85.8 Tod des Beobachters = Ende seines Beobachtens, Ende seines Unterscheidens und Ende seines Bezeichnens, Ende seiner Kreation von Formen.

Literatur:

„Die Philosophie weiß auf alles ein artiges Merkwort. – Auf den Tod weiß sie ein ganzes Sortiment; das Elend war nur sie gerieten meinem Vater alle auf einmal in den Kopf, so daß es schwer hielt, sie zu einer leidlich folgerechten Parade aufzureihen. – Er nahm sie also, wie sie kamen.

»’s ist ein unausweichliches Geschick« – »das erste Statut der Magna Charta« – es ist eine immerwährende Parlamentsakte, mein lieber Bruder, – »Ein jeglicher muß sterben«.

»Hätte mein Sohn nicht sterben können, so wäre dies ein Wunder, – nicht aber, daß er tot ist.«

»Monarchen und Prinzen tanzen im gleichen Reigen mit uns.«

”- Sterben ist die große Schuld, der große Tribut, den wir an die Natur zahlen müssen: Gräber und Monumente, die unser Angedenken immerwährend erhalten sollten, entrichten ihn gleichfalls; und die stolzeste Pyramide von allen, welche Reichtum und Wissenschaft türmten, hat ihre Spitze eingebüßt und steht verstümmelt am Horizont des Wanderers.« (Mein Vater empfand bedeutende Erleichterung und fuhr fort) – »Haben Königreiche und Provinzen, und Dörfer und Städte nicht ihre Epochen? Und wenn jene Prinzipien und Mächte, welche sie zuerst verbanden und zusammenkitteten, ihre verschiedenen Evolutionen durchlaufen haben, so sinken sie zurück.«

(…)

»Wo sind Troja und Mykene und Theben und Delos und Persepolis und Agrigent« – fuhr mein Vater fort, indem er nach seinem Poststraßenbuch griff, das er hiebevor weggelegt hatte. – »Was, Bruder Toby, ist aus Ninive und Babylon, aus Kyzikos und Mytilene geworden? Die herrlichsten Städte, über denen die Sonne aufgegangen , sind izt nicht mehr: nur ihre Namen sind noch geblieben, und auch die (denn viele davon werden falsch geschrieben) verrotten stückweis und werden im Laufe der Zeit vergessen und mit allem anderen in ewige Nacht gehüllt sein: Die Welt selbst, Bruder Toby, muß – muß einmal ein Ende nehmen.

Bei meiner Rückkehr aus Asien, da ich von Aegina nach Megara segelte« (wann mag das wohl gewesen sein? dachte Onkel Toby). »begann ich das Land ringsumher zu betrachten. Aegina lag hinter mir, Megara vor mir, Pyräus zu meiner Rechten, Korinth zur Linken. – Was für blühende Städte, die jetzt im Staub darniederliegen! Ach! sagte ich zu mir, wie kann der Verlust eines Kindes eines Menschen Seele betrüben, wo so Großes so schauerlich vor seinem Blick begraben liegt — Bedenke, sagte ich abermals zu mir — bedenke, du bist ein Mensch«.—

(…)

„Es ist kein so großer Unterschied, Bruder Toby, zwischen Gutem und Bösem, als wie die Welt vermeint.« — (Diese Art von Eröffnung war nebenbei bemerkt nicht eben dazu angetan, meines Onkel Toby’s Argwohn zu zerstreuen.) — »Arbeit, Kummer, Sorge, Krankheit, Not und Leid sind die Würze des Lebens.« — Wünsche wohl zu speisen — sagte mein Onkel Toby bei sich.—

„Mein Sohn ist tot! — desto besser; — eine Schande wär’s, wenn man in einem solchen Sturm bloß einen Anker hätte. Aber er ist für immer von uns gegangen! — sei’s drum. Er ist dem Barbier unter den Händen entschlüpft, bevor er kahl geworden – er ist nur vom Schmause aufgestanden, bevor er übersättigt war — vom Zechgelag‘, eh daß er trunken worden.«

»Die Thrazier weinten, wenn ein Kind geboren ward« — (und wir waren nahe daran, sprach mein Onkel Toby) — »und tafelten und waren vergnügt, wenn ein Mensch von hinnen schied; und zwar mit Recht. — Der Tod öffent das Tor zum Ruhm und schließt das Tor des Neides hinter sich, — er löst die Kette des Gefangenen und legt die Last des Leibeigenen in eines anderen Mannes Hände.«

»Zeige mir den Mann, der das Leben kennt und ihn fürchtet, so will ich dir einen Gefangenen zeigen, der es vor seiner Freiheit bangt.«

(…)

Was ist er? — Besser in der Schlacht! fuhr mein Vater lächelnd fort, denn meinen Bruder Bobby hatte er rundweg vergessen — er ist keineswegs grauenvoll — denn sieh‘ nur, Bruder Toby, — wenn wir sind — so ist der Tod nicht, — und wenn der Tod ist — so sind wir nicht. Mein Onkel Toby legte die Pfeife nieder, um diese Behauptung zu erwägen; meines Vaters Beredsamkeit war zu geschwind, um auf jemanden zu warten — sie stürmte weiter, — und riß meines Onkel Toby’s Gedanken mit sich dahin.—

Deswegen, fuhr mein Vater fort, lohnt es die Erinnerung, wie wenig Veränderung das Nahen des Todes in großen Männern bewirkt hat. — Vespasian starb scherzend auf seinem Nachtstuhl — Galba  mit einer Sentenz — Septimius Severus über einer Depesche — Tiberius mit einer Verstellung und Caesar Augustus bei einem Kompliment. — Ich hoffe, es war ein aufrichtiges — sprach mein Onkel Toby.

— Es galt seiner Frau, sagte mein Vater.“

Sterne, Laurence (1761): Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Zürich (Haffmans) 1988, Bd. V, S. 34 – 42.

 

 




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