81. Psychose

Literatur:

„In der Gondel hielt sie ruhig und ernst den fremden Herrn im Auge und hatte den klaren Eindruck, daß er sich vor ihr scheue. Es befriedigte sie. Sie kamen zum Denkmal des Colleone und nun sprach der fremde Herr sie zum erstenmal an. »Wollen wir nicht hier hereingehen?« sagte er, auf ein Gebäude neben der sort stehenden Kirche weisend – »hier ist ewas besonders Schönes zu sehen.« Clarisse ahnte die Flle, welche ihr der Beamte der öffentlichen Sicherheit stellte. Aber dieser Verdacht hatte keinen Wert für sie, sozusagen keine kausale Valenz. »Ich bin müde und krank« sagte sie sich. »Er will mich ins Spital locken. Es ist unvernünftig von mir, daß ich folge. Aber mein Wahnsinn ist bloß, daß ich aus ihrer allgemeinen Ordnung herausfalle und meine Kausalität nicht die ihre ist: nur Störung in einer nebensächlichen von ihnen überschätzten Funktion. Ihr Verhalten ist krasser Unethizismus. (In ihren kausalen Beziehungen ist, was ich tue und wie ich es tue, krank; weil sie das andere nicht sehn.)«

Als sie in das Haus eintrat, verteilte sie den Rest ihres Schmuckes und ihr Tuch an die Wärterinnen, die ihn entgegennahmen, sie ergriffen und an ein Bett schnalleten. Nun begann Clarisse zu weinen, und die Wärterinnen sagten »Poverett[a]!«

Musil, Robert (1952): Der Mann ohne Eigenschaften. Hamburg (Rowohlt) S. 1557.




7 Gedanken zu “81. Psychose”

  1. Das klingt nicht nach Psychose, sondern nach Koketterie mit ihr: „mein Wahnsinn ist bloß, daß ich aus ihrer allgemeinen Ordnung herausfalle und meine Kausalität nicht die ihre ist: nur Störung in einer nebensächlichen von ihnen überschätzten Funktion. Ihr Verhalten ist krasser Unethizismus. (In ihren kausalen Beziehungen ist, was ich tue und wie ich es tue, krank; weil sie das andere nicht sehn.)«“

  2. @1: Nein, das ist eine ziemlich gute Analyse dessen, was passiert, wenn jemandem ein Wahn (an-)diagnostiziert wird.

  3. ach wie schön …
    Ich gestehe bis 123 und bis hin zu „Clarisse als geknickter Prometheus“ bin ich noch nie vorgedrungen. Aber das ist schließlich auch unter (Früher Entwurf und Studie) einzuordnen und vermutlich auf dieser Ebene auch nicht so ganz ernst zu nehmen, für den weiteren Fortgang … wobei dieser ja schon einmal ganz manierlich recht akzeptabel beginnt:

    „Clarissens erster Gang führte ins Bad, da sie vom Transport aufgeregt war. Es war ein rechteckiger (mir Fliesenboden und einem großen Wasserbecken), ohne Borde mit Wasser gefüllt, von der Türe führten Stufen hinin. Zwei verzehrte Körper hefteten sehnsüchtige Blicke auf sie und schrien nach Erlösung. Es waren ihre beiden Freunde Walter und Ulrich in Sündengestalt.“

    zumindest könnte dieses Ambiente durchaus als Kulisse für einen Initiationsritus dienen.

    😉

  4. der 123 – Fortgang im frühen Entwurf ist spannend.
    und
    völlig klar – und war auch damals schon immer verrückt genug-
    Grieche sucht Griechin,
    watn sons?

  5. @2: Das mag eine ziemlich gute Analyse dessen sein, was passiert, wenn jemandem ein Wahn (an-)diagnostiziert wird, doch wer macht diese Analyse? Der Analytiker oder der Analysand?
    Der unter einer Psychose Leidende hat keine Einsicht in die Wahnhaftigkeit seiner Vorstellungen und Einbildungen sowie Bedrohtheitsgefühlen und Ängste. Er sagt nicht: „mein Wahnsinn ist bloß“, weil er seine Wahn-Fantasien mit der realen Wirklichkeit verwechselt.

  6. @2: „In ihren kausalen Beziehungen ist, was ich tue und wie ich es tue, krank; weil sie das andere nicht sehn.“

    Hier wird eine Unterscheidung zwischen „ich“ und „sie“ sowie zwischen „krank“ und „nichtkrank“ ausgedrückt, die Sie als Psychiater wohl nie von einem Psychotiker gehört haben dürften.

  7. @Michael S.: Doch. Sie unterschätzen offensichtlich die Reflexionsfähigkeit von Menschen, die ein solches, unter bestimmten Umständen zur Zuschreibung des Etiketts „Psychotiker“ führendes, Verhalten zeigen…

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