84.2 Aufgrund der im Erleben unterschiedlich verorteten und als unterschiedlich beeinflussbar erlebten Ereignisse/Funktionen unterscheidet und bezeichnet das Individuum seine Lebenswelt in einen Bereich innen – eine unterschiedene Einheit – und einen Bereich außen, wobei die so unterschiedene und bezeichnete Einheit „innen“ Selbst genannt werden soll.

Literatur:

„Was begrenzt die Einheiten, was begrenzt »Dinge« und vor allem was, wenn überhaupt, begrenzt das Selbst?

Gibt es eine Linie oder eine Art Sack, von denen wir sagen können, daß »innerhalb« dieser Linie oder Grenzfläche das »Ich« ist, während sich »außerhalb« die Umgebung oder irgendeine andere Person befindet? Mit welchem Recht treffen wir diese Unterscheidungen?

Klar ist (auchwenn dies gewöhnlich ignoriert wird), daß sich die Antwort auf diese Fragen letzten Endes nicht in einer Sprache von Raum und Zeit formulieren läßt. »Innerhalb« und »außerhalb« sind keine geeigneten Metaphern für die Einbeziehung oder Ausschließung, wenn wir vom Selbst sprechen.

Der Geist enthält keine Dinge, keine Schweine, keine Menschen, keine Geburtshelferkröten oder was auch immer, sondern nur Ideen (d.h. Nachrichten von Unterschieden), Informationen über »Dinge« in Anführungszeichen, und immer in Ansführungszeichen. Entsprechend enthält der Geist auch keine Zeit und keinen Raum, sondern nur Ideen von »Zeit« und »Raum«. Darauf folgt, daß die Grenzen des Individuums, wenn sie überhaupt real sind, keine räumlichen Grenzen sind, sondern eher so etwas wie Figuren, die in mengentheoretischen Diagrammen Mengen darstellen, oder die Sprechblasen, die aus den Mündern der Personen in Comic Strips kommen.“

Bateson, Gregory (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 163f.




4 Gedanken zu „84.2 Aufgrund der im Erleben unterschiedlich verorteten und als unterschiedlich beeinflussbar erlebten Ereignisse/Funktionen unterscheidet und bezeichnet das Individuum seine Lebenswelt in einen Bereich innen – eine unterschiedene Einheit – und einen Bereich außen, wobei die so unterschiedene und bezeichnete Einheit „innen“ Selbst genannt werden soll.“

  1. @ „Grenzen des Individuums/Selbst = Sprechblasen in Comic Strips“
    Dieser Vergleich passt m.E. in den aktuellen Trend zur totalen Veralberung. Der Zwang zur Lustigkeit ist in vielen Bereichen derartig groß, dass die Ernsthaftigkeit manchmal verlorengeht – natürlich nicht bei Bateson, dessen Problematisierung der Grenzfläche des »Ich« erinnert mich an den frühen Handke. Seine Sprach-Exerzitien in „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ von 1969 suchten zu beweisen, dass nicht wir uns der Sprache bedienen, sondern sie sich unserer. Die Texte dieses Prosa-Bandes benutzen ein grammatisches Modell und verwirklichen dieses mit Sätzen, die nach ihm formuliert sind. Die Sätze sind jeweils Beispiele, Satzspiele. Weil jeder Satz ein Beispiel für das Modell ist, ergibt sich jeder Text in der Regel als eine Anordnung von syntaktisch ähnlichen Sätzen, die zwar, einzeln genommen, Beschreibungen sind, durch die Reihung jedoch das Modell kenntlich machen und auf diese Weise sowohl beschreiben als auch die Beschreibung als Beispiel einer vorgefassten sprachlichen Struktur, als Satz zeigen: Jeder Satz hat eine Geschichte. Ergebnis ist, dass die satzweise Beschreibung der Außenwelt sich zugleich als Beschreibung der Innenwelt, des Bewusstseins des Autors erweist, und umgekehrt und wieder umgekehrt.

  2. M.E. hat sich die Unterscheidung zwischen Innen und Außen in der Alltagspraxis bewährt. Die Einheit von Innen und Außen sowie die Freiheit von Raum und Zeit lassen sich lediglich im Kloster erleben und leben.

  3. Der verhilft nicht zur geistigen Befreiung von Raum und Zeit mit folgendem Einheitserlebnis, sondern zur Seinsvergessenheit und Erlebnislosigkeit.

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