¡nFORMat¡on

Ein Blick auf die Hälfte der wohlständigen Welt und der Gedanke kommt auf, dass alle verrückt geworden sind.

In den Vereinigten Staaten trompetet Donald Trump mit seinen Minions am laufenden Band ohne jede Rücksicht auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit “Fake News” heraus. In Deutschland skandieren Menschen mit Hitlergruß “Lügenpresse, Lügenpresse!”, in Holland und Frankreich musste bei den letzten Wahlen um Europa und die Demokratie geschwitzt werden, Polen und Ungarn sind als freiheitliche und europäische demokratische Rechtsstaaten kaum noch zu erkennen.

In den Internetmedien tobt der Ideologienkrieg und die Medien greifen die allgemeine Entrüstung und Gegenentrüstung in einer Weise auf, dass es schwer fällt, noch nachhaltige Berichterstattungen über und Diskussionen um andere Themen als Trump, die AfD, die Flüchtlingsproblematik zu finden – und das, obwohl solche dringend nötig wären. Weder die Klimakatastrophe, noch der globale Ressourcenmangel und die Probleme im, mit und durch das moderne Prekariat (vom Welthunger ganz zu schweigen) lassen sich einfach so beiseite schubsen.

Kann durch Konzentration auf Randthemen freiheitlich demokratisches Denken gelernt werden oder kommen wir, wenn wir uns freiwillig in Randthemen entführen lassen, immer mehr von dem weg, was Gesellschaft lernen muss, um sich freiheitlich demokratisch zu verhalten? Durch Angst zu unterhöhlen ist die Methode des Terrorismus. Warum erlauben wir Ideologen, unsere Kommunikation zu dominieren? Ist es der eigene ideologische Impuls? Wie kommt es, dass wir wissen, dass wir mit anhaltend abgrenzenden Gegenreaktionen das Phänomen nur noch verstärken, und es trotzdem tun?

Was ist los?

Ich könnte die allgemeine Erklärnot – meiner Ansicht nach Teil unserer Selbstbekräftigung in Abgrenzung – bedienen und (im Hinblick auf den deutschen Teil der Problematik) über die DDR philosophieren oder die unbequeme Frage stellen, warum eigentlich weder Hartz IV- noch Rentenproblem in die Diskussion um die neuen Nazis und die AfD lösend einbezogen werden. Das lasse ich aber und stelle eine ganz andere Frage: die nach dem Informationsbegriff. Ich will damit Auftrieb zu systemischer Perspektive liefern, die uns nicht als „die Guten“ aus dem Problem herausnimmt und eine tiefliegende Schwierigkeit anvisiert … dass nämlich Information nicht das ist, wofür die meisten sie halten, und dass das, wofür sie sie halten, gar nicht geht.

Die deutschen konstruktivistischen Systemiker oder systemischen Konstruktivisten (einfach lässt sich das hier bei uns nicht mehr unterscheiden) analysieren in diesem Problemkreis Fragen der Komplexität und der Kontingenz. Einige gehen so weit zu behaupten, dass es auch seriöser Journalistik nicht mehr gelingen kann, „News“ oder „Fakten“ zu liefern, weil wir nicht mehr entscheiden können, was das „ist“ und was nicht. Dabei segelt so mancher hart am Wind des Flachlandrelativismus, während andere sich bemühen, in der Polyvalenz eine Chance zu erkennen. Die Frage danach, was „Fakten“ eigentlich sind, kommt auf, aber die wichtigere Frage danach, wie wir überhaupt Information machen, was Information für uns ist und was nicht, die wird nicht – oder nur unzureichend – gestellt und noch nicht diskutiert. Da scheint sich die überwiegende Mehrheit mit dem zufrieden zu geben, was Niklas Luhmann dazu (Gutes!) geschrieben hat und wiederholt es mit mehr oder weniger hinreichender Genauigkeit … einige produzieren dabei Matsch.

Meiner Ansicht nach ist der Ansatz, auf Komplexität und Kontingenz zu verweisen, durchaus funktional. Ich habe dafür, wie man lernen kann, mehrdimensioniert und differenzierter zu denken, in Im Gleichschritt Marsch Beispiele gegeben und außerdem Ansätze dazu geliefert, den ideologischen Impuls in uns allen besser zu fassen, seine Funktion und Leistung zu begreifen und sich selbst in komplexere und differenziertere Perspektive zu stellen. Doch das allein reicht noch nicht, denn es macht eine basale Schwierigkeit nicht klar.

Um die Sache auf den Punkt zu bringen, müssen wir über Information reden und fragen, was wir eigentlich darunter verstehen wollen, denn augenblicklich sieht es nach meiner Beobachtung so aus, dass Menschen versuchen, sich zu informieren und – noch schlimmer – sich gegenseitig zu informieren. Dabei scheitern sie eben nicht nur an Komplexität und Kontingenz, sondern schlicht und ergreifend daran, dass sich im landläufig verstandenen Sinne niemand informieren und erst recht niemand irgend jemand anderen informieren kann.

Insofern ist jeder Versuch, anderen dabei zu helfen, sich „richtiger“ (oder zumindest funktionaler) zu informieren, zum Scheitern verurteilt. … Es sei denn, wir schaffen einen funktionalen Informationsbegriff, der dann dabei helfen kann, sich vor allem zuerst einmal bewusst zu werden, dass das, was wir als Information nutzen und wie wir es tun, von uns selbst abhängt und dass wir daraus folgend nur uns selbst, aber niemand anderen informieren können. Mehr noch sind uns Art und Weise, Umfang und Qualität der Selbstinformation häufig gar nicht (einfach) zugänglich. Würden wir immer nur bewusst entscheiden, wir könnten nicht einmal Fahrrad fahren. Wir sind auf automatisierte Selbstinformation, auf automatisierte geistige Prozesse und Körperfunktionen angewiesen.

Invisibilisierung ist eine evolutionäre Errungenschaft.

Dass wir uns selbstreferenziell organisieren, ist eine fundamentale Erkenntnis aus dem Konstruktivismus. Der lässt sich natürlich leugnen, aber ich würde gern dabei zuschauen, wie mir dann jemand erklärt, dass es mir in meinem ganzen Leben noch nie gelungen ist, in jemand anderen eine Information hineinzuproduzieren. Wäre das (anders)möglich, müsste ich mir bei manchen Themen nicht mehr so den Mund fusselig reden. Da kommt auch die interessante Frage auf, in was für einer Welt wir dann eigentlich leben würden. Ich könnte unter solchen Bedingungen direkt in Ihr Erleben, Ihre Psyche eingreifen, und wir alle könnten per Knopfdruck die Gesellschaft verändern … aber ich fürchte, solche Systeme sind evolutionär nicht sonderlich sinnvoll. Bei Blattläusen ergibt Klonen noch Sinn – in komplexeren Systemen zeigt sich Autopoiese in ihrer individuellen Ausformung und der daran wachsenden Komplexität als funktionale Lösung und evolutionärer Vorteil:

Wenn menschliche Gesellschaften und menschliche Psychen nicht informationell geschlossen operierten, verlöre die Art Mensch Variations- und Selektionsmöglichkeiten in Evolution. Sie ginge der Vielfalt und Fähigkeit, sich unterschiedlich und aus unterschiedlichen Richtungen an neue Probleme anzupassen, verlustig. Das Individuum stärkt evolutionäre Resilienz der Art. Das wirkt nicht nur für Menschen, sondern auch für Löwen und Gazellen. Wenn Klonen in den letzten 4 Milliarden Jahren erfolgreicher als Individuierung gewesen wäre, dann müssten wir viel mehr hochentwickelte sich klonende Arten auf unserem Planeten haben. Das ist aber nicht der Fall. Und sich klonende Arten sind in der Regel gegenüber Krankheitsbefall und drastischen Veränderungen im Environment viel anfälliger, da sie nicht so schnell mit Selbständerung reagieren können. Ihre Stärke liegt in Massenreproduktion, aber es fehlt ihnen an Variations- und Selektionsmöglichkeiten.

Eine Gesellschaft, die in geklonten Perspektiven denkt, die Individualität nicht begreift und die informationelle Geschlossenheit übersieht oder zu ignorieren versucht, ist natürlich viel anfälliger gegenüber destruktiven Ideologien, weil diese einfach durchgereicht werden können. Es ist für das Überleben von Gesellschaften wichtig, Konditionierungsprozesse und -maßnahmen (wie zum Beispiel auch Hartz IV) kritisch zu handhaben, denn sie schaffen in ihrer Eskalation die Topologie für destruktive ideologische Strömungen.

Das Problem, dass andere mit anderen Entscheidungen und Vorstellungen von Welt herumlaufen (die unserer Ansicht nach möglicherweise die „falschen“ sind) lässt sich nicht lösen, indem wir den Menschen erklären, was die „richtigen“ und was die „falschen“ Informationen sind. Es lässt sich nicht lösen, wenn wir glauben, dies sind „Fake-News“ oder Fabrikationen der „Lügenpresse“.

Ich kann Information nicht in andere hineinproduzieren.

Systemisch betrachtet ist Information für das System ein/das (System)Ereignis, das Systemzustände selegiert. Was ein lebendes System als Information verwertet, wissen wir und auch das System selbst immer erst hinterher (häufig wissen wir/das System es nicht einmal dann, weil invisible und/oder komplexe Entscheidungen/Entscheidungsprozesse im Spiel waren). Die Ereignisse, die informativ wirken, werden vom System hervorgebracht. Gedanken anderer können für mich nicht entscheidend sein. Auch Wörter und Geräusche sind nur dann für mich Möglichkeiten zur Information, wenn ich daraus ein Ereignis mache. Manchmal, wenn ich intensiv über einen Artikel nachdenke, spricht mein Mann mich an und ich bekomme das gar nicht mit. Ereignisse müssen Systemereignisse sein, damit sie informativ wirken können. Wenn ich durch den Wald gehe und ein Baum fällt um, kann das für mich Systemereignis werden, ob das auch für die Ameise einen Kilometer weit entfernt der Fall ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Satz „Denk selbst!“ ist eine absurde Aufforderung: Wir können gar nicht anders, als selbst zu denken. Er gehört ersetzt durch: „Reflektiere Deine Selbstinformation!“

Drösel ich das weiter auf, meint „Ereignis, das Systemzustände selegiert“ nicht nur das, was ich gerade gesagt habe, es meint auch, dass niemand vorher sagen (und vorhersagen) kann, was das jeweilige System als Information ansieht und verwertet und was nicht. Eltern können das täglich erfahren. Sie erleben, dass ihre Kinder nicht tun, was sie ihnen sagen. Wir Erwachsenen (?) scheinen solche Erkenntnis jedoch umgehend wegzuwerfen, sobald die politische oder die ideologische Diskussion beginnt. Was das angeht, tun wir uns schwer damit, unsere tagtäglichen Erfahrungen bewusst wahrzunehmen und aus ihnen zu lernen. Jedoch kann Bewusstheit dafür zu schaffen sich als Methode erweisen, um den inneren und äußeren Frieden zu stärken.

 

Bei einfachen Maschinen funktioniert es noch, dass wir sie direkt programmieren können, und sie dann (hoffentlich) so wirken, wie wir uns das vorstellen. Hier ist es noch möglich, vorherzubestimmen und die Informationsreferenz so zu begreifen, dass wir die Information in die Maschine hinein geben, die dann die nächsten Systemzustände selegiert. Bei Menschen (und erst recht menschlichen Psychen) und Gesellschaften können wir das vergessen. Und es gibt heute bereits komplexe Maschinen, bei denen das auch nicht so einfach geht …

Wie ich in How does System function/operate gezeigt habe, müssen Systeme sich einfach weiter entwickeln, damit wir sehen können, was sie wie als Information verwertet haben. Das macht Emulation zu einem hilfreichen Instrument der Analyse, unter welchen Bedingungen welches System in etwa was machen wird, unter welchen Bedingungen sich welche FORM wie ausentwickelt/ausdifferenziert. Ich kann nicht hingehen und meinen, etwas eindringlich genug oder klar genug zu kommunizieren, und dann erwarten, dass andere entsprechend reagieren oder gar spuren. Wer so denkt, denkt in Zwängen. Solchem Denken folgende Resultate sind Faschismus und Totalitarismus. Es handelt sich dabei um ein Bildungsproblem und um ein ganz erstaunliches noch dazu, denn die tägiche Praxis mit all unseren kleinen und großen Streitereien zeigt, dass das intendierte Ziel so nicht erreicht wird, aber die meisten es dennoch weiter versuchen …

Das Wissen um die Konsequenzen aus Autopoiese ist in die Massen nicht vorgedrungen, es spiegelt sich nicht in den täglichen Diskussionen in Medien und Internetmedien. Zwar weisen viele Soziologen und Philosophen auf das Komplexitätsproblem, aber dass bereits mit einem dysfunktionalen Verständnis von Information gearbeitet wird, bleibt weitgehend unbesprochen.

Ein Grund dafür könnte darin liegen, dass immer noch mit teilweise ganz merkwürdigen Grätschen versucht wird, den Informationsbegriff in den systemischen Kommunikationsbegriff mit hineinzuzwängen. Das ist ein schwieriges Unterfangen, denn sowohl soziale wie auch psychische Systeme operieren informationell geschlossen. Nehme ich den Informationsbegriff mit in den Kommunikationsbegriff hinein, habe ich das Problem, dass in der einzelnen Kommunikation bereits enthalten sein könnte, dass und wie sie zum selektiven Ereignis für das System wird, sich weiter auszudifferenzieren. Das würde bedeuten, dass eine Einzelkommunikation über systemische Entwicklung deterministisch/determinierend entscheiden kann. So läuft das aber bei lebenden Systemen nicht.

Soziale Systeme operieren informationell geschlossen. In ihnen ausdifferenzieren sich Subsysteme und Teilsysteme, die sich informationell mehr oder auch weniger spezialisieren. Entsprechendes kann ich auch an/in Psyche(n) interpretieren/beobachten.

Manche Subsysteme verdichten/spezialisieren ihre Informationsprozesse so sehr, dass viele oder gar die meisten Ereignisse des Systems in ihnen nicht mehr selektiv wirksam werden können. Die Börse beispielsweise hat sich dank Digitalisierung und Vernetzung in Wirklichkeitsemulation entsprechend entwickelt. Auch wenn wir mit Gruppen von Nazis reden, merken wir, dass zwar die Tatsache, dass wir etwas sagen, verstanden wird, aber der Inhalt wird nicht als Neuigkeit verwertet, sondern nur zum Grund genommen, bereits etabliertes Denken weiter zu stabilisieren. Und ähnliches passiert auch seitenverdreht: Viele Menschen, die durchaus berechtigte Befürchtungen im Kontext der Migrationsproblematik formulieren, müssen in Internetdiskussionen erleben, dass das, was sie für wichtige Information halten, für andere nur zu der Selbstinformation gereicht, sie in die Riegen der Rechten oder der Nazis einzusortieren.

Auch sind manche psychische Subsysteme für einiges offen, für anderes weniger, und manche Psychen (wie beispielsweise im Fall der Multiplen Persönlichkeitsstörung) bilden Subsysteme aus, die informationell kaum noch durchlässig für die Gesamtpsyche sind.

Je nachdem, was ich unter „Mensch“ verstehen will, kann ich ihn als selbstreferenzielles System mit eigenem Informationszyklus betrachten oder als Menge von verschiedenen Systemen und als informationell offen(er). Unter „Person“ verstehe ich FORMen zwischen Psyche und Sozialsystem, für die einige InFORMationen unzugänglich bleiben (beispielsweise die Psychen anderer Personen), andere nicht (beispielsweise äußere Merkmale anderer). Personen können in Kommunikation informativ wirken, (ihre) Psychen jedoch bleiben einander und der Kommunikation (auch dabei) unzugänglich. Personen lassen sich psychische oder soziale Merkmale zuordnen. Ich kann auch Unternehmen – zumindest zum Teil – als Person(en) begreifen.

Wenn man denkt, dass man mit Kommunikation Kommunikationssysteme steuern kann, ist man schief gewickelt: Man lässt sich konditionieren und nutzt die Möglichkeiten freier Entscheidung nicht. Die Sucht, neue Informationen zu bekommen, hat mit der Angst zu tun, ein wichtiges selektives Ereignis zu verpassen. Dabei unterscheiden Viele nicht zwischen Nachricht, Neuigkeit, Daten, News und Information. Aus den Vereinigten Staaten schwappt auch zu uns dieser Wahnsinnsgedanke herüber, dass, wenn wir etwas nur als „News“ ausweisen, jeder sich damit befassen muss. Rechte denken, Linke seien uninformiert und dumm, kurzsichtig und naiv, umgekehrt gilt dasselbe.

Journalisten können Nachrichten liefern. Ob diese vom Einzelnen oder von Gruppen oder gar der Gesamtgesellschaft als Nachrichten interpretiert werden, hängt schon von der Bereitschaft ab, sich damit zu befassen. Ob daran etwas Neues gefunden wird, steht in Beziehung zu so vielen individuellen und Gruppenentscheidungen, dass „News“ zu rufen, nicht nur arrogant ist, sondern im Grunde eine übergriffige Frechheit. Wer Menschen als abhängige Dummköpfe will, die gleichgeschaltet das tun, was man selbst für richtig hält, hat keinen Sinn für demokratische Prozesse. Dabei spielt die Natur seiner Ideologie keine Rolle – am Ende gilt für alle Ideologien, dass sie gleichschalten und Sicherheitsängste beruhigen sollen.

Der Ausruf „Ich habe Information!“ ist ein Konditionierungsversuch.

Wenn ich etwas als Neuigkeit bezeichne, dann erwarten die Leute etwas Neues daran, vielleicht auch einen möglichen Vorteil für sich und eine Gelegenheit dadurch, die vermeintliche Neuigkeit als einer der Ersten zu kennen. Oft ist das Neue aber gar nicht neu, sondern redundant: Mit der Neuigkeitserwartung wird Redundanz verkauft und durchgedrückt. Erreicht wird damit die Konditionierung von Individuen und Gruppen. News und Information werden als Pression benutzt: Du darfst das hier nicht verpassen, Du musst das hier haben. So wird versucht, die Selektion, die nur das System für/aus sich selbst zustande bringen kann, fremd zu steuern. Wenn man das als Mensch nicht unterbrechen kann oder wenn Gruppen das nicht können oder wollen, bringen sie/Sie sich in Abhängigkeit von vermeintlichen News und vermeintlichen Informationen und von ihren/Ihren Konditionierern/Dompteuren.

Ja, die Aufgabe der Journalisten, ist Nachrichten zu liefern. Aber ihre Aufgabe besteht nicht darin, die Gehirne ihrer Leser zu waschen. Dennoch haben auch Journalisten die Freiheit zur Weltanschauung und zur Ideologie. Nicht nur das: Sie können im Grenzfall gar nicht anders. Deshalb müssen Verantwortung für und Konsequenz der ideologischen Frage vom bewertenden Lieferanten der Nachricht und vom bewertenden Rezipienten der Nachricht getragen/ertragen werden. Wie wir auf Daten und Nachrichten reagieren, ist Angelegenheit unserer eigenen Entscheidung, die wir Automatismen überlassen oder beginnen können zu reflektieren und bewusst zu treffen.

Welche InFORMation(en) konstituiert/selegiert dieses grüne Dreieck in CoOneAnother (und jenes, und jenes, …)?

Welche InFORMation konstituiert/selegiert diesen Glider in dieser lifeFORM?

Welche InFORMation konstituiert/selegiert … in dieser slitFORM?

 …

Was bedeutet nun „Ich habe eine wichtige Information für Dich“?

Was bedeutet nun „Informationsüberschüttung“?

Und was bedeutet nun „Du musst Dich informieren“?

Wir leiden nicht an Informationsüberschüttung, das sollte zu diesem Zeitpunkt klar geworden sein. Wenn überhaupt, können wir von Komplexitätsüberschüttung, Entscheidungsproblemen, Überschuss nicht managebarer Auswahlmöglichkeiten (darin liegt ein konstruktiver Aspekt) sprechen. Das passiert in dem Augenblick, wenn wir das Internet einschalten und uns die Statusleiste von Facebook vornehmen oder bei Google „News“ eingeben. Welche Nachricht soll ich lesen? Welche Daten sollte ich interpretieren? Woran will ich mich informieren, meint: Woran will ich mich neu aufstellen? Und wie will ich das tun?

Das sind Fragen, auf die es ankommt und die nicht hinreichend gestellt werden, weil wir uns gegenseitig darauf konditionieren möglichst „informiert zu sein“. So tritt jeder Einzelne das Problem tiefer in die Gesellschaft hinein, indem er Meinung zum Besten gibt und in den Social Media teilt, was er oder sie für informationsrelevant hält.

 

Egal, ob wir Psychen oder Kommunikationssystem(e) nehmen: Der Prozess der Selbstinformation läuft in beiden nach diesem Muster ab. Je weiter wir den Mustern folgen, desto deutlicher wird, wie sich das System auf sich selbst bezieht, wie es seinen eigenen Informationsfluss ausdifferenziert. Ich möchte zur Verdeutlichung von Selbstinformation noch einmal dazu raten zu versuchen, von unseren SelFis und decision- und lifeFORMs zu lernen. Youtube-Channel: WELTFORM-Kanal


Mit jetzt mehr Begriff(en) zur Verfügung wird es möglich, psychische und kommunikative Informationsprozesse differenzierter zu beobachten und zu handhaben.
Daten können als potenzielle Nachrichten verstanden werden, Nachrichten als Anregungen zur Selbstinformation, News oder Neuigkeiten als das, was für den Einzelnen oder die Gruppe so in der Form noch nie zum Systemereignis wurde. Und wenn wir jetzt noch einen tieferen Blick in Kommunikation hinein werfen, kann deutlich werden, warum es nicht sinnvoll ist, den Informationsbegriff als dritten (oder gar vierten) Teil der Einzelkommunikation mit hineinzunehmen. Es wird uns auch klarer, wenn wir darüber nachdenken, dass wir Einzelkommunikationen nicht einfach so herauslösen können, dass sie auch im simplen Fall noch hochkomplex organisiert und vernetzt sind und dass invisible Entscheidungen, Entscheidungsstrukturen und Entscheidungsprozesse eine wichtige Rolle spielen.

Kommunikation vereinzelt … (dreifache) Selektion aus den FORMen Meinen, Mitteilen und Verstehen. Jede einzelne FORM hat ihren eigenen Informationszyklus. Wie und in welcher FORM diese FORMen selegiert und anschließend als Information verwertet werden, entscheidet das jeweilige System.

Schauen wir uns die Vereinzelung an, behalten aber im Hinterkopf, dass es sich dabei um eine Vereinfachung handelt, von der wir uns nicht verführen lassen sollten zu glauben, es gäbe die hochkomplex vernetzten Kommunikationen und Kommunikationsstrukturen nicht, in denen wir teilweise nicht einmal genau wissen, welche Personen (natürliche oder juristische) an der Kommunikation beteiligt sind, und in denen es auch nicht so leicht fällt Meinen, Mitteilen und Verstehen zuzuordnen.

In Kommunikation nehmen mindestens zwei Personen im fliegenden Wechsel folgende Rollen ein:

Ego versteht, unterstellt Alter ein Meinen und interpretiert Alters Verhalten als Mitteilungsverhalten

Alter teilt mit

Alter muss nicht unbedingt etwas meinen, er/sie muss nicht unbedingt etwas mitteilen (wollen). Es reicht, wenn Ego denkt, dass das passiert. Wir alle kennen diese Situation, dass jemand meint, wir hätten gerade etwas (Bestimmtes) gesagt und darauf reagiert. Viele Streitereien bestehen zu weiten Teilen aus Projektionen. Bei all dem informiert sich der Beobachter selbst, und das gilt auch für soziale Systeme. Ego entscheidet über das Zustandekommen von Kommunikation, aber es ist das Kommunikationssystem selbst, das darüber entscheidet, ob diese Kommunikation später als Ereignis wirksam wird, das Systemzustände selegiert.

Je nachdem wie KommunikationsFORMen fokussieren und miteinander interagieren, konstituieren sich an ihnen andere Systeme, die sich individuell unterschiedlich inFORMieren.

Kein Mitteilender hat Einfluss darauf, was der Verstehende versteht und welches Meinen er ihm unterstellt. Wir können orientieren, nicht aber manipulieren. Das weiß jeder Narzisst, weil er sich nämlich im ständigen Stress befindet, die Druckpunkte zu finden, auf die der andere ansprechbar ist.

Viele nennen unsere heutige Zeit das „Zeitalter der Narzissten“. Wenn ich mir ansehe, wie viele Menschen, überfordert vom Überschuss der Auswahlmöglichkeiten, hingehen und versuchen, mit Hilfe von Rhetorik (mal populistischer, mal ausgefeilter) andere dazu zu bringen, ihre Realitätstunnel, ihre ideologischen Tunnel in die gleiche Richtung zu buddeln, und wenn ich dann daran denke, wie typisch Manipulationsversuche für Narzissten sind, kann ich das nachvollziehen. Ich halte die ganzen Selbstdarstellungsmaßnahmen in den Internetmedien für solche Manipulationsversuche – und überlasse es anderen, über die Motive dahinter zu spekulieren. Was mich wirklich interessiert, das ist nicht, wie ich mit dem Finger auf „dumme Menschen“ zeigen kann. Das interessiert mich nicht einmal bei Nazis. Ich halte das für Zeitverschwendung und – noch schlimmer – für dysfunktional und Energieverschwendung … puuuhhh … viel interessanter finde ich die Frage, was ganz grundlegend im Argen liegt, und da erkenne ich in der Begriffsarbeit den Hebel, um das Problem am Kern zu knacken:

In dem Augenblick, in dem eine hinreichend große Zahl von Menschen begreift, dass sie andere nicht informieren können, dass sie in Kommunikation keine Information hineinlegen können, wird sich eine andere Diskussionskultur FORMen: eine freilassende InFORMationskultur.

 

Bildideen: Ralf Peyn
Bildumsetzung: Peter Hofmann

 

Die beiden zentralen Referenzen noch einmal zum Abschluss:

Information → Ereignis, das Systemzustände selegiert

Kommunikation → (dreifache) Selektion aus Meinen, Mitteilen und Verstehen

 

8 Gedanken zu “¡nFORMat¡on

  1. occupy Information? weitere Assoziationen zu Informationen+…?

    Smartphone am Trapez in der Manege der Manager

    das occupy-weltwissen der 7-jährigen

    an der alten tafel die neuen (einfachen) Ungleichungen – weniger gafam wäre mehr …?

    https://www.finanzen.at/nachrichten/zertifikate/der-gafam-boom-geht-weiter-1027436562

    kleines 1×1 nach 45 = #wirsindmehr

    https://www.deutschlandfunk.de/oliver-ruf-hg-smartphone-aesthetik-selbst-fern-steuerung.700.de.html?dram%3Aarticle_id=427197

  2. Liebe Gitta,

    danke erst mal für Deinen „Hirnschmalz“ im Artikel zum Begriff „Information“. Fordert heraus.

    Erlaube mir zuerst mal die hier (schweigenden) Mit-Leser anzusprechen:

    Dem Blog neues „Leben“ einhauchen?
    Ich kommentiere in meinen Worten, wie ich mich inFORMiere zum Begriff inFORMieren.
    Und wer unter Deinen vielen tausenden FB-Freunden noch?

    Gibt es wirklich Keinen, der Gittas „Hirnschmalz“ entsprechend, kritikfähig ist, damit Gittas nächster Artikel jeweils „besser“ werden darf, als der vorhergehende? 😉

    Ich vermute jetzt mal, dass ich zu wenig kritikfähig für Dich bin, als es mir gelingt Dich herauszufordern, Dich mit dem nächsten Artikel zu verbessern. Aber versuchen will ich es.

    INHALTLICH inFORMiert:

    Verhältnis Ego(1) zu Alter in Stichworten:

    Ego versteht (=projiziert)
    Ego unterstellt Alter (s)ein Meinen
    (Ego „vergreift“ sich, bzw. wird „übergriffig“ im Einstieg in ein „Teufelskreisspiel“)
    Ego interpretiert (=bewertet)
    Ego meint das Verhalten von Alter sei ein Mitteilungsverhalten
    (Ego erwartet von Alter Zustimmung, Bestätigung für seine Rolle im „Teufelskreisspiel“)

    (Die) Alter teilen mit
    (Die) Alter verweigern „Teufelskreisspiels“ und sind blind für (die) Ego
    (Die) Alter werden (ungewollt) zum unvermeidlichen Auslöser für Frustrationserleben von (die) Ego.
    (Die) Alter ist/sind Vermittler der Selbst-Überwindung von (die) Ego(2)

    Aufgrund Deiner These (mit eigenen TZI-Ergänzungen):

    Wir können (einander) orientieren („schwache“ Verbindung im Erwachsenen-Ich-Kopplungs-Modus), nicht aber manipulieren („starke“ Verbindung – eines „Teufelskreisspiels“ – im Täter-Opfer-Ich-Verstrickungs-Modus)…

    …(Re-)FORMuliere ich sieben (Selbst-)Anweisungen:

    1.Akzeptiere, dass informieren sich radikal von kommunizieren unterscheidet.

    2.Akzeptiere, dass Kommunikation keine Information beinhaltet und daher alle Versuche eine solche hineinzulegen zwangsläufig entweder zu Kommunikationsabbruch führen werden, oder zu Teufelskreisen mit Richtungswechseln, oder zu außergewöhnlichem Kommunikationsverhalten, welches als Störung markiert wird.

    3.Akzeptiere, dass (sich) informieren bedeutet (beiderseitiges) kommunizieren zu kultivieren und informieren einer anderen Ebene und Kategorie angehört, als kommunizieren.

    4.Akzeptiere, dass selegieren und selektieren Begriffe sind, die zu unterschiedlichen Handlungsweisen, aufgrund unterschiedlicher Kontexte, gehören.

    5.Akzeptiere, dass (sich) inFORMieren bedeutet, (sich) (s)eine FORM zu wählen (selegieren), um im Kontext von Selbst-inFORMation (öffnend oder schließend) zu perFORMen.

    6.Akzeptiere, dass (beiderseitiges) kommunizieren bedeutet aus dem Dreiklang von Meinen, Mitteilen und Verstehen auszuwählen (selektieren), um im Kontext von Beziehungs-Kommunikation (öffnend oder schließend) zu perFORMen

    7.Akzeptiere, dass FORMen „atmender“ Diskussionskulturen zwischen die Alter einander genügend Raum und Zeit lassen, im Kontext funktionalen InFORMations- und Kommunikationskulturen, sichtbar im Duett einvernehmlich-kooperierenden Öffnens und Schließens zu perFORMen – ganz im qualitativen Unterschied zu – „erstarrender“ DiskussionsUN(!)kulturen zwischen Ego(s) die einander Raum und Zeit stehlen, im Kontext dysfunktionaler InFORMations- und KommunikationsUN(!)kulturen, sichtbar im Duell unvereinbar-konkurrierenden Öffnen und Schließens zu perFORMen.

    Randnotizen:
    Angefügte Schau-Bilder empfinde ich hilfreich.
    Wortwolke Deines Beitrages: https://tinyurl.com/yb3pgp8j

    Resümee:
    Ich/wir inFORMiere(n) (mich/uns), also perFORMe(n) ich/wir.® 😀

    Anmerkungen
    (1) https://de.wikipedia.org/wiki/Alter_Ego
    (2) https://de.wikipedia.org/wiki/Doppeln)

    • Lieber Ingo,
      ich weiß nicht so recht, wie und wo ich hier ansetzen soll.
      Hast Du Luhmanns „Soziale Systeme“ gelesen?
      Ich finde interessant, dass Du versuchst, eine moralische Richtung einzuschlagen, bin aber nicht sicher, ob die Begriffskonsistenz dabei gewahrt geblieben ist.
      Daraus Kommunikationsregeln abzuleiten, ist eine hübsche Idee, Du kennst sicher die Axiome von Paul Watzlawick?
      Die Wortwolke ist klasse.
      Herzlich
      Gitta

      • Liebe Gitta,

        Danke für Deine geäußerte „Irritation“ und Bewertung.

        Deine Frage in einem Wort: Nein.

        Zu meiner Intention – als „Nicht-Luhmann-Experte“ – Deinen Artikel zu kommentieren: Wir tauschten uns ja schon länger zur Systemtheorie aus. Mich interessieren Prozesse der KybernETHIK (von daher vielleicht, Deine Setzung „moralische Richtung einschlagen“) und Autopoiese bzgl. der Kopplung von Körpern, Psychen und sozialen Systemen mehr, als abstrakt-mathematische Kybernetik und abstrakt-systemtheoretische Theoriemodellbildungen und Interpretationen nach Luhmann. Begriffsdefinitionen gehören natürlich dazu. Einen (pragmatisch-radikalen) Konstruktivismus und Kommunikationstheorie mag ich sehr.

        Dass sich die Genese, Erhalt und Kopplung von autopoietischen Systemen, mathematisch und abstrakt-systemtheoretisch beschreiben lassen, ist mir klar. Doch darin bin ich sicher nicht kompetent. Versuche dennoch zu verstehen, was Du schreibst, weil es mich interessiert. Und dann reflektiere ich das von Dir geschriebene, wie es bei mir ankommt.

        Dass mir die entsprechende Abstraktionsfähigkeit fehlt, um auf einer Ebene zu schreiben, Die Dir einen Mehrwert verschafft, habe ich in meiner Antwort bereits geschrieben. Und dass es sich bei meiner Antwort um einen „Versuch“ (i.S.e. Experiment) handelt.

        Ich kann gut verstehen, wenn Dir lieber ist, dass hier in erster Linie diejenigen mitschreiben, die dies auf Augenhöhe mit Dir vermögen, (z.B. Luhmann gelesen & verstanden haben) und das ist völlig in Ordnung für mich und gestehe gern, dass ich dann nicht geeignet bin. Ich nehme das auch nicht persönlich.

        Dein Blog, deine Regeln. Eine Bitte habe ich: Bitte lösch meinen Kommentar, falls er Dir zu unzutreffend zur Sache selbst, die Du im Blick hast erscheint.

        Ob und wann ich zum antworten komme, weil ich Luhmann’s „alter Ego“ („nicht für Rollen oder Personen oder Systeme, sondern ebenfalls für Sonderhorizonte“) und seine Interpretation des „Informationsbegriff“ so verstehe, wie Du ihn verstehst, weiß ich nicht.

        Ich habe (inspiriert durch Deinen Artikel, bzw. was ich daran verstehe) das TZI-Modell hergenommen und in Verknüpfung zu „Alter Ego“ (nicht im Sinne Luhmann’s) daraus für mich logische erscheinende Konsequenzen als (Selbst-)Anweisungen formuliert, nicht mehr und nicht weniger. Es sind meine Gedanken, keine Zitate und keine Auslegungen zu Luhmann oder zu Deinem Artikel.

        Falls Du magst, kannst Du ja Deine Zusammenfassung des Verstehens von Luhmann’s Informationsbegriff mir mitteilen. Ob hier oder via PN. Da ich Deinen Artikel offensichtlich nicht so verstanden habe, wie Du es Dir erhofft hast und „Luhmann verstehen“, (so meine Lesart Deines Kommentars) Voraussetzung wäre, um Deinen Artikel „richtig“ verstehen zu können, anstatt nur zu schreiben, wie ich und welche Anwendungen und Haltungen sich daraus für mich ergeben.

        Im Buch „Soziale Systeme“ habe ich auf Deine Antwort hin mal quergelesen (es warten noch andere Bücher von Luhmann darauf gelesen zu werden). Doch für Luhmann wertvolle Lebenszeit opfern, habe ich noch nicht entschieden. Gibt es doch genügend andere Autoren, die ich zur Zeit bevorzuge.

        Danke für Dein Verständnis und Geduld. Wie immer wünsch ich Dir alles Gute, Erfolg in Deiner Arbeit und Liebe Grüße.
        Ingo

      • Lieber Ingo, danke für Deine Antwort!

        Nein, es geht mir nicht um Augenhöhe, sondern im Wesentlichen um die Frage, wo es hakt. Ich will meine Artikel nicht zweimal schreiben, nämlich einmal als Artikel und dann noch einmal erklärend hinterher ins Leere hinein, weil ich den Finger nicht darauf legen kann, wo die Verständnisprobleme genau liegen. Ich halte Augenhöhe für eine idiotische Forderung, wenn es um das Er- und Verarbeiten neuer Themen gibt. Da gibt es keine Augenhöhe auf Sachebene, und die auf Beziehungsebene halte ich für gegeben. Wenn ein Autor mir seine neuen Thesen, Modelle, Theorien vorstellt, befinde ich mich in der Position der Studierenden/Lernenden. Es wäre dumm von mir, wollte ich von meinen Lesern erwarten, dass sie in jeder Hinsicht gleich folgen können. Und die Dummheit steigt exponenziell, wenn ich meinen ¡nFORMat¡ons-Artikel ernst nehme 😀

        Wir haben im Grunde folgendes Problem: So, wie ich Deine wirklich interessante erste Antwort lese, scheint es bei einigen Punkten, die mir wichtig sind, nicht zu einem nachhaltigen Verständnis gekommen zu sein. Das kann ich aber nur vermuten, weil Deine Antwort für mich an diesen Punkten so ungriffig wird, dass ich nicht wirklich weiß, ob das der Fall ist. Deshalb muss ich nachfragen oder zumindest auf meine Irritation hinweisen.

        Beispiel: Hast Du nachvollziehen können, was die Begriffe „Person“ und „Psyche“ voneinander unterscheidet und dass es sich bei Ego/Alter um ein kontinuierlich wechselndes Rollensystem handelt, bei dem wir manchmal (ach, was sag ich, ständig) nicht einmal wirklich sagen können, wer welche Rolle (gerade) einnimmt? Ich hatte (um weiteres Nachdenken anzuregen) auf das Problem hingewiesen, das mit der Vereinzelung kommt.

        Meine Frage nach Luhmann war entsprechend gemeint: Ich wollte wissen, ob Du Dich schon mit ihm befasst hast, weil mir das Auskunft darüber gibt, was ich Dir in meiner Antwort auf Deinen Kommentar zumuten kann.

        Das Problem mit meinen Texten (und das gilt erst recht für die von Luhmann) ist, dass man sich erst eine Vorstellung von dem Begriffsapparat machen muss, bevor es wirklich möglich wird, etwas inhaltlich zu sagen, das nicht beim zweiten Darüber-Nachdenken wieder in sich zusammenfällt. Insofern sind Fragen zuerst besser, wenn man spürt, dass man etwas noch nicht richtig gegriffen bekommt. Was aber tun, wenn man nicht einmal spürt, dass man es noch nicht gegriffen bekommt? Viele weichen in solchen Fällen aufs Statusgerangel aus (und reduzieren Komplexität mit übertriebener Selbstsicherheit, die in Folge keine Innovation mehr zulässt), und genau das interessiert mich in meinem Blog gar nicht. Ich halte es mit den wissenschaftlichen Arbeiten anderer so, dass ich mir die Begriffe auf ein Blatt Papier schreibe und dann weiterlesend prüfe, ob ich die Bedeutung konsistent erzeugen kann oder ob ich plötzlich in diese Tendenz abrutsche, so zu tun als ob. Das wird jeder anders spüren, bei mir ist es dieser Moment, wo ich die Folgesätze nur noch erahne, anstatt sie gründlich zu lesen und an mir zu prüfen. Meist fällt mir das erst hinterher auf.

        Während Luhmann seine Begriffe umzingelt, baue ich meine stückweise auf. Das gilt auch für die Artikel, die in der Reihenfolge, in der sie erscheinen, in verknüpfter und stückweise aufbauender Bedeutung zueinander stehen. Dieser hier setzt auf alle vorhergegangenen auf.

        Meiner Ansicht nach bleibt da (was tun, wenn man nicht einmal wirklich mitbekommt, dass an etwas nicht begreift) nur, beidseitig nachzufragen und erst einmal „das Territorium zu sichern“: herauszufinden, wer genau was genau begriffen hat. Viele stürzen sich viel zu früh in eine inhaltliche (und vor allem politische (oder moralische)) Debatte und fallen deshalb auch ebenso temporeich in die Diskussion auf Beziehungsebene. Wie Menschen über Politik sprechen (oder Kommunikationspolitik zu betreiben versuchen), sagt mehr über Politik und Kommunikation, als die Themen oder Probleme selbst. Wissenschaftliche Artikel – auch die, die populär verfasst sind – greifen sich zuerst besser auf der Ebene der Diskussion über ihre Lego-Bausteine: die Begriffe, die Konzepte.

        Wo diese Idee herkommt, dass ich unbedingt einen „Mehrwert“ bräuchte, ist mir nicht klar. Was mich zuerst interessiert, ist eine inhaltliche Auseinandersetzung mit meiner Arbeit. Eine solche inhaltliche Auseinandersetzung enthält Verknüpfungen zu den Thesen, Modellen, Theorien anderer (Dritter oder der Blogteilnehmer). Ich wüsste keinen vernünftigen Grund, warum ich sie sonst veröffentlichen sollte. Wenn Dich interessiert, dass auch ich dadurch dazu lerne: Darüber musst Du Dir keine Gedanken machen, das ist etwas, das auf meiner Seite der Gleichung liegt. Mein Job ist zuerst, meine Gedanken so umfassend wie möglich und so präzise wie möglich darzustellen.

        Kannst Du damit etwas anfangen? – und darin einen Zusammenhang zu dem von Dir im ersten Kommentar Geschriebenen erkennen?

        Herzlich
        Gitta

  3. Liebe Gitta,
    wie ich Dir ja schon sagte, konnte ich beim ersten Lesen nicht so recht erkennen, dass ein Problem entstehen soll, wenn man (wie Luhmann) den Informationsbegriff als Teil von Kommunikation fasst. Bin ich zu doof dazu? dachte ich zuerst. Dann: wo liegt hier mein blinder Fleck?

    Mittlerweile verstehe ich das von dir angesprochene Problem so, dass Information im Verlauf der Transformationen für Beobachter völlig verschwimmt; ähnlich wie bei der sog. Bäcker-Transformation der Chaostheorie: wenn man in einen Teig an einer bestimmten Stelle zwei Rosinen einfügt, den Teig dann streckt, den gestreckten Teig faltet, ihn dann wieder streckt usw., dann sind die Rosinen irgendwann an völlig verschiedenen Orten und es lässt sich überhaupt nicht vorhersagen, wo sie sein werden.

    Dass ich das Problem zunächst nicht sehen konnte, liegt wohl daran, dass ich gewöhnlich davon ausgehe, dass EIN-BILDUNGS-KRAFT ein konstitutives Element für den re-entry autopoietisch organisierter Systeme ist. Denn damit stellt sich das Problem völlig anders dar, es ist eigentlich keines mehr.

    Ein autopoietisches System erhält von seiner Umwelt keinerlei Information; es wird von ihr allenfalls irritiert und muss selber zusehen, wie es IRRITATIONEN (= unbestimmte Formen) in ANSCHLUSSFÄHIGE INFORMATIONEN (markierte, leere, imaginäre, unklare Formen) transformiert. Dazu braucht es Ein-Bildungs-Kraft, d. h. das „tätige Vermögen“ (Kant), einen abwesenden Gegenstand in imaginärer Form (= BILD) vor-sich-hinzustellen und mit ihm solange analog-digital zu interagieren, bis sich ein „passender“ Anschluss findet.

    Bilder sind (symbolische) Zeichen, die ein beobachtendes System DOPPELT (und damit: „sinn-voll“) lesen kann: sie zeigen etwas (einen bestimmten Wert, Motiv etc.) AN und zeigen zugleich AUF eine Vielfalt anderer (Anschluss-) Möglichkeiten.

    Das MEDIUM für das Prozessieren von Bildern und für den re-entry (d. h. der virtuelle „Stoff“, in den sich die unterschiedlichsten Formen „einschreiben“, sozusagen der „Leim, der die Welt zusammenhält“, wie G. Bateson sagt) ist MIMESIS, d. h. das Vor- und Nach-ahmen der Irritationen eines autonomen Gegenübers, das auch das System selbst sein kann.
    Und die FORM dafür ist MIMIKRY (= das Festhalten / Ver-körpern von Wissen).

    Wir müssen uns dann nicht mehr darum kümmern, wo die Information bleibt. Ihre Bewegung kann, wie die Rosinen in der Bäcker-Transformation, für Beobachter vollkommen unsichtbar werden. In Euren SelFis lässt sich die Bewegung verfolgen (ignorantes Beobachten erkennt darin nur „Computersimulationen“).
    Es genügt, dass Ego und Alter Ego sich solange wechselseitig mimetisch auf ihr jeweiliges Bild hin orientieren, bis beide Bilder kompatibel sind und Verhaltenskoordination möglich wird.

    Um das zu veranschaulichen, verweise ich gerne auf das folgende Bild: Man stelle sich zwei Partner an einer zweigriffigen Baumsäge vor. Nach einer anfänglichen Phase mühsamen Bewegens der Säge „gegen den Widerstand des Holzstücks und die unkoordinierte Arbeit des Partners entsteht plötzlich ein Tun, das nicht mehr als Durchsetzen des eigenen Rhythmus gegen den anderen, sondern als freies Verfügen-Können über die eigenen Kräfte erlebt wird. In diesem Augenblick ist auch das Holzstück aus einem persönlich erlebten Widerstand gegen die eigene Anstrengung zu einer gemeinsamen Sache, einer ‚res communis’ geworden, die man mit dem Partner teilt.“ (Christian und Haas, zitiert nach v. Uexküll)

    Übertragen auf Gesellschaft kann man „symbolisch generalisierte Kommunikations-Medien“ – wie Macht oder Geld – als eine solche „res communis“ ansehen, nur das hier das Tätig-sein der Ein-Bildungs-Kraft für die Beteiligten unsichtbar wird: „Die Bewegung verschwindet in ihrem Resultat und lässt keine Spur zurück“, wie Marx sagt.
    Hannah Arendt unterscheidet in „Vita activa oder vom tätigen Leben“ drei Arten menschlichen Tätigseins: ARBEITEN (Mühe und Plage, das rein biologische Überleben) – HERSTELLEN (von dauerhaften Artefakten wie Maschinen etc.) – (sinn-stiftendes )HANDELN. Wobei das Handeln in der modernen, „weltfremden“ Gesellschaft immer mehr verschwindet.

  4. Liebe Gitta, vielen Dank für diesen – wieder einmal – (ein)flutschenden, erhellenden, klaren und sehr gelungenen Artikel. Er reiht sich nahtlos in die Reihe vergangener Artikel – immer mit Bezug zu aktuellen Ereignissen – ein. Danke, klasse Arbeit! lieben Gruß Kathleen

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