84.3.1 Ein psychisches System konstruiert die identitätsbildenden Merkmale seiner eigenen Person bzw. deren Muster sowohl durch die Identifikation mit zeitüberdauernden Merkmalen seines Körpers und der ihm kommunikativ zugeschriebenen Merkmalen als Person als auch mit Eigenschaften, die den Mitgliedern der sozialen Systeme (=Kulturen), denen es sich zugehörig fühlt, zugeschrieben werden.

Georges Devereux betont, dass bei der Bildung der ethnischen Identität zunächst die Abgrenzung gebenüber der Ehnie, zu der das Individuum nicht gehört erfolgt. Das dürfte auch für andere Aspekte der persönlichen Indentitätsbildung und ihres Erhalts gelten. Näher betrachtet liegt es auch nahe, zunächst die Aufmerksamkeit auf äußerlich wahrnehmbare Unterschiede zu sich selbst zu legen, und später erst inhaltlich zu definieren (zu suchen, und evt. zu finden), wer oder was die eigenen Merkmale denn sind bzw. zu wem, zu welcher Gruppe von Menschen man denn gehören will.

Anzumerken ist vielleicht noch, dass auch die Definition des „Volks“, wie sie von Populisten weltweit verwendet wird, darin besteht, das „eigene Volk“ durch die Merkmale und Charakteristika zu bestimmen und abzugrenzen, die es nicht (!) zeigt. Insofern kann dies als ein – unverfälschtes – archaisches Muster verstanden werden – archaisch in Bezug auf die Identitätsentwicklung des Individuums als auch in Bezug auf die sozialer Einheiten…

 

Literatur:

„In logischer Hinsicht setzt die ethnische Identität zwei symmetrische Bestimmungen voraus:

1. A ist ein X (Brassidas ist ein Spartaner);

2. A ist ein Nicht-X (Brassidas ist kein Athener).

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß das ethnische Identitätsmodell eines als völlig isoliert unterstellten Stammes vollständig mit seinem menschlichen Identitätsmodell übereinstimmt. Es hört erst dann auf, sich mit diesem zu decken, wenn die Gruppe mit einer anderen in Berührung kommt und sich im Unterschied zu ihr bestimmt. Bei der Analyse – und vielleicht auch in der historischen Entwicklung – der Bedeutung ethnischer Identität geht die Aussage: »A ist nicht ein Nicht-X« (»sie«) der Aussage: »A ist ein X« (»wir«) voraus.“

Devereux, Georges (1970): Die ethnische Identität. Ihre logischen Grundlagen und ihre Dysfunktionen. In: ders. (1972): Ethnopsychoanalyse. Die komplementaristische  Methode in den Wissenschaften vom Menschen. Frankfurt (Suhrkamp) 1978, S. 148..




3 Gedanken zu „84.3.1 Ein psychisches System konstruiert die identitätsbildenden Merkmale seiner eigenen Person bzw. deren Muster sowohl durch die Identifikation mit zeitüberdauernden Merkmalen seines Körpers und der ihm kommunikativ zugeschriebenen Merkmalen als Person als auch mit Eigenschaften, die den Mitgliedern der sozialen Systeme (=Kulturen), denen es sich zugehörig fühlt, zugeschrieben werden.“

  1. Stimmt das logisch: „2. A ist ein Nicht-X (Brassidas ist kein Athener).“?
    Wäre es nicht klarer, wenn e „2. A ist ein Nicht-Y (Brassidas ist kein Athener).“ hieße?

  2. @2: Sie hätten recht, wenn X für „Spartaner“ stehen würde – und so kann man das ja wirklich lesen. Der Kontext zeigt aber, dass es dem Autor weder um Spartaner noch um Athener geht, sondern um irgendeine (=X) Zugehörigkeit. Identität wird zunächst durch die Wahrnehmung und Feststellung dessen, was man nicht ist, gebildet, d.h. durch Abgrenzung und Negativdefinition – z.B. beim Individuum in der Trotzphase -, und erst später durch die Positivdefinition dessen, was man sich gern als Eigenschaften und -arten zugeschrieben sehen möchte…

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