67.8.6 Die Attraktion von Kriegen resultiert daraus, dass die Beziehung der Kriegsgegner (=Feinde) immer symmetrisch ist, solange er Krieg nicht beendet ist (die unglücklicherweise von vielen „asymmetrisch“, weil nicht Staat gegen Staat kämpft, genannten Kriege sind daher ebenfalls durch die Symmetrie der Beziehung der Kriegsgegner gekennzeichnet, auch wenn ein Staat einer nicht-staatlichen sozialen Einheit von Rebellen, Terroristen, Freiheitskämpfern etc. gegenüber steht, die sich seiner Macht [=asymmetrische Beziehung,] nicht unterwerfen).

Die Symmetrie der Beziehung der Kriegsparteien macht es für Bevölkerungsgruppen, Ethien, soziale Subsysteme etc. so attraktiv, sich mit Gewalt zu wehren. Denn in dem Moment, wo solch eine Herausforderung angenommen ist, entsteht das, was in den Nachrichten als „Spannungen“ (z.B. im Nahen Osten) tituliert wird. Und Spannung macht – nicht nur für die direkt beteiligten – das Leben spannend. Deswegen meinen ja auch machen Forscher, Krieg sei am ehesten mit Sport zu vergleichen (*). Auf jeden Fall ist diese Art des Konflikts für den nicht direkt in die Gewalttätigkeiten involvierten Zuschauer – wenn auch mit gewisssen Gefühlen des Grusels – ein Art spannender Unterhaltung (wie beispielhaft in Kriegsfilmen zu erleben).

Literatur:

„Die Verdurins dachten allerdings doch daran, wird man sagen, da sie ja einen politischen Salon hatten, in dem jeden Abend die Situation nicht nur der Armeen, sondern auch der Flotten durchgesprochen wurde. Sie dachten tatsächlich an die Hekatomben vernichteter Regimenter und von den Fluten verschlungener Passagiere; aber eine jeweils entgegengesetzte Operation vervielfältigt in einem solche Maße das, was unser eigenes Wohlsein betrifft, und dividiert andererseits durch eine so ungeheure Zahl, was nichts mit ihm zu tun hat, daß der Tod von Millionen Unbekannten kaum und beinahe weniger unangenehm als ein Luftzug unsere seelische Epidermis berührt. Da Madame Verdurin an Migräne litt, weil sie morgens keine Hörnchen mehr in ihren Milchkaffee tauchen konnte, hatte sie schließlich von Cottard ein Attest erlangt,  das ihr gestattete, aus einem bestimmten Restaurant, von dem wir gesprochen haben, solche kommen zu lassen. Es war fast ebenso schwer gewesen, dies von den zuständigen Behörden zu erreichen, wie jemandes Beförderung zum General. Ihr erstes Hörnchen nahm sie an dem Morgen wieder zu sich, an dem die Zeitungen über den Untergang der »Lusitania« berichteten. Während sie nun das Hörnchen in den Milchkaffee tauchte und ihrer Zeitung kleine Stupse gab, damit sie sie aufgeschlagen halten konnte, ohne zum Umzublättern die mit dem Eintauchen beschäftigte Hand zu benutzen, sagte sie: »Wie grauenhaft! Das ist ja fürchterlicher als die entsetzlichsten Tragödien.» Aber der Tod aller dieser Ertrunkenen mußte wohl auf ein Milliardstel seiner Größe reduziert erscheinen, denn wärhend sie mit vollem Mund diese trostlosen Überlegungen anstellte, war der Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag und wahrscheinlich durch den Wohlgeschmack des Gebäcks darauf hervorgerufen wurde, das ihr so unschätzbare Dienste bei ihrer Migräne leistete, eher der eines sanften Behagens.“

Proust, M.: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurt (Suhrkamp) 2000, S. 3810f.




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