9.2 Zusammengesetzte Einheit = System

Dabei stellt sich die zentrale Frage, wer dabei für das Zusammensetzen, d.h. den Prozess der Kreation solch einer Einheit sorgt: ein Beobachter, der „System“ in seine Beobachtungen bringt, indem er z.B. wie in der Biologie „Gattungen“,  „Arten“, „Familien“ … als zusammengesetzte Einheiten erfindet, um Ordnung in seine Beobachtungen zu bringen (und im Zweifel könnte man auch andere Einheiten gegeneinander abgrenzen). Analoges gilt für die Psychopathologie und andere Formen der Nosologie, wo auch aufgrund der Ähnlichkeit der Symptomen oder der vermuteten Pathogenese Einheiten gebildet werden. Auch bzw. gerade in diesem Beispiel ist es nicht klar, ob solch eine Einheit ein Beobachterphänomen ist oder die Kausalität dafürt den beobachteten Prozessen zurecht zugeschrieben werden kann.

Dazu weiter unten mehr…




16 Gedanken zu “9.2 Zusammengesetzte Einheit = System”

  1. Bei der Nosologie kommt es nicht allein durch die Symptome und die Pathogenese zu Systembildungen, sondern auch durch die Lokalisation der Krankheiten („wo tut es weh?“). Bestimmte Krankheitsbilder hängen häufig mit bestimmten Körperorganen zusammen bzw. bei der Psychopathologie mit der Psyche, die sich zwar nicht eindeutig lokalisieren, aber doch mit dem Nervensystem (also einer zusammengesetzten Einheit) in Verbindung bringen lässt.

  2. @1: Auf jeden Fall – das scheint mir wichtig – sind Nosologien immer Konstrukte des Beobachters, über deren Sinnhaftigkeit man sich sehr ernsthaft streiten kann und die abhängig sind von der Kultur, in der sie erfunden werden (z.B. sind sie im alten China anders konstruiert worden als im Westen).

    Wenn bzw. falls in der Psychopathologie Verbindungen zum Nervensystem hergestellt werden, so ist auch dies ein weites Feld der – oft konflikthaften – Hypothesenbildung.

  3. @3: Sicherlich haben Sie recht. Doch welche Vorteile bringt die Feststellung, dass Nosologien immer Konstrukte des Beobachters sind, außer einer grundlegenden Skepsis gegenüber diesen Konstrukten und einer Offenheit gegenüber alternativen Sichtweisen? Diese alternativen Sichtweisen, wie z.B. Homöopathie in der Heilkunde und z.B. Nationalismus in der Politik, können dann das Argument für sich verbuchen, dass nichts sicher und alles erlaubt zu sein scheint.

  4. @4: Mir geht es nicht um die Unterstützung alternativer Heilmethoden etc. (da folge ich lieber der Schulmedizin). Aber innerhalb deren Set von Prämissen muss m.E. die Gefahr der Reifizierung solcher Konstrukte im Bewusstsein bleiben und die Offenheit für alternative Erklärungen erhalten werden. Und (vor allem): die Kopplung unterschiedlicher Funktionsmuster in den Phänomenbereichen Organismus, Psyche. soziales System untersucht und genutzt werden.

  5. Die Gefahr der Reifizierung (Vergegenständlichung) solcher Konstrukte wie übrigens aller Begriffe und Bezeichnungen ist in allen Bereichen überaus ernst zu nehmen. Eine Reifizierung ist ein Irrtum der Mehrdeutigkeit, wenn eine Abstraktion so behandelt wird, als wäre sie ein konkretes reales Ereignis oder eine körperliche Tatsache (physische Entität), z.B. wäre es ein Fehler, etwas Unkonkretes wie eine Idee als konkrete Sache zu behandeln. Die Gefahr eines solchen begrifflichen Irrtums ist zwar in der Medizin, der Politik und der Philosophie durchaus gegeben und kann gravierende Folgen für die Patienten, die Bürger und die Philosophen – nämlich, dass sie sich etwas falsches erhoffen – , doch entkommt man ihr leider nicht, wenn man sich dieser Gefahr nicht ständig bewusst ist. Und wer ist das schon? Vor allem, wenn er als Theoretiker arbeitet?

  6. @6: Konstruktivisten sind sich – wahrscheinlich mehr als jeder sonst – der Gefahr der Verdinglichung abstrakter Modelle, Konzepte etc. bewusst, schliesslich ist das ihr Forschungsgebiet…

  7. so ungefähr …
    Murmel, murmel , es liegt ein Raunen in allen Dingen,
    schön zu beobachten, wie es wallt und rauscht …

    Es dreht sich um die Methodologie, um die Dialektik und um nichts anderes …

    Welchen Zugang man wählt und aus welchem -mittlerweile hochspezialisiert auf die Spitze getriebenen- Fachgebiet man kommt, ist irrelevant.
    Im Vergleich, in der Komparatistik nähert man sich der Gegenüberstellung von Verdinglichung-Nicht-Verdinglichung im Konstruktivismus am ehesten. Und selbstverständlich am einfachsten über die Zeichen- und Formelsprache der Mathematik.

    Hier z.B. wird – wie bereits zuvor gepostet – im Vergleich das diagnostische Vorgehen der Psychiatrie mit den klassischen Procedere in der Medizin verglichen und auch versucht konditionierte Irrtümer auf Basis der zeitlichen Abfolge ausräumen.

    „This does not mean, however, that examining patients and classifying their mental symptoms are futile activities. Observation, differentiation, and classification are natural modes of intellectual progression : they are the moanes by which our cognitive faculties seek to impose order on chaos. Phenomena have to be recognized and distinguished BEFORE the can be explained.»
    Stevens/Price, a.a.O. S. 3

    … und das setzt zunächst einmal den/die Beobachter voraus.

  8. @9: Sind Sie sicher? Wie lange ist das haltbar? Die Haltbarkeit von konstruktivistischen Spielereien scheint mir ebenso zeitlich begrenzt zu sein wie von anderen Lebensmitteln.

  9. @10: Ich bin ziemlich sicher – und ich habe mir im Laufe der Jahre viele andere Theoriegebäude angesehen (von innen und außen). Sie sind alle ziemlich inkonsistent im Vergleich zu konstruktivistischen Modellen…

  10. @11: Das ist eine starke Behauptung, was nicht heißt, dass ich sie für falsch halte. Ich dachte, den Konstruktivisten käme es vor allem auf die Ganzheitlichkeit ihrer Betrachtungsweise an, auf die Kopplungen der unterschiedlichen Subsysteme und deren vermaschtes Zusammenwirken in einem riesigen Gesamtsystem, weniger auf die Konsistenz ihrer Theorie, die doch äußerst flexibel und vielgestaltig sowie extrem abstrakt und (im positiven Sinne) abgehoben sein muss, um der realen Komplexität gerecht werden zu können. Die Inkonsistenz der Philosophie z.B. kommt m.E. daher, dass sich kaum jemand der Illusion hingibt, es könne eine konsistente Philosophie geben, die noch einen Bezug zur Wirklichkeit hat. Bei der Medizin habe ich jedoch nicht den Eindruck, dass sie inkonsistent ist, wenn man davon absieht, dass es in der Psychiatrie den systemischen Behandlungsansatz gibt – allerdings wohl eher als Außenseitermethode, soweit ich weiß.

  11. @12: Ganzheitlichkeit ist kein konstruktivistisches Konzept. Untersucht werden Unterscheidungen und ihre Relationen.
    Und auch die Systemtheorie ist nicht an Ganzheitlichkeit interessiert, sondern an System/Umwelt-Unterscheidungen bzw. an der Differenzierung von Systemen/Subsystemen und ihren Relationen.
    Abstraktionen sind immer „abgehoben“ und gewinnen ihre Bodenhaftung erst, wenn sie mit konkreten Inhalten gefüllt bzw. auf sie angewandt werden.

  12. @12 und @13
    Der Konstruktivismus wie auch die Systemtheorie repräsentiert die Epistemologie und liefert den Background zur Methodologie in der Wissenschaft.
    Hard sciences vs. Soft Sciences (bzw. Arts). In beiden findet sich die Sprache des gesunden Menschenverstandes wieder, auch und speziell in der Komik, die paradox gegen die gängige Erwartungshaltung zu laufen pflegt. Humorlosigkeit und Wissenschaft, dieses Muster steigert sich allzu gerne ins orthodox Extreme, je höher man unter den reinen „Geistesarbeitern“, den „white collars“ bzw. auch Intellektuellen kommt , um so schlimmer.
    Dabei perlen die unterschiedlichen Sprachen unter den Konstruktivisten wie Morgentau auf einem Lotusblatt und müßten im Grunde für alle ein Genuß sein.

    Dennoch hatten/haben sie es verdammt schwer, speziell auch im Herunterbrechen über den medizinischen Zugang, der sich in der Nosologie im Wesentlichen auf statistische Erhebungen und Wirksamkeits-Studien gründet. „true is open to proof“ (GSB)
    Wie erklärt sich auf dieser Basis in der Nosologie nun ein Nocebo- bzw. Placebo – Effekt? Und überhaupt, wo hört die Gesundheit auf und wo fängt die Pathologie an? Welche grenzwertigen Methoden sind noch zulässig und welche sind reine Spekulation und laufen Gefahr, in völlig abgedrehte Esoterik von Quaksalbern und Gesundbetern abzudriften?
    Das scheint doch die ganz zentrale und große Frage, vor allem dann, wenn es sich um die Kassenfinanzierung von systemisch/konstruktivistisch arbeitenden Therapeuten in unserem „Gesundheits“wesen dreht.

    „Those branches of psychiatry that represented hard science (or at least objectifiable science) – biological psychiatry, biometrics, epidemiology, psychogenetics – continued to flourish in the 1970s. Psychoanalysis came under further fire because of its reliance on speculative assertions not substantiated by solid data, adequate control groups, and respectable sample sizes. Psychotherapy in general faced increasing challenges from the biological sector, which demanded that proof of efficacy replace faith in efficacy. Whereas the chairmen of psychiatry departements throughout the 1950s and 1960s had mostly come from psychoanalytic backgrounds, new chairmen began to be recruited from the ranks of the biological psychiatry. And the chairmen were no longer always chairMEN. Paula Clayton become the first woman department head ( in Minnesota). The roster of the American Psychiatric Association grew to about 30.000 members, or about one psychiatrist per 8.000 U.S. citizens – the greatest concentration in any of the developed nations.
    Michael H. Stone
    Healing the mind. A History of Psychiatry from Antiquity to the Present,
    Chapter 16, S. 139
    Pimlico 1997,

  13. Das ist für mich das Besondere und für das Medizinische System so ungewohnt,
    vielleicht auch verstörend,
    den Beobachter bei der Diagnosesuche ebenso zu beobachten wie den Patienten;
    gemäß der Devise „wie kreieren Arzt und Patient eine Diagnose“ und welche psychischen, körperlichen und sozialen Folgen hat diese Co-Kreation ?

  14. @15: Ja, das scheint mir zentral: Eine Diagnose ist eine Koproduktion von Arzt und Patient…

Schreibe einen Kommentar