Ein Haken stößt an …

Aus dem CAA-Contentmanagement-Büro erreichte mich heute morgen dieser Tweet:

Link: Wisst ihr, warum sie den Haken falsch herum zeichnet?

Ja, warum bloß? Was fällt ihr dabei nur ein?
Oder davor? Dazu? Rundherum?

Zähl mal: A, B, C, D, E, …
Oder: X ! @ – v

Hinfort mit dir, du „Falsch“ und „Richtig“. Macht Haken, macht Kreise, macht Punkte und Kommas, spuckt drauf oder kleckst: markiert kommutativ. Macht links, macht rechts, oben und unten, macht Raum und Zeit.

Außerdem: Wie kann man falsch markieren?

Wer markieren lernen und begreifen will liest uFORM iFORM

 

17 Gedanken zu “Ein Haken stößt an …

  1. dann schau Dir doch bloß maI die Kehrseite der Medaille an,
    glaubst Du, dat kriegste gIeichzeitig hin.

    Wo soll ich nur die Zeit hernehmen, das alles nicht zu lesen?

  2. „Anstößig vs. Anschlussfähig“… ?!
    Tja, kommt wohl drauf an, für wen das eine Frage ist und für wen schon Antwort.
    „Es hak’t wohl…“ bekommt für mich jetzt eine erweiterte Be-Deutung.
    😉

  3. Konformität mit den Wünschen des Befehlshabers zeigt man typischerweise, indem man die Haken zusammenschlägt. 😛

  4. Markieren mit Strich. Dings mit Strich, dann ist es falsch. Und vorher mit eckicken Klammern und dann mit Strich. Durchstreichen. Doppelt. Die Säue.

  5. Gummiband. Ich sag immer wieder Gummiband. Ums Handgelenk und flitsch, so fest, your head don’t know it spins! Gummiband. Es tut weh und das hält vor. Gummiband. Das ist ein Nein, sogar Dein Puppy würd’s verstehen. Auch Deine Katze, die lieber ein Hund wäre, würd’s verstehen. Gummiband. Flitsch. Weh. Ja!

  6. Oder, was Dir genauso Schmerz bereiten würde, das wäre, wenn Du Kölner Bretter aufhängst. Du gingest des Abends heran und ziehest Deine Vorhänge in die Mitte und morgens, da würdest Du die Vorhänge zur Seite ziehen. Schmerzen! Denn die Sonne würde darein scheinen.

  7. Du würdest die Kölner Bretter an die Decke hämmern und die Vorhänge daran klemmen und dann dran denken. Morgens und abends. Schmerz. Das wäre der Musik gerecht. Dann würdest Du durchatmen.

  8. Oder wenn jemand seine Medikamente inhalieren muss. Täglich, allabendlich. Schweigen, Betroffenheit. Glückseligkeit darüber, dass sie existieren, die Medikamente. Sekundenzeiger. Strich.

  9. Ja, warum macht sie den Haken anders herum? Gitta Peyn betont an anderer Stelle, die Welt nicht nur globalisiert, sondern auch als ein Netzwerk zu begreifen. Der Prinz der Netzwerke, Bruno Latour, seine Akteur-Netzwerk-Theorie, ist bekannt: Ausdruck einer flachen Ontologie, in der, angefangen mit den Kreaturen des Mariannen-Grabens bis hin zu dem Sternenstaub des Kosmos, sich alle präzise in einer Horizontalen befinden. Ihre Positionen ergeben sich erst aus den Relationen der Akteure in diesem Netzwerk, die Relation ist das ‚Gefäß’ dieser Weltsicht, bei der die Knotenpunkte, die Akteure, in ein Dunkel zurücktreten. Wenn sich aber Relationen ändern müssen, in einer sich immer verändernden Welt, dann auch die Akteure. Die Frage ist: Wie geht das?

    Georges Spencer Brown hatte ein mächtiges Instrument erschaffen, mit den ‚Laws of Form’. Viele begreifen die Vertikale des Hakens, die Anweisung: ‚Draw a Distinction!’ als den Beginn. Sie unterschlagen dabei aber den Voraussetzungsreichtum, die Überfülle des ‚Nichts’, die Notwendigkeit der konstruktiven Kooperation mit dieser Überfülle, damit eine Markierung, eine Vertikale, ein Netzwerk, überhaupt erst entstehen kann.

    Vor dieser Markierung steht die Definition der ‚Unterscheidung’: ‚Distinction is perfect continence.’ Unterscheidung ist perfekte Zusammenfassung.

    In unserem westlichen Kulturkreis wird von links nach rechts gelesen. So bewegt sich das Auge der Kamera, so bewegen sich Pfeile der Zeit, die anscheinend in der Vergangenheit beginnen und über die Gegenwart – die Aktualität, dort wo ein Zugriff auf die Zeit möglich erscheint -, in eine Zukunft führen.

    Die Zeit hingegen beginnt immer in der Zukunft, als singulärer Punkt in posse, dann in fieri und endlich in esse, um abschließend als Vergangenheit ohne möglichen Zugriff mehr, eine Erfüllung und Vollendung zu finden, wenn es geglückt war, mit der Zusammenfassung.

    Eine Unterscheidung zu treffen, bedeutete also, einen zeitkonsumierenden Prozess zu beginnen, eine Kooperation mit dem ‚Nichts’, welches sich in der Horizontale immer schon befindet. Eine Auswahl aus dem Reich der Dinge beginnt. Jeder singuläre Punkt der Zeit, als Gegenwart begriffen, enthält unendliche Punkte einer immer noch gegenwärtigen Vergangenheit (das ‚Gegebene’, die Maschinen kommen nicht aus der Zukunft, zum Beispiel, sie sind der Endpunkt eines Herstellungsprozesses), ‚als’ Horizontale gesehen. Das ist die ‚Kugelgestalt‘ der Zeit. In dieser Gegenwart entstehen Relationen. Sie sind nicht nur gegeben, sie entstehen auch durch die Auswahl des Akteurs. Ist ein Prozess des Auswählens vorerst abgeschlossen, rutscht die Bewegung des Horizontalen ab, in eine Vertikale, eine Markierung, ein ‚Unterschied’ ist entstanden, gegen die Überfülle des scheinbar leeren Raumes.

    Auf der rechten Seite der Unterscheidung steht also die Arbeit an einer Unterscheidung, als Angebot – wenn sie temporär einen Abschluss fand – an dem immer noch ‚leeren’ Raum auf der linken Seite, mit dieser Unterscheidung wieder einzutreten, in die Kooperation mit seinem ‚Nichts’, welches auch als Zukunft bezeichnet werden könnte.

    Ich glaube, deshalb macht Frau Peyn den Haken anders herum. Die Unterscheidung fällt nicht vom Himmel. Sie eröffnet keinen Raum. Sie ist der Abschluss eines Prozesses, der einen Raum erkennbar macht, der aber kein Ende kennt, sondern nur ein Prozessieren. Die Vertikale des Hakens ist ein Taktstrich, mehr nicht, erkennbar erst, wenn Musik sich ereignet hat. Offen bleibt die Frage: Wie verändern sich die Musiker?

    Vielleicht aber auch nicht. Auf, zu neuen Haken!

    Literatur:

    Dirk Baecker. Studien zur nächsten Gesellschaft. Suhrkamp stw: Frankfurt am Main, 1. Aufl. 2007.
    Gustave Guillaume. Zeit und Verb. Theorie der Aspekte, der Modi und der Tempora. Diaphanes: Zürich Berlin, 1. Aufl. 2014; S. 69f.
    Graham Harman. Prince of networks. Bruno Latour and Metaphysics. re-press, Melbourne 2009. http://www.re-press.org/book-files/OA_Version_780980544060_Prince_of_Networks.pdf
    Harmon, Justin L., „The Normative Architecture of Reality: Towards an Object-Oriented Ethics“ (2016).Theses and Dissertations-Philosophy. Paper 9; S. 2f. http://uknowledge.uky.edu/philosophy_etds/9.

    • Herr Géza Törő, danke für Ihren Beitrag, den ich mit Genuss gelesen habe.

      Ihre Antwort zur Frage, warum der Haken von links nach rechts verläuft mit der rechts/links Unterscheidung, wie Zeit und Prozesse kulturkreisabhängig wahrgenommen werden, erscheint mir durchaus plausibel.

      Nur unentschiedenes ist entscheidbar und somit auch nur Zukunft.
      Vergangenes ist bereits Entschiedenes und somit nicht unentschieden.

      Die mögliche Zukunft als eine „Überfülle des ‚Nichts'“ und „Voraussetzungsreichtum“ ins Spiel zu bringen, wodurch erst Unterscheidungen gegenüber unterschiedlichen Angeboten getroffen werden können, brachte mich zum Schmunzeln und erinnerte mich an das Janusgesicht eines anderen Begriffs, nämlich was unter „Vorfahren“ verstanden wird.

      Im westlichen Kulturkreis sehen wir die Vorfahren als die „Verstorbenen“ an und ’sehen‘ bzw. ‚verorten‘ diese instinktiv als jene, welche ‚hinter uns stehen‘. Wir selbst sehen uns eher als „Zwerge auf den Schultern von Riesen“ und sehen uns in der Pflicht als deren Erben. Um die Vorfahren deutlicher wahr zu nehmen, müssen wir uns bewegen, nämlich uns umdrehen. Dann sehen wir aber nicht mehr unsere eigene Zukunft.

      In anderen Kulturkreisen sind die Vorfahren das, was wortwörtlich darunter zu verstehen ist. Vorfahren sind all diejenigen, welche uns vorausgegangen sind. Das ändert Einiges. Die Vorfahren sehen uns direkt an und wir treffen unsere Unterscheidungen und Entscheidungen gewissermaßen unter ihrem Blick.

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