74.6 fbs

In dem Spielfilm „The Square“ (2017, Regie: Ruben Östlund) wird die Podiumsdiskussion zwischen einem Künstler und einer sehr ernsthaften Interviewerin gezeigt. Es findet in einem Museum statt, und das Publikum besteht aus würdigen, meist älteren Herrschaften. Allerdings wird deren Aufmerksamkeit immer wieder durch die Zwischenrufe eines der Zuhörer unterbrochen: „Zeig mir deine Titten!“, „Schwanzlutscher“ usw. Das stört, und alle Anwesenden scheinen beunruhigt. Aber dann „erklärt“ irgendjemand dieses von den Erwartungen eines kulturbeflissenen Publikums abweichende Verhalten (ein Stichwort reicht): „Tourette“. Eine Diagnose, die nahelegt, dass hier ein Mensch krank ist und nicht die Wahl hat, die Obszönitäten nicht zu rufen. Jetzt sind alle wieder beruhigt, die Gesprächsteilnehmer wie auch die Zuhörer ignorieren ab nun einfach die Ferkeleien, die da in den Saal gerufen werden.

In diesem Fall mag das ja angemessen gewesen sein. Das Reaktionsmuster der Beteiligten zeigt aber, dass ein ungewöhnliches Verhalten, das als biologisch bedingt erklärt wird, seines potenziell die sozialen Spielregeln verändernden Effektes entkleidet wird. Deshalb wurden in der Sowjetunion auch Menschen, die mit den politischen Verhältnissen nicht einverstanden waren, in die Psychiatrie gesteckt. Ihre Unzufriedenheit hatte dann – so die implizite Erklärung – nichts mit den politischen Verhältnissen zu tun, sondern mit einem individuellen Problem. An die Stelle des gesellschaftlichen Umsturzes tritt im besten Fall eine Therapie…

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