Im Gleichschritt Marsch 3: Individualität und Globalisierung

Diesem Artikel gehen die folgenden voraus:
Im Gleichschritt Marsch 1: Die Funktion der Ideologie
Im Gleichschritt Marsch 2: Blattläuse bauen keine Mondraketen

Es ist mir ein Anliegen, Texte so zu schreiben, dass sie auf der einen Seite den Leser dazu motivieren, sich selbst am und im Gelesenen zu reflektieren, und dass sie auf der anderen Seite direkt veranschaulichen, wie die vorgestellten Methoden umgesetzt aussehen.

Die von mir beschriebenen individuellen und sozialen Prozesse und Mechanismen sind weder von mir noch von meinen Lesern getrennt. Es kann nicht Aufgabe einer (selbst)reflektierenden Systemik sein, nur die Erklärung zu liefern. Erklärungen bleiben bis zu einem gewissen Grad separiert vom Erklärenden und vom Erklärten. Systemik muss die von ihr vorgestellten innovativen Gedanken direkt auf sich selbst anwenden, sie für diejenigen, denen sie sich vorstellen will, aktiv angewendet veranschaulichen, die Angesprochenen sich auf sich selbst zurückwerfen helfen und ihnen so die Möglichkeit zum Re-entry schaffen.

texten auf diese Art steht gleich vor mehreren Herausforderungen. Eine ist, einfach genug zu bleiben, eine andere, die Komplexität zu reflektieren, die wir zu generieren auffordern, und eine weitere besteht darin, dass es/sie/er sich in sich selbst einwickeln sollte, um den vollen Reiz systemischen Denkens lebendig zu demonstrieren.
Wir müssen einfach bleiben, weil andernfalls die Chancen dazu, das eigene selektive Lesen zu erkennen, nicht besonders hoch sind. Wir müssen komplex werden, sonst dächten wir nicht systemisch.

Für Leser liegt die Herausforderung darin, sich auf Selbstreflexion einzulassen und dem Impuls, direkt in Kritik einzusteigen, erst einmal nicht nachzugeben. Wer gewöhnlich anspruchsvollere Texte meidet, kann sich vor das Problem gestellt sehen, dass ihm keine Beziehung angeboten wird, die es ihm/ihr erleichtert, das Dargebotene angenehm zu finden.

Bedeutungsdichte und Reflexionsforderung solchen textens geht über das Vielen vertraute Maß hinaus. Einige Leser werden das daran bemerken, dass sie den Text als zu selbstverständlich oder gar naiv empfinden, oder daran, dass sie sich vollkommen überfordert fühlen. So oder so: Aufmerksames, wiederholtes Lesen, das nicht davon ausgeht, gleich alles begriffen zu haben, und das die Inhalte auf sich selbst reflektierend anwendet, hilft dabei, mehr Gewinn aus unserer Interaktion zu ziehen. Außerdem hilft, sich kontinuierlich daran zu erinnern, dass das vorgeschlagene Modell kontingent und der systemische Texter sich dessen bewusst ist.

Hierin liegt die Möglichkeit im Anschluss kreative Diskussionsinseln zu formen, auf denen sich Beobachter/Akteure inhaltlich auseinandersetzen und am Modell prüfen, anstatt, wie in Symmetrische Konflikte vorgeführt, mit „Guck mich an, nicht Dich/Nein, guck mich an, nicht Dich“ die Chance zu gemeinsamer und sinnhafter und kooperativer und systemischer Betrachtung/Reflexion zu vergeben.

Ich habe im zweiten Teil dieser Miniserie auf eine Fähigkeit verwiesen, die zu trainieren ich für wichtig halte und die ich sowohl sozial wie auch psychisch als nützlicher denn „Intelligenz“ (und „Empathie“) einstufe: die Komplexitätsverarbeitungsfähigkeit.

Ich hatte folgendes geschrieben:

Komplexitätsverarbeitungsfähigkeit kann man an drei Merkmalen messen:

  1. Wie viele Dimensionen kann jemand unter Stress zur Bewältigung der Komplexität eines Themas, Sachverhalts, Problems heranziehen? Für jemanden, der alles mit dem Hammer bearbeitet, sieht alles wie ein Nagel aus.

  1. Wie differenziert sind die jeweiligen Dimensionen ausgearbeitet? Viele Dimensionen heranziehen, diese aber nicht hoch auflösen zu können, mag ein hohes Toleranzmaß mit sich bringen, führt aber nicht unbedingt auch dazu, dass man Bullshit erkennen kann oder Fehler in den Argumenten anderer (oder eigenen).

  2. Wie schnell kann der Betreffende dimensionieren und differenzieren? Temporeichtum der Dimensionierung und Differenzierung schafft einen gewaltigen Vorteil, wenn man unter Druck rasch Entscheidungen fällen muss. Unter Stress zeigt sich die Komplexitätsverarbeitungsfähigkeit.

Dementsprechend mache ich hier einen Vorschlag zum mehrdimensionalen Begreifen des Themas und komplexeren Umgang mit Weltanschauungen und Ideologien.

Ich habe Weltanschauung und Ideologie einander gegenüber gestellt und gezeigt, dass eine Abgrenzung der einen von der anderen über die Leistung vorgenommen werden kann, die sie für Individuum und Gesellschaft erbringen. Ich habe auch dazu angeregt darüber nachzudenken, dass und wie situative, persönliche und gruppenspezifische Unterschiede zu beobachten unsere Einschätzung präziser und umfassender machen kann – vorausgesetzt natürlich, wir sind bereit dazu, eine solch komplexere Perspektive zu erforschen. Im Umgang mit dem Modell wächst nach und nach unsere Erkenntnis/Erfahrung, wie fließend die Übergänge von Weltanschauung zu Ideologie und von Ideologie zu Weltanschauung sich vollziehen/verwirklichen können.

Nach Konstruktion der Dimension Weltanschauung/Ideologie habe ich Möglichkeiten der Ausdifferenzierung der Dimension gezeigt: pluralisierend oder singularisierend. Was das anbelangt sollten wir auch feststellen, dass pluralisierend nicht immer gleich Weltanschauung bedeuten muss und singularisierend nicht immer gleich Ideologie.

1. Achse: Weltanschauung/en <--pluralisierend---singularisierend--> Ideologie
(Bild anklicken für eine schärfere Ansicht)

Hierauf aufbauend konstruiere ich eine weitere Dimension: Komplex/Reduktionistisch und zur Spezifizierung unbestimmter/bestimmter.

Legen wir beide Dimensionen samt Differenzierungsideen übereinander und schaffen so Raum, um weitere Verbindungen in/nach den Dimensionen zu ordnen:

1. Achse: Weltanschauung/en <--pluralisierend---singularisierend--> Ideologie | 2. Achse: Komplex <--unbestimmter---bestimmter--> Reduktionistisch
(Bild anklicken für eine schärfere Ansicht)

Und hieran anbauend stelle ich eine dritte Dimension vor, Copy/Individuum:

Mit der Ideologie verliert der Mensch an Individualität. Je massenwirksamer die Ideologie wirkt, desto mehr Menschen geben ihre Individualität auf und werden zur Copy. Obwohl die Ideologie die Identifikationsmöglichkeit bietet, geht doch mit zunehmender Singularisierung und zunehmendem Reduktionismus zwangsläufig Individualität verloren. Gleichschaltungsinteresse führt zur Bildung von Persönlichkeitsschablonen. Im Rahmen dieser Schablonen sind bestimmte Formen des Denkens nicht nur unerwünscht, sie sind auch unmöglich.

Wir haben das erste Mal in der Menschheitsgeschichte die Möglichkeit, Ideologien und faschistische Bewegungen in Echtzeit im Entstehen zu beobachten.

Erweitern wir unser Modell noch um ein Begriffspaar zur Ausdifferenzierung der Dimension Copy/Individuum: unbewusst(er)/bewusst(er).

So! Jetzt lassen sich Weltanschauungen und Ideologien auf eine Weise untersuchen, die den komplexen Problemen unserer Zeit gerecht wird und die die Motive, Merkmale, Herausforderungen an Individuum und Gesellschaft berücksichtigt. Wer sich nun nicht die Mühe geben will, Weltanschauungen und Ideologien dimensioniert und differenziert zu untersuchen, vertut wissentlich seine Chance darauf, die eigene Beteiligung am/im alltäglichen kleinen und großen Weltgeschehen zu erkennen.

Individuen, Gruppen, ganze Gesellschaften befinden sich kontinuierlich in Identitätsbildungsprozessen. Aber besitzen sie auch das Vermögen, dies bewusst zu reflektieren?

Menschen, die achtsam (selbst)reflexiv, das Thema reflektierend denken und sinnlich wahrnehmbar und operational beschreiben können, haben größere Chancen, höhere Komplexitäten zu bewältigen, pluralistisch integrierend Weltanschauungen zu untersuchen und umsichtig mit Ideologien umzugehen.

Wer bewusst das eigene Denken, Sprechen und Handeln überprüft und sich selbst hinterfragt, schafft die Voraussetzung dafür, Kontingenzbewusstsein zu entwickeln und auszubauen.

Dabei/dazu/während dessen/stets reflektierend die Frage zu stellen, welches Denken/Sprechen/Handeln unbewusster ablaufen kann/darf/sollte, welches ins Bewusste zurückgeholt werden muss, und sich zu erlauben, blinde Flecke zu realisieren und aus Fehlern zu lernen, macht den Unterschied zwischen mehr Individuum oder mehr Copy aus.

Kopien neigen eher zur Ideologie, Kopien neigen eher zum ideologischen Reduktionismus. Wo die Kopie zum Pluralismus auffordert oder zu höherer Komplexitätsbewältigung, liegt der Verdacht nahe, dass aus beiden Ideologie gemacht wurde. Doch sollten wir nicht jedes copyhafte Denken, Sprechen und Handeln als dysfunktional bewerten. Wir verdanken viele angemessene Reaktionen, die wir automatisch denkend, sprechend und handelnd zeigen, unserer (Selbst-)Konditionierung. Vieles Lernen läuft darauf hinaus, dass das Erlernte eines Tages automatisch auf- und abgerufen werden kann – so schaffen wir Raum, um noch mehr lernen zu können.

Aber man kann auch aus Individualismus eine singularisierende Ideologie machen. Und es wäre ein Leichtes, das Anliegen dieses Artikels zu verrenken und sich daraus dann eine Ideologie zu stricken. Dafür brauchen wir nur Gleichschaltungsinteresse. Auch wäre es nicht schwer, meine Arbeit reduktionistisch auszuwerten, indem man meinen Hinweis auf ein sinnvolles Bemühen um höheres Dimensionieren und Differenzieren ignoriert. Sie könnten auch nach dem Lesen auf weitere Bewusstheit und Reflexion von Denken, Sprechen und Handeln verzichten und den Inhalt reproduzieren, ohne ihn auf sich selbst anzuwenden. Wir könnten die Aufforderung dazu, die eigene Individualität in Frage zu stellen, ignorieren. Wir könnten glauben, dass nur wir echte Individualisten sind und die meisten Anderen nicht. Auch mit diesem Modell könnten wir nach denjenigen suchen, die genauso denken wie wir, und alle Anderen, die das nicht tun, als Kopien ein- beziehungsweise aussortieren. Nichts hindert uns daran auf selbstreflektierendes Denken zu verzichten – außer, wir wollen selbstreflektierendes Denken lernen und konsequent anwenden … Kopien, die sich selbst für Individuen halten, neigen genauso wie alle anderen Kopien dazu, andere (und sich selbst) weiterhin gleichzuschalten.

Die von mir vorgestellten Dimensionen lassen sich wunderbar aufeinander beziehen.

Schauen wir uns jetzt die drei Dimensionen mit jeweiliger Differenzierungsidee kombiniert an und versuchen wir uns darin zu erkennen, wo wir stehen … wie wir andere mit ihren Weltanschauungen und Ideologien und wie wir Weltanschauungen und Ideologien an sich einordnen:

1. Achse: Weltanschauung/en <--pluralisierend---singularisierend--> Ideologie | 2. Achse: Komplex <--unbestimmter---bestimmter--> Reduktionistisch | 3. Achse: Copy <--unbewusster---bewusster--> Individuum
(Bild anklicken für eine schärfere Ansicht)

Wie leicht geht es doch Vielen ohne solch ein Modell von der Hand, rechte und linke Ideologien trivial/problemlos voneinander zu trennen/scheiden … Wo eigentlich steht jetzt „die Ideologie“? Wie wollen wir zum Beispiel Leninismus-Marxismus einsortieren? Und wo packen wir das Ministerium für Heimat hin?!
Wenn wir einsortieren, können wir das noch so schnell und automatisch wie ohne das Modell? Oder müssen wir nun Kontexte berücksichtigen, Umweltbedingungen und damit auch Voraussetzungen, die beteiligte Individuen einbringen?

Wie sieht es mit möglichen Auswirkungen höherer Individualisierung auf linke Gesinnung aus? Auf rechte?

Und vielleicht die wichtigste Frage von allen: Wo stehe ich selbst, wenn ich Weltanschauungen und Ideologien einsortiere? Stehe ich bei jeder an derselben Position? Ordnen wir uns bei allen gleich ein? Oder verändert sich unsere eigene Haltung und damit Weltanschauung und Ideologie, unsere Fähigkeit komplex oder reduktionistisch zu denken, uns als Individuum oder als Copy auszuformen, mit dem Gegenstand unserer Betrachtung? Was hat/haben die Ideologie oder der Ideologe, die/den ich gerade bewerte, mit meiner eigenen Weltanschauung oder Ideologie zu tun?

Tipp: Selbst Dimensionen entwickeln und über (Aus)Differenzierungscodes nachdenken und sich mit folgenden Fragen beschäftigen: Was kann ich tun, um in der Gesellschaft einen bewussten Beitrag zu leisten? Wie kann ich zu pluralistischem Denken motivieren, ohne dabei Vorteile singularisierenden Denkens auszuschalten? Wie kann/können ich/wir höhere Komplexitäten tolerieren und verarbeiten? Wie lässt sich Mut zum Unbestimmten vermitteln, ohne dass dabei Klarheit verloren geht? Was fördert bewusstes Denken und Handeln und wie können wir kompensieren, wenn wir dabei erst einmal im Tempo nachlassen?

Welches Verhalten müsste ich selbst zeigen, um in meinem persönlichen Umfeld dazu anzuregen, ein weltanschaulich offenes Vorgehen der ideologischen Engführung vorzuziehen? Wie können Menschen komplex denken, wenn funktionaler, oder reduktionistisch, wenn sinnvoller? Was brauchen Menschen, um Mut zur Individualität zu zeigen, anstatt sich in die Copy zurückzuziehen? Welche Atmosphäre sollten/müssen/können wir schaffen, um der Enge und Dunkelheit ideologisch singularisierender, reduktionistischer, Kopien schaffender Realitätstunnel zu entkommen?


Globalisierung bezeichnet das Wachsen der Mittel und Möglichkeiten mit jedem anderen auf diesem Planeten zu kommunizieren.


Wir haben die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen und sind täglich dabei, sie zu optimieren. Damit zu leben, hat Vor- und Nachteile. Mit der Globalisierung kommt das Problem höherer Komplexitäten und weiterer Kontingenzen. Mit ihr kommt die Freiheit, sich von territorialem Denken zu lösen, sich in größeren Räumen zu orientieren, Freundschaften auf dem ganzen Globus zu schließen und täglich erneuern zu können. Mit ihr kommt die Angst davor, vom Fremden überrollt zu werden.

An steigender Komplexität und weiterer Kontingenz scheitern singularisierende Ideologen, reduktionistisch denkende Menschen und Kopien. Und Komplexität und Kontingenz können Menschen, die nicht gelernt haben, wie sie mit ihnen auch dann noch entspannt umgehen können, wenn ihnen alles zu viel wird, schnell Anlass dazu liefern, singularisierende Ideologien zu konstruieren, reduktionistisch zu denken, sich selbst zur Kopie zu machen und zu versuchen andere gleichzuschalten.

Singularisierende Ideologien, ideologischer Reduktionismus, Gleichschaltungsmanöver und copyhaftes Denken und Handeln sind der Offenbarungseid unserer Gesellschaft im Angesicht von Globalisierung!

Ich habe über Ängste gesprochen und über Potenziale. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Frage nach den Fähigkeiten zu stellen, die Mensch und Gesellschaft benötigen, um Globalisierung als Chance nutzen zu können und nicht noch einmal in ein evolutionär älteres Programm zurückzufallen. Wie können wir Menschen helfen, denen es angesichts des Empfindens, von zu viel Andersdenken(den), zu viel Information, zu viel Komplexität, zu viel Kontingenz überwältigt zu werden, einfach nicht gelingt, den Sprung in die neue Zeit zu machen?

Kann Bildung das Problem lösen?

Ja und nein.

Ein Mehr an Bildung wird das Problem mangelnder Komplexitätsverarbeitungsfähigkeit nicht lösen. Und vor allem wird ein mehr-Desselben das Problem mangelnder Komplexitätsverarbeitungsfähigkeit verstärken.

Menschen sind nicht nur komplexitätsüberschüttet, weil man ihnen zu viel Informationen präsentiert … Sie sind komplexitätsüberschüttet, wenn sie nicht erkennen/wissen (können), welche Informationen für sie wertvoll sind und welche nicht, welche Information sie als Individuen/Individuum in einer freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie weiterbringt und welche nicht, welche Information ihnen dabei hilft, höhere Komplexitäten zu verarbeiten und welche nicht. Sie sind komplexitätsüberschüttet, wenn sie nicht lernen, in der jeweiligen Situation temporeich – schnell und präzise – zu dimensionieren und zu differenzieren.

Hierauf kommt es an:

  • Achtsam reflexiv denken zu können,

  • themenorientiert zu kommunizieren/reflektieren und

  • sinnlich wahrnehmbar und operational zu beschreiben.

Machen wir uns nichts vor: Über diese Fähigkeiten verfügen die meisten von uns nicht. Einige davon besaßen wir vielleicht als Kinder, aber dann passierte uns Gesellschaft und nach und nach verlernten wir sie wieder. Wir haben die Fragen verloren und das Denken und Handeln in operativen Zusammenhängen … systemisches Denken und Handeln/Erleben eben. Außerdem meinen viele auch noch, wenn sie mit Schule, Ausbildung, Studium fertig sind, sind sie fertig. Wir haben verlernt Werdende zu bleiben und sind statt dessen zu Seienden geworden, die sich in geistigem Flatland bewegen und Territorien verteidigen – inklusive ihres So-Seins. So geht Komplexitätsbewältigung nur unter äußerst erschwerten Bedingungen … über die Freude an der Kontingenz, an der Herausforderung anders zu denken, sich anders wahrzunehmen, dürfen wir in jenem Reich gar nicht sprechen.

Einigen könnte beim Lesen meiner Artikel aufgefallen sein, dass sie höheren Komplexitäten und reflektierendem Schreiben angemessenes Lesen nicht gelernt haben. Sie haben statt dessen etwas anderes gelernt: Dass es „da draußen“ angeblich Wissen gibt, das sie lernen müssen. Und sie haben gelernt, wie sie so selegieren können, dass es ihnen dabei halbwegs gut geht. Anstatt sich fließend verwickelt im texten des anderen zu reflektieren, degeneriert aktiv tätiges, lustvolles Forschen zum leidig abzuspulenden Studienobjekt, werden aus den spannenden Weiten des Universums des anderen Steine, die man mühsam in sein Gehirn schleppen muss, um sie dort in Regalen abrufbar zu verstauen, damit man schlau aussieht. Natürlich wehren sich die meisten dagegen, sobald sie keiner mehr dazu zwingen kann, mit diesem Wahnsinn weiterzumachen. Natürlich haben wir deshalb ein massives Problem mit Bildungsverweigerung und Bildungsverweigerern. Natürlich will sich niemand wirklich auf diese gruselige Art und Weise abmühen, und natürlich wird so aus Wissen ein Statusobjekt.

Ich kritisiere diese Verunbildung, Verunstaltung und Verunreinigung angeborener menschlicher Begeisterung für alles Neue mit der Berechtigung der Betroffenen. Auch bei mir löst der Gedanke, etwas „da draußen“ in mich hineinschleppen zu müssen, um so in der Gesellschaft zu zeigen, dass ich etwas „weiß“ keine große Begeisterung aus. Noch weniger begeistere ich mich dafür, wenn ich erkenne, dass wir uns so gar nicht denken, meinen, konstruieren. Ich denke, ich schaffe, ich schöpfe, ich mache, ich konstruiere, ich konstituiere. Alles, was ich denke, denke ich – niemand sonst. Wird meine innere Reflexion, und dass ich selbst aktiv und lebendig an meiner Wissenskonstruktion beteiligt bin, nach hinten gedrängt, werde ich mir ja selbst schwer.

Es macht Spaß Welt zu erforschen, aber festgeschnallt am Kinderstuhl vorgefertigter Konzepte, verliert die Sache zunehmend an Reiz … erst recht, wenn alle die richtige Antwort erwarten und nicht die eigene(n) und/oder mehr(eren) passenden …

Menschen, die lernen müssen statt wollen, lernen vor allem schnell weniger zu lernen … und drohen am Ende damit das lernen wollen gänzlich wegzurationalisieren.

Ein sich globalisierendes Bildungssystem, das Menschen auf Broterwerb/Konsum/Lohnarbeit/Luxus vorbereitet, nicht aber auf ein Leben als freie und selbstbewusste, kreative Individuen, denen klar wird, dass sie gewaltige Potenziale in sich tragen, die nur darauf warten, von ihnen erforscht und in die Welt gebracht zu werden, (re)produziert Menschen, die singularisierend denken, die reduktionistisch denken und die zunehmend blinde Flecke ausbilden müssen, da sie nicht lernen sich zu ändern und mit Kontingenz, Komplexität und Globalisierung umzugehen.

In der Sprache, die diese Welt versteht, gesagt: So macht man Chef-Ideologen, Populisten, Reduktionisten, Vereinfacher.

Was ursprünglich floss, im kontinuierlichen Werden begriffen war, was forschte, schuf, wurde verdinglicht. Man hat, man ist, aber man wird nicht mehr, denn „man“ kann nicht werden, man existiert nicht einmal: Man hat mit mir nichts zu tun. Man kann sich nicht verantwortlich machen, man kann nicht konkret Bezug nehmen, man kann nicht konkret denken und auch nicht konkret handeln. Das, was anders IST, IST im Zweifelsfall Bedrohung. Mich wundert nicht, wenn Menschen, die so empfinden, keinen Platz für Andersdenken(de) haben und den Gedanken unerträglich finden, sie selbst könnten sich anders erschaffen. Wenn die eigene Persönlichkeit zum Ding geworden IST, dann wird Globalisierung zum ernsthaften Problem.

Auch für Andersdenken(de) gibt es nur unter Gleichen Raum. Nur der freilassende Denker hat Platz in seinem Kopf und in seinem Herzen für pluralistisch denkende Individuen. Den Platz, den sie/er benötigt und der ihn/sie auch dazu ermuntert, den Mut aufzubringen, sich höheren Komplexitäten zu stellen und dem individuellen Weg zu folgen. Zur Zeit leben nur Wenige, die solche Herausforderungen begrüßen, die spielerisch mit ihnen umzugehen vermögen und die so glücklich sind, Menschen in ihrem Leben zu haben, die sie darin unterstützen. Viele behaupten es von sich … und bauen doch keine Mondraketen … jedoch wir kennen noch mehr, die versuchen andere daran zu hindern …

Von Seiten der Staaten dürfen wir keine umfassenden Bildungsreformen erwarten – jedenfalls nicht in der benötigen Form. Warum? Staaten kommen mit den technologischen und informationellen Entwicklungen nicht mit, und sie können das auch nicht einfach so ändern. Der Staat kommt samt seiner Politik aus einer anderen Zeit. Das können wir jeden Tag beobachten.

Angebote von außerhalb werden den Unterschied machen. Sie zu erkennen und zu fördern, muss sich jeder Freidenker zur Aufgabe machen, der Sinn darin sieht, anderen Menschen dabei behilflich zu sein, ebenfalls sie selbst zu werden, selbst zu denken, eigenverantwortlich und kreativ zu leben. Veränderung geht nicht ohne Bündelung von Kräften – woran wir einen Nutzen des Gleichschaltungsimpulses erkennen können:

Motiviert sie zur Utopie! Schaffen wir die Voraussetzungen!
Fördern wir das, was wir brauchen!“

Gesellschaften, deren Utopien verstaubt vor sich hinmodern, verwalten sich nur noch. Systemik, die die Innovation nicht mehr fördert, wird zur Systemarchäologie, zur Systempathologie. Sie geht einher mit einer Gesellschaft und ihren Bürgern, die Herausforderung(en) zu meiden begonnen haben. Wir müssen Bildungsverweigerung, Lernverweigerung und Innovationsverweigerung als Symptome einer degenerierenden Gesellschaft ernst nehmen. Und erst recht müssen wir es ernst nehmen, wenn Menschen in unserer freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie wieder damit beginnen zu versuchen, anderen die Innovation zu verunmöglichen, unzugänglich zu machen, zu verweigern, oder gar diejenigen verfolgen, die Innovation hervorbringen.

Motivieren wir umzudenken:

  1. Das staatliche Bildungswesen muss seine Beschränkungen erkennen. Und Bund und Länder und Kommunen sollten damit beginnen, innovativen Denkern und Forschern, die aus Richtung Wissenschaft, Technik und Wirtschaft progressive Vorschläge machen, zuzuhören und sie zu fördern. Wie auch jene Denker und Forscher das Zuhören natürlich immer wieder erneut lernen müssen, denn sie laufen stets Gefahr, sich auf sich selbst auszuruhen, die Innovation nicht mehr zu erkennen und den evolutionären Sprung zu verpassen. Es geht längst nicht mehr um linearen Fortschritt, sondern um spiralförmigen, nach unten integrierenden, nach oben reichenden.

  2. Wir brauchen ein Bildungs-Be-Greifen, das Menschen nicht nach der Menge erworbenen Wissens misst, sondern das Bildung als Ermächtigung zur Selbstbildung fasst und das es Kindern, Studierenden und Erwachsenen ermöglicht, sich zu erlauben, Kontingenz und Komplexität zu begrüßen. Dazu gehört ein Verständnis von Intelligenz, in das der Gedanke Eingang findet, dass intelligentes Verhalten nicht nur bedeutet, Probleme zu lösen, sondern auch neue, herausfordernde und komplexe Probleme zu kreieren. Hierfür müssen komplex diversifizierende/integrierende Plattformen geschaffen werden, die wir gleich zukunftsweisend und global angelegen.

  3. Die Qualität der Bildungsleistung muss auch daran gemessen werden, wie stark sich die Gesellschaft und wie stark sich das Individuum in den ideologischen Streit verwickelt bzw. wie frei, bewusst und kreativ sie/es/er mit komplexen Herausforderungen umzugehen versteht.

  4. Wir müssen vom reinen Was-Lernen auf fragendes WIE lernen umstellen. Der systemisch-konstruktivistische Ansatz liefert das gedankliche Grundgerüst für adäquates und funktionales Prüfen und Umsetzen der Methoden, die wir für sinnvoll und zielführend erachten. Wir wachsen in eine Zukunft hinein, in der ein Großteil der Berufe und damit Arbeitsplätze, die uns heute vertraut sind, verschwinden werden. Ihre Bedingungen und der zum Scheitern verurteilte Wunsch sie zu erhalten schaffen gegenwärtig Mindsets, deren Kompatibilität zur kommenden Zukunft ich nicht allein für fragwürdig halte, sondern von denen ich erwarte, dass das mit ihnen kommende Konfliktpotenzial zur Übersteuerung führen wird. Wir benötigen dringend Methoden, Tools, Mittel und Möglichkeiten, um allen Menschen dabei behilflich zu sein, sich auf diese Zukunft gesund und motiviert einzustellen, damit sie darin aktiv, persönlich, sozial gewinnbringend und lebendig wirken können.

Schließe ich reflektierend mit folgender Behauptung:

Reflexiv, reflektierend, hoch dimensioniert und differenziert denken und kommunizieren zu können, formt grundlegende Voraussetzungen dafür, in hoch komplexen und sich schnell entwickelnden Gesellschaften gesund zu bleiben, und sich begeistert, willentlich und kreativ einzubringen. Wer das in Zeiten der Globalisierung nicht lernt, läuft Gefahr mit unterkomplexen Lösungen Anforderungen zu begegnen, die er wegen seiner Weigerung, vorhandene funktionale Methoden zu nutzen, noch nicht einmal annähernd adäquat beschreiben kann.

Wir stehen nicht nur vor der bequemen Aufgabe, unser Leben mit noch mehr bedienerfreundlicher Technologie angenehmer zu gestalten, wir stehen vor dem überlebenswichtigen Problem, wie wir mit den technologischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, mit künstlicher Intelligenz, mit global werdendem Geschehen mitwachsen können.

Wer die Frage nach unserem eigenen Wachstum aus der Gleichung herauszunehmen versucht, ignoriert die Gefahr, dass wir drohen in eine Gesellschaft auszulaufen, in der soziales und wirtschaftliches Wachsen, wissenschaftliche und technologische Innovation nicht mehr willentlich ermöglicht werden können, weil wir verabsäumt haben, an der richtigen Stelle anzupacken und uns selbst herauszufordern. Ich erinnere: Wir sind schon einmal an Globalisierung gescheitert. Das hat uns in den 1. und dann – noch besoffen von der vorherigen Selbstverblödung – in den 2. Weltkrieg geworfen.

Begreifen wir den ideologischen Streit als Alarmsignal.

Unsere Aufgabe ist klar: Helfen wir uns selbst dabei, freier zu denken und zu handeln/erleben, damit alle lernen können, eine Faszination für die Herausforderungen und die Chancen zu entwickeln, die mit der neuen Stufe der Menschheitsentwicklung kommen, die zu nehmen wir kürzlich gemeinsam initialisiert haben: Wirklichkeitsemulation.

… und die wird das Thema meiner nächsten Artikelserie hier in    s y s t e m z e i t

stay tuned, wir sind noch (lange) nicht fertig …

24 Gedanken zu “Im Gleichschritt Marsch 3: Individualität und Globalisierung

  1. The Show must go on…. 😉

    Viel Text, bei dem ich auch mit der Vorlauffunktion des Videos nicht wirklich erkennen konnte, um was es dem Herrn eigentlich geht.
    Und zeitweise ging mir auch abhanden, wer eigentlich Moderator und wer Talkgast war.

    Um es kurz zu machen: Was soll mir das Video sagen?

  2. Hallo!

    Erstmal vielen Dank für den Link zu deinem Block, Gitta!

    Ich hatte am Anfang erstmal Schwierigkeiten mich in die Artikel reinzufinden aber sie haben mich vom ersten Artikal an (Symmetrische Konflikte) sehr
    neugierig gemacht, so dass ich nun schon seit eine Weile hier stiller Mitleser und Mitdenker bin. Ich habe beobachten können, wie sie auch mich
    zu einem anderen Denken, Hinterfragen und Reflektieren anregen.

    Ganz besonders auch bei diesem letzten Artikel.
    Ich habe mal versucht mich in die oben aufgeführte Dimensionsgrafik einzuordnen und ich stelle fest, dass es mir wirklich nicht leicht fällt.
    Ich habe dann versucht das erstmal am Beispiel Veganismus zu tun. Wo oder wie ordne ich den Veganismus ein? Meine ersten Überlegungen dazu waren es ihn ins ideologische, reduktionistische, copyhafte einzuordnen. Also Tiere dürfen nicht,
    aber Pflanzen können jederzeit umgebracht werden und ich werte im schlimmsten Fall alle Fleischesser als empathielos ab oder werfe ihnen vor, die Augen
    vor dem Tierleid zu verschließen. Zudem könnte man Veganer, die nur aus Lifestylegründen vegan sind in Richtung Copy ablegen.
    Jedoch würde ich den Veganismus aus einer anderen Perspektive betrachten, dann kann ja das weltweite ,vom Veganer empfundene, Unrecht gegen Tiere nicht
    bestehen bleiben und ein Ende dieses Leidens demnach nur dadurch erfolgen globaler, vernetzter zu denken. Man müsste nationale und
    kulturelle Grenzen überwinden was ja einer Ideologie eher widerspricht (rechte Ideologien z.B.). Und somit gehts ja dann in Richtung
    komplex, pluralistisch.
    Oder ist das nun auch wieder ideologisch? Oder sind das zwei Paar völlig verschiedene Schuhe? Soweit meine Überlegungen und mir ist jedenfalls auch schon ganz
    schwindelig 🙂

    Zu dem Videolink von deaXmac:
    Ich weiss auch nicht so genau zu welcher Diskussion deaXmac damit anregen möchte. Man könnte ja einfach mal den Herrn aus dem Interview nehmen
    und schauen wie jeder ihn persönlich in die Grafik oben einordnen würde. Er sagt ja im Laufe des Interviews von sich er sei weder links noch rechts und er
    hätte ein Problem mit Ideologien und dann kann ja jeder für sich überprüfen inwieweit oder ob seine weiteren Äußerungen
    damit konform gehen.

    • Liebe Stella, vielen Dank für Dein freundliches Feedback.
      Zu Deiner Frage „ist das nun auch wieder ideologisch?“: Ich möchte grundsätzlich dazu motivieren, von Fragen danach, was etwas „ist“ überzugehen zu Fragen danach, was etwas (für einen) bedeutet und/oder wie etwas funktioniert. Wollte ich die Frage danach, wie ich „Veganismus“ einsortieren möchte, beantworten, würde ich mich zuerst fragen, auf wen ich mich wie beziehen möchte. Ich würde es von Mensch zu Mensch unterscheiden, von Organisation zu Organisation, und mir ansehen, wie und mit welchen Mitteln gearbeitet wird. Rein sachlich, also von der Beziehung der Menschen und Organisationen zum Thema getrennt, wäre für mich die Frage nach vegan ja oder nein von vielen weiteren Fragen abhängig. Da kann man dann gemeinsam herrlich anfangen zu streiten.
      Herzlich
      Gitta

  3. Ja, ich denke zu wissen was du meinst. Also die Frage wäre dann „Funktioniert das nun auch wieder ideologisch für mich wenn ich mich auf mich oder XY beziehe?“ (so als laut ausgesprochene Selbstüberlegung wie in meinem oben angeführten Kommentar).

      • Ja, da bin ich wohl auch noch zu oft am Kinderstuhl festgeschnallt 😉
        Aber danke für den Hinweis. Ich verstehe jetzt auch den Artikel besser bzw. anders.

        Zwei Mönche betrachteten
        die Tempelfahne.
        Der eine sprach: Die Fahne bewegt sich.
        Der andere sprach:
        Der Wind bewegt sich.
        Der Meister trat hinzu und sprach:
        Euer Geist bewegt sich.

        (Zen Koan)

      • Liebe Stella, Konstruktivismus und Systemtheorie sind moderne Modelle, die viele Berührungspunkte zu klassischen haben.

  4. Liebe Gitta, Du stellst hier ein (scheinbar) einfaches, transparentes Denkmodell vor, das aber Tiefendimension hat; die Möglichkeiten, die darin stecken, sieht man vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick. Im Folgenden ein paar Gedanken meinerseits dazu.

    Du unterscheidest drei Dimensionen, die ich als „Kontexturen“ (i. S. von Gotthard Günther) beobachte, d. h. als die Einheit zweier untrennbar zusammengehöriger Seiten (z. B. Pluralisierung / Singularisierung), die wir beide brauchen, wenn wir Komplexität sinnvoll oder „angemessen“ (was das heißen könnte, will ich hier nicht erörtern) verarbeiten wollen, die aber untereinander inkommensurabel sind; d. h. sie stehen sich ohne ein Vermittelndes gegenüber.
    Jede der beiden Seiten führt, je für sich genommen, in einen endlosen Verweisungshorizont (es geht immer noch pluraler bzw. noch singulärer), nicht aber auf die jeweils andere Seite der Kontextur. Aus unserer, an Raum und Zeit gebundenen, „unvollkommenen“ Perspektive als Beobachter betrachtet, öffnet sich hier ein gedanklich nicht überbrückbarer Graben; d. h. mit rein logischem, fest-stellendem Denken bekommen wir nie festen Boden unter die Füße. Ideologie wäre der Versuch, die beiden Pole gewaltsam kurzzuschließen.
    Die Möglichkeit der Einheit beider Seiten der Kontextur lässt sich nicht beweisen – dennoch müssen wir sie a priori, d. h. vor aller Erfahrung, unterstellen; anders geht’s nicht.

    Ich vermute nun, dass wir genau drei Dimensionen / Kontexturen brauchen (keine mehr und keine weniger), um Komplexität angemessen zu verarbeiten.
    Luhmann unterscheidet bekanntlich drei Dimensionen von Sinn (zeitlich, sachlich und sozial), sagt aber, er habe irgendwann mal mit dieser Einteilung angefangen, ohne das aber genauer begründen zu können.
    Auch Kant landet fast immer bei dreiteiligen Einteilungen, sagt aber, das liege „in der Natur der Sache“ (sh. hierzu die Fußnote am Ende der Einleitung zur Kritik der Urteilskraft): Wenn Einteilungen a priori (vor aller Erfahrung) vorgenommen werden, können sie – so Kant – entweder analytisch sein; dann sind sie zweiteilig (also eine Kontextur, F. F. ) und dann gelten die Regeln der klassischen Logik (entweder etwas ist oder es ist nicht; tertium non datur).
    Oder aber die Einteilung ist synthetisch; wenn sie in diesem Fall (so Kant) aus „Begriffen a priori gefühlt (! F.F.)“ werden soll (im Unterschied zur Mathematik, in der nach Kant, die Einteilungen „aus der a priori dem Begriffe korrespondierenden Anschauung“ gewonnen werden), dann „muß, nach demjenigen, was zu der synthetischen Einheit überhaupt erforderlich ist, nämlich 1) Bedingung, 2) ein Bedingtes, 3) der Begriff, der aus der Vereinigung des Bedingten mit seiner Bedingung entspringt, die Einteilung notwendig Trichotomie sein.“
    (Das mit der Mathematik kann ich erst einmal nicht nachvollziehen, vielleicht kannst Du, Gitta, oder Ralf, dazu etwas sagen). Interessant ist, dass Kant hier fast nebenbei dem „Gefühl“ die entscheidende Rolle für die Auflösung von Kontexturen zuspricht.

    Wir haben also nun zwei quer zueinander stehende Kontexturen vor uns: Pluralisieren / Singularisieren bzw. unbestimmt / bestimmt. Beide zusammen bilden wieder eine Kontextur, also eine Kontextur von Kontexturen. Um Komplexität sinnvoll zu verarbeiten, braucht es eine dritte Kontextur, die von kommunizierenden Individuen physisch-mimetisch dargestellt / performiert wird und in der die Beteiligten (qua EinBildungsKraft) ihre inneren Bilder so miteinander kompatibel machen, dass ein polykontexturaler Rhythmus, ein „Groove“ möglich wird.
    Dirk Baecker pflegt zu sagen: „KI kann nicht kochen.“ Ich sage lieber: KI hat kein Gespür für Groove.

    • Lieber Franz, vielen Dank für Deine interessanten Überlegungen.

      Ich hatte Weltanschauung(en)/Ideologie als Dimension und für sie Pluralisierung/Singularisierung zur Differenzierung vorgeschlagen. Ja, hier kann sich derjenige, der es will und kann, einen sogar unendlichen, wenn er will und kann, Raum zur Verbindung von Ordnungen aufspannen. Wenn es um Kognition geht, und das war meine Idee, möchte ich Modelle vorschlagen, deren Anwendbarkeit mit der kognitiven Leistung wachsen.

      Inkommensurabilität: Die Miteinander-Vereinbarkeit geht, aber sie geht nur über den (temporären) Wechsel des Bezugspunkts. Selbst was mich selbst angeht, kann meine Anschauung zu einer Angelegenheit von Welt 🙂 und damit mir, von mir weltanschaulich und ideologisch, singularisierend und pluralisierend konstruiert werden. Und über eine Metaperspektive kann ich mir dessen bewusst werden und Dimensionen schaffen, die wiederum diese Ordnungen ordnen. Aus der (noch nicht benannten) Metaperspektive heraus habe ich ja überhaupt erst die Dimensionen und ihre Differenzierungsmöglichkeit erschaffen und kann von dort aus auch ihre Einheit(en) beobachten. Hier benötige ich Günther noch gar nicht, Tarski reicht mir vollkommen.

      Die Dreiereinteilung ist eine Frage von Willkür und Fähigkeit. Nach oben hin eine Grenze zu setzen, hängt von mehreren Faktoren ab, u. a. Fähigkeit und Beobachterfunktionalität

      Kant und Mathematik: Das würde ich hier rauslassen bzw. daran denken, in welcher Zeit er gelebt hat.
      Aber, ja, ich denke ebenfalls, dass die Sache ab Dreidimensionalität überhaupt erst interessant wird. Ich schreibe dazu später etwas, wenn ich das Komplexitätsverarbeitungsmodell ausbaue. Die Sache mit dem Groove gefällt mir sehr. Ich habe ja hier schon drei weitere Dimensionen vorgelegt: Dimensionierung, Differenzierung, Temporeichtum – und verborgen eine weitere, nämlich die Fähigkeit, Metaperspektiven zu generieren.

      „Die KI kann nicht kochen“, Groove, sie kann vor allem nicht genießen, wie sollte sie da kochen können?

      Hab einen feinen Tag, das hat Spaß gemacht – Gitta

    • Gitta, ich habe halt wieder einmal, wie üblich, das Ganze vom Ende her gedacht, während Du immer noch dabei bist, das Ganze überhaupt erst mal zu konstruieren.

      Auf den Groove bin ich im Laufe meiner Arbeit immer wieder gestoßen. Ein Groove bildet für unterschiedliche Bewegungen eine Form, in der sie sich entfalten können, ohne ihre Identität, ihren Eigenwert zu verlieren. Beispiel: mit den Füßen einen 2-er Rhythmus und mit den Händen einen 3-er-Rhythmus markieren. Gedanklich ist das nicht zu bewältigen, da ist der binär unterscheidende Beobachter überfordert. Es braucht Körper-Gefühl und das Gefühl für Lust / Unlust. Ein Computer kann das natürlich problemlos berechnen; er tut sich da nur deshalb leicht, weil er keinen Körper beobachten und die Differenz über Gefühle und innere Bilder ausgleichen muss.
      Abba https://www.youtube.com/watch?v=-crgQGdpZR0 ist ein Beispiel für einfachen Groove. Das swingt, driftet aber auch leicht in illusionäre Welten, wie das Video dann auch deutlich zeigt.
      Das reale Leben ist komplizierter.
      Rhythmus ist für mich generell die Form, in der lebende Systeme fortlaufend die Differenz a) zwischen ihrer eigenen physischen Dynamik und der ihrer Umwelt b) zwischen ihrer Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft sowie c) zwischen ihrer eigenen und fremder Individualität ausgleichen. Sie gestattet es ihnen, immer wieder physisch in sich selbst einzutreten.
      „Ein iterativer Operator verarbeitet da die kompliziertesten Strukturen und schmilzt sie sozusagen in eine konstante Operation ein. Kurz, da kommt es zu stabilem Verhalten. Diese Emergenz ist manchmal mehr, manchmal weniger stabil und kann umgeworfen werden. Dann emergiert etwas anderes, das wieder eine gewisse Stabilität hat. (…) Unendliche Komplexität wird da auf einmal zur Einheit und lässt sich handhaben.“ (Hv Foerster in: Wie wir uns erfinden).

      Es geht bei dem Gefühl für Groove (besonders beim komplizierteren) m. E. nicht so sehr um die Fähigkeit zu genießen, sondern schlicht um Sinn für Ästhetik. Es groovt um so mehr, je mehr es einem gelingt, alle persönlichen Vorlieben loszulassen. Kant unterscheidet den Sinn für Schönes ausdrücklich vom sinnlichen Genuss. „Kochen können“ finde ich daher nicht geeignet als Differenzkriterium zwischen Mensch und Ki.
      „Geschmack ist das Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes oder einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen, oder Missfallen, OHNE ALLES INTERESSE. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt schön.“

      • groove und polyrhythmie …

        meine erste Assoziation : TaKeTiNa – die Schulung der mehrfachen rhythmischen Abläufe und Schwerpunkte mit bewegung und Stimme –
        hoch komplex und außerordentlich faszinierend

        dann aber habe ich dieses hier gefunden :

        https://www.youtube.com/watch?v=lVPLIuBy9CY

        ::::::::::::::::

        hab zwar noch nicht die Verbindung zu den polyrhythmischen Räumen des Denkens – aber eine Idee

      • ja, „there is no movement without rhythm“. Wir haben das Bewusstsein dafür verloren.

        Tiere haben ein Gespür für Rhythmus, aber sie können nicht Polyrhythmie.
        Polyrhythmie erfordert die Fähigkeit, das sinnlich Anschauliche als distanzierter Beobachter zu reflektieren, Vernunft (als die Fähigkeit, in der sinnlichen Vielfalt das Ganze zu sehen).
        Aber beides gehört zusammen, Vernunft und Gefühl.

        Gerald Hüther hat mal in einem Text über TaKeTiNa etwas dümmlich geschrieben: „Hätte doch der alte Kant TaKeTiNa schon gekannt – er hätte seine Kritik der reinen Vernunft nie geschrieben.“ Zu Ehren Hüthers muss ich allerdings sagen, er hat es auf meine Kritik hin zurückgenommen.

      • Polyrhythmie erfordert auch die Fähigkeit, komplett wieder loszulassen.
        Brücke zum Thema: mit Weltanschauungen und Ideologien spielen, um ihre Kontingenz zu be-greifen und in sich dem Impuls zur Gleichschaltung oder zur Singularisierung erspüren.

      • Lieber Franz, ja, es geht mir in der Regel darum, was ich jetzt gerade tue. Dimensioniertes und differenziertes Schöpfen/Beobachten als (erst einmal) bewusst reflektierter Akt.
        Genießen: Ich meinte weniger konditionierten Geschmack, sondern überhaupt die Fähigkeit zu genießen. Meiner Erfahrung nach geht das umso besser, vielfältiger, eleganter, aber auch monströser (wenn dieser Begriff in dem Zusammenhang passt), je weniger persönliche Vorlieben im Spiel sind.
        Brücke zum Thema: ideologisch kochen, unbewusst genießen, als Copy essen.
        Beizeiten sollten wir uns mal über den Gedanken-Begriff unterhalten.

  5. p.s.
    Wenn ich mir jetzt mal das Video anschaue, das deaXmac hier eingestellt hat (nebenbei: ich warte immer noch auf Ihren Diskussionsbeitrag, Frau deaXmac. Ich fände es schade, wenn auch in diesem Blog die Unsitte einreißen würde, Links einfach wie Kuckuckseier ins Nest zu legen und sich dann weiter nicht mehr drum zu kümmern. Oder wie sehen Sie / die Anderen das?) – gut, also wenn ich mir das Video anschaue (und zusätzlich noch ein bisschen Recherche betreibe), dann habe ich nicht das Gefühl, dass dieser Herr darauf aus ist, seine inneren Bilder in Frage zu stellen und einen Groove zuzulassen (seine Gegner vielleicht auch nicht, aber ich weiß nicht welche frustrierenden Erfahrungen sie vielleicht mit ihm gemacht haben). Ähliches kann man ja auch fast täglich im Kehrwochen-Blog beobachten.

    • Sorry, lieber faFri,
      daß ich mich bislang nicht gemeldet habe zu diesem Video,
      das mir -nun ja- untergekommen ist,
      während ich mich mühsam mit Finanzsoftware,
      Finanzbehörden und mit Steuererklärungen rumplage,
      die darauf angelegt sind, mich – Elstermäßig- in die Knie zu zwingen.

      Ein Sujet, das mir – aufgrund der Nullsummen- Spielchen überhaupt nicht liegt,
      wie Sie sich denken können.
      Ein Sujet andererseits, das mich dann doch auch herausgefordert hat bzw.
      auch noch weiter beschäftigen wird .
      Ganz einfach, ob der Dreistigkeit, die sich dann auch noch auf Musik- und
      Filmkanälen tummelt.
      Eingängiges Einlullen in Trancen von Gassenhauern,
      man braucht für diese Form von brave new world
      nur die passenden Stöpsel im Ohr.
      https://www.youtube.com/watch?v=q3svW8PM_jc

  6. verwunderlich

    Einwurf, Impressionen/ Assoziationen , nicht themenbezogen und auch nicht antwortend, ein Kuckucksei ? – und dennoch :

    dieser Text macht mir – auch nach mehrmaligem lesen und pausieren – Schwindelgefühle im Kopf …

    oben und unten – rechts und links scheint sich zu verdrehen … zu Viel, zu Viel schreit mein Hirn – und mein Empfinden

    der Sog, der sich einstellt, scheint gefährlich, abgründig, tiefgründig – eine Art Kaninchenbau oder Spiegelkabinett …

    :::::::::::

    es hat etwas damit zu tun, dass ich wohl nicht gelernt habe, mehrdimensional zu denken …

    mit Müh und Not mag es mir ab und an gelingen, das einander entgegen Gesetzte, einander entgegen Stehende halbwegs auszudifferenzieren Und als zusammengehörend zu erfassen …

    dies aber aus der Linearität in ein räumliches Denken zu überführen – die hier aufgezeigte – und am Graph noch halbwegs nachvollziehbare – Mehrdimensionalität zu wandeln …

    also eine dritte Dimension in Permanenz mit zu führen

    und sowohl das Mitgeteilte Als auch das in-mir-selbst-Angestoßene

    als einen einzigen Raum des Begreifens erfahren zu wollen…

    oje …

    :::::::::::

    wie im Text oben ausgeführt, läuft dies tatsächlich auf eine vollständig neue pädagogische und selbstpädagogische Orientierung hinaus …

    die Instanz des ( theoretisch durchaus bekannten) Beobachters –
    als sowohl Unbeteiligter als auch Beteiligter –
    im eigenen Denken und Fühlen zu errichten und zu schulen –

    scheint Voraussetzung für solches Denken …

    • Liebe Brigitte, ich kann nachvollziehen, wie verwirrend Stil und Inhalt sein mögen. Wie Franz richtig festgestellt hat, wirkt das Ganze übersichtlich und einfach, aber dieser systemische Stil kann einen erst einmal aus den Puschen hauen. Doch, welchen Sinn hat es, wenn ich für Dich denke? Du bist ja selbst eine eifrige Verfechterin der Idee, dass wir differenzierter zu denken lernen könnten und dass die Bildungsfrage Antworten auf die Frage schaffen sollte, wie Menschen emanzipiert lernen können und ihre Potenziale verwirklichen. Ja, es geht mir um Beteiligung statt Konsum.
      Herzlich – G

    • „also eine dritte Dimension in Permanenz mit zu führen
      und sowohl das Mitgeteilte Als auch das in-mir-selbst-Angestoßene
      als einen einzigen Raum des Begreifens erfahren zu wollen…“
      Das finde ich schön formuliert. Da ist doch schon alles drin. Das groovt…

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