84.5 Soziale Identität: Die persönliche Identität eines psychischen Systems wird (neben den körperlichen Merkmalen) durch die Zugehörigkeiten zu charakteristischen (=Identität stiftenden) sozialen Systemen (=Kulturen) und/oder durch die Abgrenzung gegenüber bestimmten (=Negativ-Identität stiftenden) sozialen Systemen (=Kulturen) bestimmt.

Literatur:

„Der Gruppenaspekt persönlicher Identität ist nicht, was erst spät in der Entwicklung des Individuums entsteht, sondern existiert bereits zu Beginn des Lebenszyklus des Menschen. Obwohl Freud immer fest bei seiner Meinung blieb, daß Individualpsychologie von Anbeginn an zugleich Sozialpsychologie sei, tendierten Psychoanalytiker mit der bei ihnen üblichen Betonung des Körperbildes in der Psyche dazu, die Existenz von Gemeinschaft in der Psyche herunterzuspielen. Sie haben auch weiterhin den sozialen , den polis-Aspekt dess menschlichen Daseins als etwas von außen Aufgesetztes betrachtet, wodurch die Durchsetzung der Wünsche und Bedürfnisse des Selbst gefährdet sei, oder als etwas, was – im Falle der Masse – zerstörerisch für das individuelle Selbst und die Identität sei.“

Kakar, Sudhir (1996): Die Gewalt der Frommen. Zur Psychologie religiöser und ethnischer Konfikte. München (C. H. Beck) 1997, S. 289.




3 Gedanken zu “84.5 Soziale Identität: Die persönliche Identität eines psychischen Systems wird (neben den körperlichen Merkmalen) durch die Zugehörigkeiten zu charakteristischen (=Identität stiftenden) sozialen Systemen (=Kulturen) und/oder durch die Abgrenzung gegenüber bestimmten (=Negativ-Identität stiftenden) sozialen Systemen (=Kulturen) bestimmt.”

  1. Interessant ist wie soziale Identität schon im Säuglingsalter zu beobachten ist:

    Ein unbekannter Mensch nähert sich dem Kind, 9 Monate jung,
    das Kind schaut den Unbekannten an,
    dann seine Mutter,
    und bei Lächeln der Mutter wieder zu dem neuen Gesicht …

    – persönliche Beobachtung –

  2. In den aktuellen sozial-politischen Debatten lauten die Schlüsselbegriffe nicht mehr soziale Ungleichheit und Ausbeutung, sondern Gleichberechtigung und Identität. Gerechtigkeit bedeutet nicht mehr den Ausgleich vertikaler Ungleichheiten als vielmehr die Verringerung horizontaler Diskriminierungen entlang kultureller Merkmale. Daher lässt das Klassenbewusstsein nach, während die symbolischen Bestrebungen nach Zugehörigkeit zunehmen (z.B. das Massenphänomen der Tattooisierung als scheinbar individuellem Persönlichkeitsausdruck). Im Rausch der beschleunigten Datengeschwindigkeit und der kulturell durchmischenden Globalisierung steigt die Sehnsucht nach familiärer Verankerung und Identität. Der sozio-politische Diskurs erfolgt daher nicht mehr links gegen rechts (mal abgesehen von einem Kevin Kühnert), sondern findet zwischen einem liberalen und einem identitären Lager statt.

  3. Ein Tattoo drückt die persönliche Identität eines psychischen Systems durch die Zugehörigkeit zu charakteristischen (tätowierten) sozialen Systemen und durch die Abgrenzung gegenüber bestimmten (nicht tätowierten) sozialen Systemen aus.
    Dazu veröffentlicht die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ in ihrer heutigen Ausgabe auf Seite 1 Zahlen und Aussagen von Betroffenen und Verbänden. „Das Tattoo ist inzwischen sehr sichtbar“, sagt der Bundesverband Tattoo. Noch vor 20 Jahren seien Menschen mit solchen Tätowierungen „absolute Outlaws“ gewesen. Heute sei das Tattoo hingegen nicht mehr Ausdruck von Rebellion, sondern ein Zeichen von Anpassung. Der Verband der Deutschen Orgnisierten Tätowierer spricht von einer „Massenbewegung“.
    Ein ganzseitiger Bericht über den aktuellen Wandel unseres Körperbilds (Seite 13) zitiert aus einer Studie der Universität Leipzig, dass in Deutschland mittlerweile jeder Fünfte tätowiert sei. Unter den Frauen zwischen 15 und 34 sei es sogar die Hälfte. Dieser Trend drücke das Bedürfnis aus, „individuelle, häufig super persönliche Erfahrungen auf der Haut abzubilden“. Dabei gehe es um die Sehnsucht nach sozialer Distinktion durch die Personalisierung des eigenen Körpers.

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