84.5 Soziale Identität: Die persönliche Identität eines psychischen Systems wird (neben den körperlichen Merkmalen) durch die Zugehörigkeiten zu charakteristischen (=Identität stiftenden) sozialen Systemen (=Kulturen) und/oder durch die Abgrenzung gegenüber bestimmten (=Negativ-Identität stiftenden) sozialen Systemen (=Kulturen) bestimmt.

Literatur:

„Die Individualität von A kann vollständig und eindeutig bestimmt werden, indem alle seine Klassenidentitäten aufgezählt werden, d.h. indem einen unwiederholbare Häufung (sei sie strukturiert oder unstrukturiert) von A betreffenden Informationen (von bestimmbarer Ungenauigkeit) erstellt wird. In Anbetracht dessen wird klar, daß das Auswahlverfahren in Bezug auf Segmente des Repertoires, die A in seinem Verhalten aktualisiert, A einmalig macht – und sogar außßergewähnich schöpferisch und Spontan. A wird also einmalig und von allen anderen Individuen unterschieden sein, und wird sich uns auch so präsentieren. Das geschieht durch seine, zum Zwecke ganz spezifischer Anwendung getroffene Auswahl bestimmter Bereiche aus seinem möglichen Gesamtrepertoire; denn diesebe Auswahl wiederholt sich bei niemand anderem. Da die Auswahl gewisser Semente unter einem anderen Aspekt als Selbstattribuierung einer Serie von Klassenzugehörigkeien angesehen werden kann, läßt sich die einmalige Identität von A durch Aufzählen aller seiner Klassenidentitäten bestimmen – oder wenigstens durch Aufzählen einer genügenden Anzahl dieser Klassenidentitäten, um auszuschließen, daß irgendeine andere Person B ebenfalls zu all diesen gehört.

Sobald ein Individuum eine ausreichende Zahl genügend vielfältiger Klassenidentitäten besitzt, wird jede einzelne ein »Werkzeug« und ihre Gesamtheit eine Art »Werkzeugkasten«, wodurch sein einmaliges Persönlichkeitsmuster (pattern) gesellschaftlich aktualisiert und wirksam wird.“

Devereux, Georges (1970): Die ethnische Identität. Ihre logischen Grundlagen und ihre Dysfunktionen. In: ders. (1972): Ethnopsychoanalyse. Die komplementaristische  Methode in den Wissenschaften vom Menschen. Frankfurt (Suhrkamp) 1978, S. 164f.

„Der Gruppenaspekt persönlicher Identität ist nicht, was erst spät in der Entwicklung des Individuums entsteht, sondern existiert bereits zu Beginn des Lebenszyklus des Menschen. Obwohl Freud immer fest bei seiner Meinung blieb, daß Individualpsychologie von Anbeginn an zugleich Sozialpsychologie sei, tendierten Psychoanalytiker mit der bei ihnen üblichen Betonung des Körperbildes in der Psyche dazu, die Existenz von Gemeinschaft in der Psyche herunterzuspielen. Sie haben auch weiterhin den sozialen , den polis-Aspekt dess menschlichen Daseins als etwas von außen Aufgesetztes betrachtet, wodurch die Durchsetzung der Wünsche und Bedürfnisse des Selbst gefährdet sei, oder als etwas, was – im Falle der Masse – zerstörerisch für das individuelle Selbst und die Identität sei.“

Kakar, Sudhir (1996): Die Gewalt der Frommen. Zur Psychologie religiöser und ethnischer Konfikte. München (C. H. Beck) 1997, S. 289.




14 Gedanken zu „84.5 Soziale Identität: Die persönliche Identität eines psychischen Systems wird (neben den körperlichen Merkmalen) durch die Zugehörigkeiten zu charakteristischen (=Identität stiftenden) sozialen Systemen (=Kulturen) und/oder durch die Abgrenzung gegenüber bestimmten (=Negativ-Identität stiftenden) sozialen Systemen (=Kulturen) bestimmt.“

  1. Interessant ist wie soziale Identität schon im Säuglingsalter zu beobachten ist:

    Ein unbekannter Mensch nähert sich dem Kind, 9 Monate jung,
    das Kind schaut den Unbekannten an,
    dann seine Mutter,
    und bei Lächeln der Mutter wieder zu dem neuen Gesicht …

    – persönliche Beobachtung –

  2. In den aktuellen sozial-politischen Debatten lauten die Schlüsselbegriffe nicht mehr soziale Ungleichheit und Ausbeutung, sondern Gleichberechtigung und Identität. Gerechtigkeit bedeutet nicht mehr den Ausgleich vertikaler Ungleichheiten als vielmehr die Verringerung horizontaler Diskriminierungen entlang kultureller Merkmale. Daher lässt das Klassenbewusstsein nach, während die symbolischen Bestrebungen nach Zugehörigkeit zunehmen (z.B. das Massenphänomen der Tattooisierung als scheinbar individuellem Persönlichkeitsausdruck). Im Rausch der beschleunigten Datengeschwindigkeit und der kulturell durchmischenden Globalisierung steigt die Sehnsucht nach familiärer Verankerung und Identität. Der sozio-politische Diskurs erfolgt daher nicht mehr links gegen rechts (mal abgesehen von einem Kevin Kühnert), sondern findet zwischen einem liberalen und einem identitären Lager statt.

  3. Ein Tattoo drückt die persönliche Identität eines psychischen Systems durch die Zugehörigkeit zu charakteristischen (tätowierten) sozialen Systemen und durch die Abgrenzung gegenüber bestimmten (nicht tätowierten) sozialen Systemen aus.
    Dazu veröffentlicht die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ in ihrer heutigen Ausgabe auf Seite 1 Zahlen und Aussagen von Betroffenen und Verbänden. „Das Tattoo ist inzwischen sehr sichtbar“, sagt der Bundesverband Tattoo. Noch vor 20 Jahren seien Menschen mit solchen Tätowierungen „absolute Outlaws“ gewesen. Heute sei das Tattoo hingegen nicht mehr Ausdruck von Rebellion, sondern ein Zeichen von Anpassung. Der Verband der Deutschen Orgnisierten Tätowierer spricht von einer „Massenbewegung“.
    Ein ganzseitiger Bericht über den aktuellen Wandel unseres Körperbilds (Seite 13) zitiert aus einer Studie der Universität Leipzig, dass in Deutschland mittlerweile jeder Fünfte tätowiert sei. Unter den Frauen zwischen 15 und 34 sei es sogar die Hälfte. Dieser Trend drücke das Bedürfnis aus, „individuelle, häufig super persönliche Erfahrungen auf der Haut abzubilden“. Dabei gehe es um die Sehnsucht nach sozialer Distinktion durch die Personalisierung des eigenen Körpers.

  4. Der Begriff „soziale Identität“ widerspricht der zuvor gefassten Definition von Identität als „Einmaligkeit, Einzigartigkeit, Individualität“, den das Soziale, Kulturelle und schon gar die Klassenzugehörigkeit macht den Einzelnen zum Teil einer Gruppe mit gleichen oder ähnlichen Eigenschaften und Merkmalen.

  5. @4: Die Zugehörigkeit ist nur eine von vielen, so dass die Gruppe oder meinetwegen auch Ethnie, der Stamm, die Nation oder der Gesangsverein durchaus die Teilhabe an einer einmaligen sozialen Identität bieten kann, aber das Individuum findet seine Identität durch die spezifische Menge der es charakterisierenden vielen Zugehörigkeiten. (Steht übrigens auch im gedruckten Buch, das Sie noch nicht lesen konnten.)

  6. @5: Google und Amazon bauen ihr überaus erfolgreiches Geschäftsmodell darauf auf, dass „die spezifische Menge der es charakterisierenden vielen Zugehörigkeiten“ eines Individuums nicht dessen „Einmaligkeit, Einzigartigkeit“ garantiert und damit auch keine „Identität“, sofern man diese als „Einmaligkeit, Einzigartigkeit“ definiert. Doch die Definitionen von „Identität“ sind vielfältig: „Identität ist die Gesamtheit der Eigentümlichkeiten, die eine Person kennzeichnen und als Individuum von anderen unterscheiden.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Identität

  7. @6: „Personen“ und ihre „Eigentümlichkeiten“ sind soziale Konstrukte.

    (Gibt es ein Leben ausserhalb von Wikipedia?)

  8. @7: Natürlich, und zwar in den „Formen“, dem Wikipedia der Systemiker/Konstruktivisten.
    „Das im Carl-Auer-Verlag […] publizierte Buch „Formen“ beschäftigt sich auf einer ganz allgemeinen – d.h. formalen – Ebene mit der Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen dem Organismus des Menschen, seiner Psyche und den sozialen Systemen, in denen er lebt bzw. an denen er sich beteiligt – genauer gesagt: den Wechselbeziehungen zwischen der Dynamik biologischer Prozesse, der individuellen Psychodynamik und den Kommunikationsmustern in gesellschaftlichen Systemen.“ https://carl-auer-akademie.com/blogs/formen/

  9. „durch die Zugehörigkeit zu …“

    Die eigene Kultur, und damit identitätsstiftende Inhalte, ist uns so selbstverständlich, dass wir sie nur bei gezielter Betrachtung bemerken, nur im Unterschied zu anderen Kulturen.

    In unserem christlichen Mythos vom Paradies werden Unterschiede nicht bewertet, paradiesische Zustände. Es wird nicht infrage gestellt, pragmatische Paradoxien existieren nicht.

  10. @9: Das dürfte auch mit der christlichen Tradition aristotelischen Denkens zu tun haben… – im Gegensatz zur ostasiatischen Kultur (z.B. Taoismus, Zen…), wo das Denken in Paradoxien seit Jahrhunderten gepflegt wird.

  11. Gestolpert bin ich über die Bewertung.
    Diese wird im ZEN überwunden, bzw. es ist das Ziel einer Ausbildung sich aus der Paradoxie zu befreien und auf einer höheren kognitiven Ebene handlungsfähig zu werden ohne den Kontext zu verlassen.

  12. die Bewertung im christlichen Mythos, oder besser gesagt die Einführung der Bewertung

    Gott/Teufel als 1.Unterscheidung, bzw. Paradies/ Hölle
    der als 2. Unterscheidung Gut/Böse folgt, die als Ausgeburt der Hölle verstanden werden kann ..

    wie im Faust zitiert „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft ..

    Gekommen bin ich auf diese Assoziation, da einige, mehrerere Individuen ein gottgegebenes Verständnis für diese Welt kommunizieren, wie sie ist bzw. sein sollte, paradiesisch eben, weitere Unterscheidungen sind nicht erlaubt, und jede weitere aristotelische Differenzierung, einschließlich pragmatischer Paradoxien für Teufelswerk halten ..

  13. Mesotes (μεσότης, griechisch „Mitte“) ist ein Terminus der antiken Philosophie, der durch Aristoteles in die Ethik eingeführt wurde. Er bezeichnet laut Aristoteles die Stellung einer Tugend zwischen zwei einander entgegengesetzten Lastern, dem „Übermaß“ und dem „Mangel“.
    Ein Beispiel ist die Tugend „ἀνδρεία“ (andreia). Wer die ἀνδρεία hat, ist ἀνδρεῖος (mannhaft, tüchtig, mutig und tapfer) und heißt „ὁ ἀνδρεῖος“ (der Mannhafte, Tüchtige). Die ἀνδρεία steht als Mesotes (Mitte bzw. mittlere Disposition) zwischen „Tollkühnheit“ und „Feigheit“. Diese jeweilige Mitte ist allerdings nicht ein arithmetisch mittlerer Punkt, der durch zwei gegenseitige Laster eindeutig bestimmt wird, sondern sie versteht sich als ethische Handlungsmöglichkeit, die den Besonderheiten der Personen Rechnung trägt. Diese Mitte ist subjektiv und situationsabhängig durch die Vernunft des Einzelnen bestimmt und kann sich zwischen zwei Personen unterscheiden. Dementsprechend zeigt sich die Vorstellung vom guten Leben laut Aristoteles als eine „mittlere Lebensform“:
    Daher ist die Tugend ihrem Wesen (ousia) nach, das heißt nach der Definition, die angibt, was es heißt, dies zu sein (to ti en einai), eine Mitte; im Hinblick darauf aber, was das Beste (ariston) und das gute Handeln (eu) ist, ist sie ein Extrem. – Nikomachische Ethik, 2. Buch, Abschnitt 6 (1106b-1107a)
    Weitere Beispiele:
    Stumpfsinn – Mäßigkeit – Zuchtlosigkeit
    Verschwendung – Freigiebigkeit – Geiz
    Schmeichelei – Freundlichkeit – Streitsucht
    Intoleranz – Toleranz – Ignoranz

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