9.1 Die Genese zusammengesetzter Einheiten kann entweder durch Kopplung (=Assoziation) von bis dahin separaten Einheiten oder durch Ausdifferenzierung (=Dissoziation) neu entstehender Untereinheiten erfolgen.

Ob man die eine oder die andere Erklärung wählt, hängt davon ab, was man als Ausgangslage betrachtet.

Wenn man zunächst ein System betrachtet, d.h. von seinen Umwelten unterscheidet, oder unterstellt, dass dies zunächst gegeben war, und dann den Fokus auf die Prozesse und Entwicklungen in seinem Inneren richtet und eine zunemende Differenzierung durch weiter interne System-Umwelt-Unterscheidungen beobachtet, so kann von Ausdifferenzierung gesprochen werden. Dabei werden Zusammenhänge, die zunächst gegeben waren bzw. als Einheit beobachtet wurden, dissoziiert.

Wir hingegen der Blick auf mehrere zunächst als nebeneinander beobachtbare Systeme gerichtet, die füreinander Umwelten bilden, und dann ihr Zusammenschluss (Kopplung) zu einem übergeordneten System beobachtet, so lässt sich von Assoziation sprechen.

Zur Erinnerung: All diese Beschreibungen und Erklärungen und Benennungen von Prozessen bzw. ihren Ergebnissen, sind von Beobachtern vorgenommen. Es geht dabei aus konstruktivistischer Sicht nie um Seinsaussagen. Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Entwicklung eines Systems als zusammengesetzter Einheit tatsächlich als Assoziation von bis dato autonomen Einheiten entwickelt bzw. – zum Beispiel bei der Entwicklung von Mehrzellern in der Evolution der Lebewesen (siehe unten Maturana/ Varela) – tatsächlich so abgespielt hat. Auf jeden Fall lassen sich heute Eheschließungen, Firmen- und Vereinsgründungen etc. so erkären und nach diesem Modell vollziehen.

 

Literatur:

„Systemdifferenzierung ist somit nichts anderes als eine rekursive Systembildung, die Anwendung von Systembildung auf ihr eigenes Resultat. DAbei wird das System, in dem weitere Systeme entstehen, rekonstruiert durch eine weitere Unterscheidung von Teilsystem und Umwelt. Vom Teilsystem aus gesehen, ist der Rest des umfassenden Systems jetzt Umwelt. DAs Gesamtsystem erscheint für das Teilsystem dann als Einheit der Differenz von Teilsystem und Teilsystemumwelt. Sie Systemdifferenzierung generiert, mit anderen Worten systeminterne Umwelten. Es handelt sich also, um einen schon oft benutzten Begriff wiederzuverwenden, um ein »re-entry« der Unterscheidung von SYstem und Umwelt in das durch das durch sie Unterschiedenen, in das System.“

Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp) S. 597.

„Solch eine Zellzusammenballung ist biologisch nicht notwendig, was darin zeigt, daß viele Lebewesen in der langen Geschichte ihrer Existenz einzellig geblieben sind. Bei jenen Zellen jedoch, bei denen sich eine Zellanhäufung bildet, die zu einem Metazeller führt, sind die Konsequenzen für die jeweilige Geschichte  des strukturellen Wandels tiefgreifen.“

Maturana, Humberto, Francisco Varela (1984): Der Baum der Erkenntnis. Bern (Scherz) 1987, S. 90.




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