9.1.2 Ausdifferenzierung: Die Teilung einer bis dahin nicht-zusammengesetzten Einheit in eine aus Untereinheiten (=Elementen/Komponenten) gebildete, zusammengesetzte Einheit.

Figur 13

Ein gutes Beispiel für Ausdifferenzierung ist die Entwicklung sozialer Systeme im Laufe der abendländischen Geschichte. Bei den alten Griechen gab es im Prinzip nur zwei Typen sozialer Systeme: die Polis (d.h. die Stadt bzw. den Staat, was damals noch dasselbe war) und das „Haus“ (Oikos), eine Gemeinschaft von Menschen, die zum Teil miteinander verwandt waren, zum Teil lediglich zusammen arbeiteten (Sklaven, Bedienstete). Im Laufe der Geschichte entwickelten sich neue Formen sozialer Systeme, d.h. die Funktionen wurden auf unterschiedliche soziale Systeme aufgespalten und spezialisiert. Das Haus wurde aufgespalten in Unternehmen und Familie, der Staat bildete unterschiedliche Organisationen, die unterschiedliche staatliche Funktionen übernahmen (von der Schule bis zu den Krankenhäusern, vom Militär bis zur Verwaltung…).

Aus: Simon, Fritz B. (2012): Einführung in die Theorie des Familienunternehmens. Heidelberg (Carl-Auer-Verlag), S. 18.




3 Gedanken zu “9.1.2 Ausdifferenzierung: Die Teilung einer bis dahin nicht-zusammengesetzten Einheit in eine aus Untereinheiten (=Elementen/Komponenten) gebildete, zusammengesetzte Einheit.”

  1. „Stadtsysteme der Antike galten als autark insofern als sie dem Menschen alles boten, was zur Perfektion seiner Lebensführung notwendig ist. Die civitas mußte, wie man in Italien später sagen wird, das bene e virtuose vivere garantieren können: nicht mehr und nicht weniger. Wie weit größere Territorien, also regna, erforderlich sind, sei es aus Schutzgründen, sei es aus Gründen der Heiratspraxis des endogam lebenden Adels, wurde seit dem Mittelalter diskutiert. Jedenfalls war nie daran gedacht, daß alle Kommunikation innerhalb dieser einen civitas sive societas civilis stattfindem müsse; und selbstverständich wurde in der alteuropäischen Tradition nicht an wirtschaftliche Unabhängigkeit gedacht, ja es gab dafür nicht einmal einen Begriff der Wirtschaft im heutigen Sinne.
    Entsprechend war der Weltbegriff dieser Gesellschaften dinglich konzipiert , und die Dinge konnten nach Namen, Arten und Gattungen zugeordnet werden. Die Welt wurde als aggratio corporum begriffen oder sogar als ein großes sichtbares Lebewesen, das alle anderen Lebewesen enthält. …“
    Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft,
    stw 1360, S. 145

  2. „Krumm
    Im frühen Christentum stand „Stadt“ für zwei Städte: die Stadt Gottes und die des Menschen. Augustinus benutzte die Stadt als Metapher für den göttlichen Glaubensplan, aber die ANTIKEN Leser seiner Schriften, die durch die Straßen und über die Märkte Roms wanderten, fanden dort keine Hinweise darauf, wie Gott sich als Stadtplaner betätigen mochte. Auch als diese christliche Metapher verblasste, hielt sich weiter der Gedanke, dass „Stadt“ zwei verschiedene Dinge bedeutete – einen physischen Ort und eine aus Wahrnehmungen, Verhaltensweisen und Glaubensbezeugungen bestehende Mentalität. Die französische Sprache fasste diese Unterscheidung als erste in zwei verschiedene Wörter: VILLE und CITÉ.“

    Richard Sennett, Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens,
    Einleitung. ISBN 978-3-446-25859-4

  3. „Anfangs standen diese Begriffe für groß und klein: VILLE bezog sich auf die ganze Stadt, CITÉ auf einen bestimmten Ort. Irgendwann im 16. Jahrhundert wurde CITÉ zur Kennzeichnung der Lebensweise in einem Viertel, der Haltung der dortigen Bewohner gegenüber Nachbarn und Fremden und der Bindung an einen Ort. Diese alte Unterscheidung ist inzwischen zumindest in Frankreich verblasst: CITÉ verweist heute meist auf jene trostlosen Viertel an den Rändern der Städte, in denen die Armen hausen. Der alte Wortgebrauch hat indessen Vorzüge, die eine Wiederbelebung rechtfertigen könnten, trifft er doch eine grundlegende Unterscheidung: Die gebaute Umwelt ist eine Sache, WIE die Menschen wohnen, eine andere. Die Verkehrsstaus in den schlecht geplanten New Yorker Tunneln gehören heute zur VILLE, während das Hamsterrad, das viele New Yorker morgens in die Tunnel treibt, zur CITÉ gehört.“

    Richard Sennett, Die offene Stadt. …

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