Projekt fließen, oder jener Milliarden, die für die Superanlage zur Teilchenkollision in Texas in Aussicht gestellt wurden) für eine Untersuchung von sagen wir La Monte Youngs Musik ausgegeben würde? Wo gibt es andererseits einen Künstler oder eine Kunstkommission, der oder die bereit wäre, das Kapital für ein neues, revolutionäres, wissenschaftliches Vorhaben aufzubringen? Selbst Sozialwissenschaftler, die es immer mit Menschen zu tun haben und gelegentlich Bemühungen ausgesuchter Kulturen unterstützen, beharren auf Objektivität und schreiben in einem streng unpersönlichen Stil.“

Schreibe einen Kommentar