79.1 Autopoietische Systeme können ihre Dysfunktionen nur selbst beseitigen und ihre strukturellen Defekte nur selbst reparieren, da sie operational geschlossen und strukturdeterminiert funktionieren (es ist unmöglich instruktiv zu interagieren).

Das Konzept der operationalen Geschlossenheit ist eng verbunden mit dem der Strukturdeterminiertheit. Beide Konzepte sind von Humberto Maturana und Francisco Varela entwickelt worschen. Sie haben als Biologen die Beziehung zwischen Kognition und Nervensystem untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Aktivitäten des Nervensystems bzw. seiner Neurone sich nie direkt auf irgendwelche Ereignisse in der Außenwelt beziehen, sondern immer nur auf andere Aktivitäten des Nervensystems. Mit anderen Worten: Es gibt keine geradlinige-Kausalität zwischen Ereignissen in der Umwelt eines Organismus (oder Nervensystems) und den Aktivitäten des Nervensystems, da dessen Aktivitäten von seiner eigenen – sich verändernden – Struktur bestimmt sind.

Literatur:

„Das Nervensystem wird als Einheit (d. h. als System) definiert durch Relationen, die es als geschlossenes Netzwerk interagierender Neuronen auf solche Weise konstituieren, dass jegliche Veränderungdes Zustands relativer Aktivität einer Menge von Neuronen zu einer Veränderung des Zustands relativer Aktivität einer anderen oder derselben Menge von Neuronen führt: alle Zustände neuronaler Aktivität im Nervensystem führen stets zu anderen Aktivitätszuständen des Nervensystems. Ein geschlossenes neuronales Netzwerk hat weder Input- noch Outputoberflächen als charakteristische Merkmale seiner Organisation, und auch wenn es durch die Interaktion seiner Bestandteile beeinflusst werden kann, gibt es für sein Operieren als System lediglich seine eigenen Zustände relativer neuronaler Aktivität, unabhängig von dem, was der Beobachter über ihren Ursprung sagen mag. Bei einem geschlossenen System existieren Innen und Außen nur für den Beobachter, nicht für das System. Die sensorischen und die effektorischen Oberflächen, die ein Beobachter bei einem gegebenen Organismus beschreiben kann, machen das Nervensystem nicht zu einem offenen neuronalen Netzwerk, da die Umwelt (in der der Beobachter sich befindet) lediglich als ein intervenierendes Element wirkt, durch welches die effektorischen und die sensorischen Neuronen interagieren und so die Geschlossenheit des Systems herstellen.“

Maturana, Humberto (1975): Die Organisation des Lebendigen: eine Theorie der
lebendigen Organisation. In: H. Maturana (1982): Erkennen: Die Organisation
und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg),
S. 142.




1 Gedanke zu “79.1 Autopoietische Systeme können ihre Dysfunktionen nur selbst beseitigen und ihre strukturellen Defekte nur selbst reparieren, da sie operational geschlossen und strukturdeterminiert funktionieren (es ist unmöglich instruktiv zu interagieren).”

  1. Wenn mir bewiesen würde, dass unser gesamtes Denken und Handeln determiniert ist, würde sich für mich dadurch nichts ändern. Ich würde alles noch einmal ganz genauso machen.
    Doch Scherz beiseite: „Die elektrische Signalübertragung entlang eines Axons ist zwar in guter Näherung deterministisch, aber die chemischen Prozesse an den Synapsen sind es nicht. Insgesamt ist das Gehirn ein thermodynamisches, nichtlineares System fern vom Gleichgewicht. Solche Systeme durchlaufen, das ist aus der Physik ganz klar, Verzweigungspunkte – sie können sich bei gleichem Ausgangszustand unterschiedlich entwickeln. Berechnen kann man, wenn überhaupt, nur statistische Wahrscheinlichkeiten.
    Noch schwieriger wird es, wenn es um die Verursachung von kognitiven und mentalen Prozessen durch neuronale Mechanismen geht. Da sind nur noch schwache Analogieschlüsse am Werk, die den Begriff „Information“ von der Informatik auf unsere Bewusstseinsinhalte übertragen; von einer mechanistischen Erklärung im oben genannten Sinn ist das himmelweit entfernt.
    Dass alle Gedanken neurobiologisch determiniert sind, ist also eine bloße Behauptung, die aus den genannten und anderen Gründen mindestens als unbeweisbar, wenn nicht falsch gelten muss. Auch aus Sicht der Evolution ergibt es Sinn, dass manche Prozesse auf Vorhersehbarkeit oder Berechenbarkeit hin optimiert sind, andere gerade nicht. So muss ja die Sinneswahrnehmung verlässlich, also möglichst deterministisch funktionieren. Entscheidungen dagegen sind dann lebensdienlich, wenn sie nicht zu den immergleichen und vorhersehbaren Ergebnissen führen.
    Hirnforscher sollten das Kausalitätsprinzip nicht überstrapazieren. Es ist keine Tatsachenbehauptung. Schon Kant hat für ein methodologisches Verständnis plädiert: Für Forscher ist es sinnvoll und fruchtbar, bei beobachteten Wirkungen nach den Ursachen zu fragen. Aber das darf nicht zu der falschen Annahme führen, dass es für alles und jedes vollständig determinierte kausale Prozesse gäbe.“
    https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/sind-unsere-gedanken-determiniert

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