81. Psychose

Literatur:

„In der Gondel hielt sie ruhig und ernst den fremden Herrn im Auge und hatte den klaren Eindruck, daß er sich vor ihr scheue. Es befriedigte sie. Sie kamen zum Denkmal des Colleone und nun sprach der fremde Herr sie zum erstenmal an. »Wollen wir nicht hier hereingehen?« sagte er, auf ein Gebäude neben der sort stehenden Kirche weisend – »hier ist ewas besonders Schönes zu sehen.« Clarisse ahnte die Flle, welche ihr der Beamte der öffentlichen Sicherheit stellte. Aber dieser Verdacht hatte keinen Wert für sie, sozusagen keine kausale Valenz. »Ich bin müde und krank« sagte sie sich. »Er will mich ins Spital locken. Es ist unvernünftig von mir, daß ich folge. Aber mein Wahnsinn ist bloß, daß ich aus ihrer allgemeinen Ordnung herausfalle und meine Kausalität nicht die ihre ist: nur Störung in einer nebensächlichen von ihnen überschätzten Funktion. Ihr Verhalten ist krasser Unethizismus. (In ihren kausalen Beziehungen ist, was ich tue und wie ich es tue, krank; weil sie das andere nicht sehn.)«

Als sie in das Haus eintrat, verteilte sie den Rest ihres Schmuckes und ihr Tuch an die Wärterinnen, die ihn entgegennahmen, sie ergriffen und an ein Bett schnalleten. Nun begann Clarisse zu weinen, und die Wärterinnen sagten »Poverett[a]!«

Musil, Robert (1952): Der Mann ohne Eigenschaften. Hamburg (Rowohlt) S. 1557.




42 Gedanken zu “81. Psychose”

  1. Das klingt nicht nach Psychose, sondern nach Koketterie mit ihr: „mein Wahnsinn ist bloß, daß ich aus ihrer allgemeinen Ordnung herausfalle und meine Kausalität nicht die ihre ist: nur Störung in einer nebensächlichen von ihnen überschätzten Funktion. Ihr Verhalten ist krasser Unethizismus. (In ihren kausalen Beziehungen ist, was ich tue und wie ich es tue, krank; weil sie das andere nicht sehn.)«“

  2. @1: Nein, das ist eine ziemlich gute Analyse dessen, was passiert, wenn jemandem ein Wahn (an-)diagnostiziert wird.

  3. ach wie schön …
    Ich gestehe bis 123 und bis hin zu „Clarisse als geknickter Prometheus“ bin ich noch nie vorgedrungen. Aber das ist schließlich auch unter (Früher Entwurf und Studie) einzuordnen und vermutlich auf dieser Ebene auch nicht so ganz ernst zu nehmen, für den weiteren Fortgang … wobei dieser ja schon einmal ganz manierlich recht akzeptabel beginnt:

    „Clarissens erster Gang führte ins Bad, da sie vom Transport aufgeregt war. Es war ein rechteckiger (mir Fliesenboden und einem großen Wasserbecken), ohne Borde mit Wasser gefüllt, von der Türe führten Stufen hinin. Zwei verzehrte Körper hefteten sehnsüchtige Blicke auf sie und schrien nach Erlösung. Es waren ihre beiden Freunde Walter und Ulrich in Sündengestalt.“

    zumindest könnte dieses Ambiente durchaus als Kulisse für einen Initiationsritus dienen.

    😉

  4. der 123 – Fortgang im frühen Entwurf ist spannend.
    und
    völlig klar – und war auch damals schon immer verrückt genug-
    Grieche sucht Griechin,
    watn sons?

  5. @2: Das mag eine ziemlich gute Analyse dessen sein, was passiert, wenn jemandem ein Wahn (an-)diagnostiziert wird, doch wer macht diese Analyse? Der Analytiker oder der Analysand?
    Der unter einer Psychose Leidende hat keine Einsicht in die Wahnhaftigkeit seiner Vorstellungen und Einbildungen sowie Bedrohtheitsgefühlen und Ängste. Er sagt nicht: „mein Wahnsinn ist bloß“, weil er seine Wahn-Fantasien mit der realen Wirklichkeit verwechselt.

  6. @2: „In ihren kausalen Beziehungen ist, was ich tue und wie ich es tue, krank; weil sie das andere nicht sehn.“

    Hier wird eine Unterscheidung zwischen „ich“ und „sie“ sowie zwischen „krank“ und „nichtkrank“ ausgedrückt, die Sie als Psychiater wohl nie von einem Psychotiker gehört haben dürften.

  7. @Michael S.: Doch. Sie unterschätzen offensichtlich die Reflexionsfähigkeit von Menschen, die ein solches, unter bestimmten Umständen zur Zuschreibung des Etiketts „Psychotiker“ führendes, Verhalten zeigen…

  8. @7: Meiner Erfahrung nach ist die Reflexionsfähigkeit von Menschen, die ein solches, unter bestimmten Umständen zur Zuschreibung des Etiketts „Psychotiker“ führendes Verhalten zeigen, traumähnlich diffus und vorbegrifflich. Wahnvorstellungen und Wirklichkeit verschwimmen. Emotionalität dominiert die rationale Reflexion.
    Ein bedeutender Gedanke von Menschen, die ein solches, unter bestimmten Umständen zur Zuschreibung des Etiketts „Psychotiker“ führendes Verhalten zeigen, ist der, dass die anderen keinen Sinn für deren erlebte Wahrnehmungen und Ängste haben und dass sie allein verstehen, was wirklich vorgeht. Das impliziert, dass die Kommunikation zwischen ihnen nicht funktionieren kann, weil beide in unvereinbaren Denkwelten stecken.
    Jetzt die entscheidende Frage: Woran erkennen beide, welche Wirklichkeit die eigentliche ist und welche die Fantasiewirklichkeit? In den Arm kneifen hilft nicht.

  9. @7 Stimmt!
    … und diese Reflexionsfähigkeit kann auch durchaus nachvollziehbar sein, sofern man sich in einem Dialog bzw.Trialog o.ä. darauf einlassen kann

    @8 tja, gute Frage:
    „Woran erkennen beide, welche Wirklichkeit die eigentliche ist und welche die Fantasiewirklichkeit?“

    Wessen Wirklichkeit?
    Und gesetzt den Fall, man würde sich vergleichsweise rasch einig über die Definition,
    wie wirklich ist bzw. wäre dann die Wirklichkeit?

    „Man darf nicht glauben, daß der Wahnsinn sinnlos ist; er hat bloß die trübe, verschwimmende, vervielfältigende Optik der Luft über diesem Bad, und zuweilen war es Clarisse ganz klar, daß sie zwischen den Gesetzen einer anderen, aber durchaus nicht gesetzlosen Welt lebte. Vielleicht war der Gedanke, welcher ausschließlich alle diese Gemüter beherrschte, nichts anderes als das Streben, dem Ort der Entmündigung und des Zwanges zu entrinnen, ein unartikulierter Traum des gegen seinen vergifteten Kopf sich auflehnenden Körpers.“

    R. Musik, a.a.O. (@0) S. 1559

  10. @9: „Vielleicht war der Gedanke, welcher ausschließlich alle diese Gemüter beherrschte, nichts anderes als das Streben, dem Ort der Entmündigung und des Zwanges zu entrinnen, ein unartikulierter Traum des gegen seinen vergifteten Kopf sich auflehnenden Körpers.“

    Richtig. Eine Psychose ist Flucht in eine traumhafte Welt, Widerstand gegen die Zwänge der realen Welt und allerletzter Ausweg aus einer unerträglichen Situation.

    Das sind die Hilflosen.

    Freilich gibt es auch die Skrupellosen.

    Bei diesen ist die Psychose die kalkulierte Übersteigerung der genossenen Egomanie zum sozialen Autismus. Aus dem Einzelkind-Einzelkämpfer-IchbinderGrößte-Status leitet sich die eingebildete Berechtigung zu rücksichtloser Ausbeutung ihrer Mitmenschen ab (vgl. Donald Trump, Utz Claasen). Oder es sind frauenmordende Männer, die ohne jegliche Skrupel einen blutrünstigen Plan verfolgen, hinter ihrer charmanten Fassade manipulative
    Charakterzüge verbergen, Lügenkonstrukte aufbauen.

    Der Unterschied zwischen Psychopathen und Psychotikern: Sie zeigen keine Gehirnaktivität in Arealen, die mit dem Furchtsystem zusammenhängen. Kognitiv können sie die Folgen ihres Handelns durchaus begreifen, doch spüren können sie es nicht.
    Psychotiker dagegeben scheinen mir vor allem von ihren Ängsten bestimmt zu sein.

  11. @7: Würden Sie es als rationale Einsichtsfähigkeit bezeichnen, wenn ein Paranoiker behauptet, Gottes Sohn zu sein, Lahme gehend, Blinde sehend machen, über das Wasser laufen und von den Toten auferstehen zu können?
    Würden Sie es als rationale Einsichtsfähigkeit bezeichnen, wenn rund 2,26 Milliarden diesen Paranoiker als Heilsbringer anbeten und 2000 Jahre nach dessen Tod seine Rückkehr erwarten?
    Das paranoide Wahnsystem hat keine Einsichtsfähigkeit in ihre eigene Paradoxie und Absurdität, wie Niklas Luhmann darlegte („Die Religion der Gesellschaft“). Der Umgang der Religion mit dieser Paradoxie macht ihre Einmaligkeit aus: Sie setzt der Welt ein Jenseits entgegen und postuliert die Möglichkeit einer Einheit der Unterscheidung zwischen Realität und Fantasie: Gott. Diese Einheit ist zwar selbst im höchsten Maß paradox, doch in sich logisch: „Aller Sinn hat einen Sinn, der immanent nur nicht erkennbar ist, aber garantiert werden kann“, sofern man daran glaubt.

    Ähnlich verzwickt verhält es sich bei vielen Psychosen.

  12. @11: KORREKTUR
    Das paranoide Wahnsystem der Religion hat keine Einsichtsfähigkeit in seine Paradoxie und Absurdität, wie Niklas Luhmann darlegte („Die Religion der Gesellschaft“).

  13. @13: „Und ein geteilter Wahn ist das was wir Wirklichkeit nennen ..“
    Klingt nach der Haltung eines Psycho-Docs.

  14. @Michael S.: Ich vermute, dass Ihre persönliche Erfahrung im Umgang mit „akut psychotischen“ Menschen nur begrenzt ist. Ich habe jedenfalls als Psychiater niemanden getroffen, der zu 100% in seinem Wahn gelebt hat…

  15. …nicht mal in der akuten Phase, die zur Einweisung führte?
    Nach dem akuten Schub kehrt selbstverständlich die Einsichtsfähigkeit zurück. Erst in dieser post-akuten Phase erfolgen die Gespräche mit dem Psychiater.

  16. @13+15: Geteilter Wahn ist halber Wahn, und wir alle leben in einer therapeutischen Gemeinschaft, da wir bekanntlich alle ein bisschen Bluna sind?
    Dabei dachte ich, der Systemtheorie käme es auf Unterscheidungen an. Allerdings hat Luhmann kein Buch mit dem Titel „Das Wahnsystem der Gesellschaft“ verfasst, in dem er die Funktion der Psychose für die sozialen Systeme und die paradoxe Kommunikation in ihnen analysierte. Das hat dann FBS mit „Meine Psychose, mein Fahrrad und ich“ getan.
    Kurzum: Worauf wollen Sie in Ihrem Satz „81. Psychose“ hinaus?

  17. @16: Nicht mal in der akuten Phase…
    @17: Zur Psychose stehen viele Sätze in dem Buch. Was bislang kommentiert wurde, war nur die Überschrift ..

  18. Ja, und ab da wird es dann hochinteressant.
    @16 Eine Psychose hat selbst in der Akutphase keine Konstanz und unterliegt Schwankungen, die keinesfalls nur leidvoll und ängstlich erlebt werden.
    Der Umgang mit Psychotikern kann durchaus anregend und lustig sein. Sie trauen sichwas, was sich andere nicht trauen.
    Nur ist es eben ungeheuer schwer, einen Wahn im Vollbild noch durch gutes Zureden bzw. durch Debatten zu bremsen. Und zwar ohne massive Interventionen und ohnenMedikamente. Das muß wesentlich früher passieren.

    Im Grunde verhält es sich ähnlich wie mit dem Schmerz. Im schmerzhaften Erleben liegt auch keinerlei Konstanz. Was manche Menschen sich in Konvulsionen winden läßt, juckt
    Andere noch nicht einmal. Das muß keine völlige Indolenz sein, diese individuell sich ausprägenden Unterschiede im Erspüren. Dies kann auch auf einem besonderen Training beruhen, wie man an so manchen Fakiren beobachten kann.

    Nimmt man z.B. Siegfried Lenz, der ein wunderbares Essay „Über den Schmerz“ verfasst hat,
    (oder heißt das der Essay? es ist mir gerade entfallen und ich hab grad keinen Bock nach dem Artikel zu suchen),
    dann formuliert er darin einen Satz über „die Treulosigkeit des Körpers“.
    Einmal gelesen und ein solcher Satz bleibt als Metapher hängen.
    Darüber hinaus gibt es einfach Menschen, die mit einer gewissen Konstanz immer wieder
    Sätze neu formulieren könnten, die mir einem „artistic temperament“ begabt am Ball bleiben und solche AHA-Effekte in einer gewissen Regelmäßigkeit erzeugen können,
    als Künstler, als Schriftsteller, als Poeten …
    aber auch als Musiker etc.pp.

    Auf dieser Basis erscheint es auch logisch, daß Schmerz und Depression ineinander verzahnt sind, denn wer entscheidet sich schon freiwillig,
    sich extremen Schmerzen auszusetzen? Bzw. sich diese zuzufügen?
    Oder wer ein Leben im Psychopathentum führen?
    Es sei denn, er/sie/es ist etwas bekloppt.
    Und so etwas findet sich dann statistisch gehäuft in Familien und ist -bei Blutsverwandten- dann zumeist genetisch.
    Oder tritt dann eben, sofern es an Stringenz fehlt, zwischenzeitlich zumindest mal als Marke auf.
    https://www.youtube.com/watch?v=k0cXrif6OQQ
    https://www.youtube.com/watch?v=nr6GyinkWr0

  19. A geh. …
    und schon wieder herrscht ein Leck vor, im Hier und Jetzt der Kommentar-Spalte?
    … oder wollt Ihr mich veräppeln?

    Wo ich’s ohnehin eher mit der Nachtigall ick hör Dir trappsen hab,
    als wie mitten Cookies aus oder in HD.
    Und das mit dem zugewandten Corps als sama-fesch der
    CD-Version ist natürlich auch so ne Sache.

    Aber wie dem auch sei, ein Hang zum Wiener Schmäh mit dem ganzen Geschmeiß im Anhang bleibt in diesem Hause schließlich nicht zu leugnen.

    Nur sollte man -beim Tanz mit der Welt gepaart mit so manchen Gassenhauern – dann schon noch annähernd den Umschlag im Wetter leuchten in etwa zwischen sauertöpfisch und sauerländisch anpeilen , sonst kommt am Ende noch ein Ländler ausm Ländle um blast einem im Bellevue zur Feier des Tages den Marsch.

    https://www.youtube.com/watch?v=3h6ZZ28QtX4

  20. … aber hier kommt’s noch besser,
    wobei so ein Rumgedudel nicht unbedingt
    jedermanns Geschmack sein muß.

    … und manche in Nahaufnahme dabei auch ziemlich dämlich aus der Wäsche gucken,
    was aber eher einer ganz intensiven Konzentration geschuldet sein mag,
    sich in eine Trance zu trommeln. …

    https://www.youtube.com/watch?v=oBYVmnMFMtA

  21. @17+18: Welche Funktionen haben Psychosen?
    Verarbeitung von Traumatisierungen (Schizophrenie)?
    Vorschein einer anderen Welt (Paranoia)?
    Systemsprengende Transzendenz (Religion)?

    Welche Funktionen für die Systemtheorie haben Menschen, die ein solches, unter bestimmten Umständen zur Zuschreibung des Etiketts „Psychotiker“ führendes Verhalten zeigen?
    Dysfunktionale Störfälle, die Systemstörungen oder zumindest Kommunikationsstörungen indizieren (Seismografen, Frühwarnsysteme)?
    Systemüberwindende Visionäre (Siddhartha, Jesus, Mohammed, Laotse)?
    Krankheitssymptome der Gesellschaft, die Präventions- und Therapiemaßnahmen initiieren (Hitler, Stalin, Mao, Trump, Putin, Kim, Erdogan)?

  22. @21: „[…] einer ganz intensiven Konzentration geschuldet sein mag, sich in eine Trance zu trommeln […]“

    Das menschliche Ur-Bedürfnis nach Trance und Versenkung, Rausch und Transzendenz, die völlige Freiheit von den Grenzen des eigenen Körpers und von äußeren Zwängen – ob nun durch Musik, Tanz, Drogen, Meditation oder Religion erzeugt – zeigt sich auch in den vielfältigen Formen von betäubenden und bewusstseinserweiternden Substanzen, die der Mensch ge- und erfunden hat (gut zu sehen im Biopict „Rocketman“). Möglicherweise gehören Psychosen ebenfalls in diesen Kontext.

  23. Welche der rein subjektiven Empfindungen lassen sich in allen möglichen Modulationen, subtilen Überlagerungen, explosiven wie sanften Übergängen, aber auch in der Stille und Tiefe einer meditativen Versenkung am besten mitteilen? Und wie und wodurch?
    Wenn alle Kunst Übersetzung ist?
    Weshalb steht von allen Künsten die Musik der Mathematik am nächsten?
    Wie funktionieren denn diese Trancen, die einerseits beruhigend bis betäubend wirksam werden, aber auch anregen und stimulieren? Und was bewirkt denn die Übertragung von Schwingungen, die zum einen bewußtseinserweiternd, aber auch beruhigend als Klangbildern zum Tragen kommen?

    Hierzu eine vermutlich weniger bekannte Symphonie

    https://www.youtube.com/watch?v=eCO7le_6LzU

  24. Zwischen Musik und Religion gibt es vielerlei Beziehungen: Bekannte religiöse Texte sind unzählige Male vertont worden, religiöse Institutionen haben Kompositionen in Auftrag gegeben, in religiöser Architektur finden Konzerte statt. Warum berührt religiöse Musik Menschen oft eigentümlich, sogar solche, die sich als nicht-religiös empfinden? Sind Religiosität und Musikalität evolutionär-psychologisch analog zu verstehen? Haben Religion und Musik gleiche pränatale Wurzeln? Dienen sie denselben psychologischen Funktionen? Wie ist die manchmal therapeutische Wirkung von Musik (auch in psychotischen Kontexten) zu verstehen?

  25. @Michael S.: Nicht alles, was geschieht, hat eine (positive) Funktion. Manches hatte mal eine, ist nur nicht angemessen vergessen worden. Wer braucht als Erwachsener z.B. noch einen Bauchnabel?

  26. @27: Beim Bauchnabel leuchtet das ein, bei Psychosen nicht unmittelbar. Sind diese nicht als unbewusste Lösungsstrategien für aktuelle Problem zu begreifen?

  27. Michael – manchmal denke ich mir, Sie können froh sein, dass Sie das mit ihm (FBS) diskutieren dürfen. Ich hätte die Geduld nicht (habe sie auch nicht).
    Warum lesen Sie nicht meine Psychose, meine Fahrrad und ich?

  28. @17 „nicht angemessen vergessen“

    das gefällt mir als Erklärungs(-Versuch)

    und schließt an, für mich, an Kommunikation als Erklärungsprinzip für koordiniertes Verhalten.

    Psychose könnte somit verstanden werden als in der aktuellen Situation nicht angemessen koordiniertes Verhalten, als Verwechslung des kommunikativen Situation .., des Kontextes..

  29. Man kann die positive Funktion des psychotischen Verhaltens für denjenigen, der es zeigt, darin sehen, dass er oder sie nicht (!) verstanden wird – d.h. als Mittel der Bewahrung der eigenen Autonomie! (Deswegen scheitern die meisten Psychotherapeuten, wenn sie mit Psychotikern arbeiten.)

  30. @27+30: Prozesse des Vergessens und Verwechselns erfolgen unbewusst (vgl. Freud: Psychopathologie des Alltagslebens). Das Nicht-Vergessen-Können und die Verhaltens-Verwechslungen haben Gründe. Bei deren Verarbeitung hilft es, die ablaufenden bzw. nicht ablaufen wollenden Prozesse bewusst zu machen und zu akzeptieren.
    Das erfordert u.a. Geduld.

  31. @31: „[…] Mittel der Bewahrung der eigenen Autonomie! (Deswegen scheitern die meisten Psychotherapeuten, wenn sie mit Psychotikern arbeiten.)“
    Danke für Ihre geduldige Antwort!

    Anschlussfrage: Warum scheitern Psychiater nicht, wenn sie mit Psychotikern arbeiten?

  32. 31) So eine Form des „Kontaktverlusts“ ist aber doch eher eine Pseudoautonomie, denn die Wahlmöglichkeiten werden für Menschen mit akuten Psychosen zunächst einmal deutlich kleiner. Nichts mit gelebter Autonomie. Zwangseinweisung.

  33. @34: „Zwangseinweisung“
    Die Einweisung in die Psychiatrie stellt m.E. einen unbeabsichtigten Kollateralschaden dar in einem Prozess, der ohnehin unbeabsichtigt erfolgt. Eine Krankheit stellt m.E. ähnlich wie ein Unfall ein unerwartetes Ereignis dar, das einen Schaden verursacht. Die therapeutische Freiheitsberaubung in der Psychiatrie oder im Krankenhaus gehört mit zum Heilungsprozess, die im Zuge der Therapien (Psychopharmaka, Gespräche, Sport, Beschäftigung, Wiedereingliederung etc.) stufenweise gelockert wird.

  34. @33/34: Ja. Das ist lediglich Pseudoautonomie (wobei die Frage ist, was das Merkmal der Unterscheidung zwischen „echter“ und Pseudoautonomie ist/sein soll).
    Psychiater scheitern auch, obwohl sie nicht einmal zu verstehen versuchen. Zwangsmassnahmen zeigen jedenfalls das Nichtverstehen.
    Erfolgreich ist, wer das Nichtverstehen offensiv nutzt, d.h. eine Beziehung anbietet, die auf dem Nichtverstehen aufbaut.

  35. Darüber hab ich auch nachgedacht, seit ich das geschrieben habe. Pseudoautonomie soll wohl heißen „nicht unmittelbar anschlussfähige Form der Autonomie“…

    So eine Psychose kommt ja nicht mit der Intention des Betroffenen daher: jetzt probier ich mal Autonomie durch Nichtverstehen. Niemand macht seine „Psychose“. Das Label steht ja nur für nicht anschlussfähiges Verhalten als Überbegriff event mit einer starken emotionalen Färbung (beschriebener Zusatzaspekt). Anzunehmen es handle sich um Autonomie durch Nicht verstehen setzt Verstehen voraus, das nicht möglich ist. Wie soll das möglich sein? Verstehen ist zu keinem Zeitpunkt fassbar, daher auch nicht das Nicht Verstehen. Es bricht in manchen Bereichen (!) die anschlussfähige Kommunikation ab, keineswegs in „allen“. Daher ist es auch daneben, jemanden nur unter dem Label zu sehen. Denke da kann man auch ansetzen. Damit akzeptiert man das Nichtverstehen zumindest. Ist vielleicht ein guter erster Schritt (habe mal auf der Baumgartner Höhe auf der Akutstation gearbeitet und hatte Menschen mit „psychotischen Aspekten“ 😉 im Pflegekontext zu betreuen …).

  36. @37 „Niemand macht seine „Psychose“. Das Label steht ja nur für nicht anschlussfähiges Verhalten als Überbegriff event mit einer starken emotionalen Färbung (beschriebener Zusatzaspekt)“ …

    Nochmals: „Niemand macht seine Psychose, ermöglicht sie aber, läßt sie zu bzw. bietet dem Ablauf eines „psychotischen“ Geschehens ohne klar zu definierende Bezüge Raum …
    Wohin die Reise geht, bleibt zunächst offen … Was auch
    Oft fallen hierbei Hemmungen Grenzen zu überschreiten, und sich etwas NICHT Erlaubtem, NICHT Zulässigem, etwas NICHT Anschlußfähigem zu nähern und auszusetzen. Als Spiel mit der Balance zwischen aktiven bzw getrieben strebenden und dem Sog von passiv erduldeten bis erlittenen Anteilen, „verrückt“ sich etwas bzw. wird verrückt …

    Was jedoch entpuppt sich hierbei der zentrale Aspekt? Wenn nicht, daß etwas in Bewegung kommt, das successive in ein sich selbst völlig überziehendes, die eigenen Kräften übersteigendes Herausfallen aus einem bislang gewohnten, sozial reglementierten und einigermaßen anschlußtauglichen Zusammenhang mündet. Ein prozessuales Geschehen, das sich als zunächst auch als (in der Manie) euphorisch aufblühende, aber hochgradig absturzgefährdete Entfaltung einer Zweiseiten-Form manifestiert und so auch begleitend beschreiben läßt? Hierbei vollzieht sich immer auch ein kreativer Akt, gleichgültig, welche positive bzw. negative Wendung das Ganze nimmt und wie es schlußendlich ausgeht

    Beobachtet man den Unterschied zu einem bislang einigermaßen, bisweilen auch mehr schlecht als recht includierten „Aufgehoben- Seins innerhalb des „(sozialen) marked space“, so erweist sich selbstverständlich das Aussteigen bzw. Abdriften in den „unmarked space“ durch ein so bislang nicht Definiertes, wenn nicht gar überhaupt nicht Definierbarem als ein Übergang, als Grenzüberschreitung … mit einem Augang als open end. …

    Offen bleibt auch, ein re-entry die Risiken einer auf die Spitze getriebenen Prozesses auf- und abzufangen vermag. …

  37. @36: „eine Beziehung […], die auf dem Nichtverstehen aufbaut“

    Modelle für Beziehungen, die auf dem Nichtverstehen aufbauen, sind Liebesbeziehungen jeglicher Art: zwischen einem jungen Mann, der nicht weiß, wie Frauen ticken, und einer jungen Frau; zwischen einem Kleinkind und seiner schizophrenen Mutter, die beide in ihren träumerisch-kindlichen bzw. traumatisch-erwachsenen Welten leben und doch wundersam miteinander klarkommen; zwischen einem Angestellten und seinem cholerischen Chef, die immer wieder in Streit miteinander geraten, doch meist friedlich zusammenarbeiten; zwischen einer einfachen alten Frau und ihrem Bild von Jesus Christus; und schließlich die Beziehung zwischen einem Schüler/Studenten und seinem Lehrer/Professor, in der beide nicht verstehen, warum der jeweils andere ihn nicht verstehen kann.

  38. @ 39 … verstehe, Michael,
    genau genommen ist das Nicht-Verstehen ein völlig normaler Zustand, der sogar überproportional häufig auftaucht … jetzt einmal rein statistisch gesehen.
    😉

    Das Verrückte daran scheint doch nur zu sein, daß dies, sofern das Nicht-Verstehen in seinen Eigentümlicheiten in irgendeiner Form verbalisiert bzw. sonst irgendwie kontrapunktisch zum Ausdruck gebracht wird, nicht ins Bild zu passen und auch nicht in Einklang zu bringen scheint …

    aber ist das letzten Endes wirklich eine Tragödie?
    Johnny Cash war zwar nie mein Ding
    aber wenn man sich z.B. das mal anhört?

    https://www.youtube.com/watch?v=vt1Pwfnh5pc

    https://www.youtube.com/watch?v=SlHz4sFGWMU

  39. @32
    gehört wortloses, lautes Schreien in einer Konfliktsituation dazu ?

    Es gibt ja Situationen, die, subjektiv, wie sonst, als unerträglich erlebt werden…
    in denen jeder Kompromiss als unerträglich empfunden wird, als bedrohlich ..

    und den Konfliktpartnern als annehmbar erscheint …

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