Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten

Mit “Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten” öffnen sich neue Wege, Kommunikationssysteme, -strukturen, -prozesse und … -FORMen zu analysieren. Alles, was Sie benötigen, ist das eBooklet (hier zum Download), selftest oder zumindest einige Videos und die Bereitschaft dazu, in die vielfältigen Kommunikations/KonstruktionsFORMen einzutauchen, sie zu erforschen und Erfahrung in der Arbeit mit ihnen zu sammeln. So können Sie herausfinden, wie sich diese Tools für ein tieferes, komplexeres, höher differenziertes und breiter dimensioniertes Begreifen innerer Dialoge, persönlicher Beziehungen, gruppendymanischer Prozesse, täglicher privater und beruflicher Gespräche einsetzen lassen und wie wir sie für systemische Analyse sozialer Systeme, Kommunikations- und Entscheidungssysteme nutzen können.

Doch zuvor wird es hilfreich sein, sich über meinen Artikel inFORMation auf das Thema einzustimmen und zu verstehen, dass niemand irgend jemand anderen informieren kann. Wir können Information nicht in andere hineinproduzieren. Das zu begreifen, ist auf so vielen Ebenen wichtig, dass keiner es schaffen wird, den vollen Umfang des Perspektivwandels, der mit dem neuen Modell möglich wird, zu erforschen, wenn er/sie die negativen Konsequenzen nicht sehen kann, die daraus erwachsen, dass wir Information unüberlegt und unkritisch in unser Konzept von Kommunikation einbetten. Teil dieser Konsequenzen ist eine Gesellschaft, die glaubt, wir könnten den Kurs der Politik ändern, indem wir andere „informieren“. Teil dieser Konsequenzen sind Menschen, die darüber streiten, dass sie „Dir das doch schon gesagt haben“. Ebenso Teil dessen ist ein gefährlich dysfunktionales Bildungssystem. Und Teil dessen ist eine Gesellschaft, die nicht mehr zwischen Fakten und Bullshit unterscheiden kann.

Alle autopoietischen Systeme informieren sich selbst. Sie entscheiden, welche(s) Ereignis(se) den/die Systemzusta(e)nd(e) selegieren/selegiert. Diese Entscheidung wird retrospektiv entschieden. Sie ist kein eingebauter Kontrollmechanismus, weder in einer Einzelkommunikation noch in Kommunikationskomplexen. Systemspezifische Information resultiert aus Selbstorganisation und sollte nicht als Teil der das System konstituierenden Elemente begriffen werden, wie auch die Selbstorganisation nicht Teil der Elemente des autopoietischen Systems sein kann. Häufig weiß/realisiert/bemerkt nicht einmal das System selbst, welches Ereignis oder welcher Komplex von Ereignissen als Information verwendet wurde, denn alle komplexen autopoietischen Systeme sind auf invisibilisierte Prozesse angewiesen – ohne sie könnten sie nicht einmal die einfachsten Aufgaben durchführen.

In der vorgeschlagenen Referenz für Kommunikation (dreifache Selektion aus Meinen, Mitteilen und Verstehen) haben alle drei FORMen – Meinen, Mitteilen, Verstehen – ihre eigenen Informationszyklen. Und niemand kann (genau) vorhersagen, welche oder in welcher Kombination oder wie oder ob überhaupt irgend etwas aus dieser speziellen Kommunikation von einem/dem Sozialsystem als Information verwendet werden wird. Wir können auch nicht vorhersagen, was die involvierten Personen tun werden. Wir wissen es einfach nicht. Keine Psyche hat direkten Zugriff auf andere Psychen, und keine Psyche hat direkten Zugriff auf ein/das Sozialsystem und Kommunikation.

Was wir tun können, ist die FORMen/Systeme, die wir beobachten, zu analysieren. Wir können den vollen Umfang der Dreifachselektion und all ihre denkbaren Kombinationen nutzen, um neue Perspektiven auf/für unsere Erwartungsstrukturen und Kommunikationsprozesse zu schaffen. Wir können neue Beobachterstandpunkte/-plattformen kreieren, um neue Ideen zu generieren und uns über das, was wir jetzt beobachten, auszutauschen.

Man stelle sich vor: Viele glauben, sie wüssten, was andere Leute meinen. Viele glauben auch, dass sie ein/das Mitteilungsverhalten präzise isolieren können, und viele denken, dass sie tatsächlich den Inhalt dessen verstehen, was der/die andere/n meinen/meint. So jedoch funktioniert Evolution nicht.

Komplex organisiertes Leben formt Individualität, um die Chance zu überleben zu bessern. Und Individualitäten brauchen die Komplexität von Meinen, Mitteilen und Verstehen und die Kombination von Meinen, Mitteilen und Verstehen, um nicht auseinander zu brechen. Kommunikation entspringt aus und re-organisiert komplexe(n) FORMe(n), Unentscheidbarkeiten, doppelte(r) Kontingenz. Was das System als Meinen, als Mitteilen, als Verstehen prozessiert, hängt vom System ab. Das lebende System entscheidet und prozessiert weiter. Es mag auf ein Mitteilen reagieren, das wir niemals für etwas gehalten hätten, das als Mitteilen angesehen werden könnte. Es kann auf Wegen verstehen, die unserer Vorhersage völlig unzugänglich sind. Es mag sich entscheiden, auf ein Meinen hin zu handeln, mit dem sich niemand, der in die Kommunikation involviert ist, individuell identifizieren würde. Das Kommunikationssystem selegiert seine (informative) Kommunikation, nicht seine Umwelt. Niklas Luhmann hat gesagt: „Nur Kommunikation kann kommunizieren“, Sie nicht. Wir können uns selbst so klar wie möglich machen, wir können so aufmerksam wie möglich zuhören, aber wir haben keinen direkten und prädeterminierenden Zugriff auf/in Kommunikation selbst. Und das bedeutet, je mehr Komplexität die Modelle, mit denen wir arbeiten, um unsere Perspektiven zu erweitern, fassen können, desto besser für uns. Solange wir respezifizieren können … mit Vorteil und Erfolg.

Neue Beobachterperspektiven, die wir mit „Reorganisation des Unbestimmten“ generiert haben, können wir als Emulationen laufen lassen, und dann können wir beobachten, wie sich das an dieser speziellen FORM generierte System entwickelt. Das können wir dann mit Situationen aus dem wirklichen Leben vergleichen, mit uns als interagierende Personen/Menschen, mit Kommunikationsstrukturen in Alltagssituationen, in Therapie, in Unternehmen und in sozialen (Sub)Systemen als Ganzes, und wir können fragen: Ist dies das System, das wir erwartet haben? Ist dies die Entwicklung, die wir wollten? Was muss sich ändern? Dann können wir sehen, wo in unseren FORMen Änderungen gemacht werden können und die Emulation erneut laufen lassen. Auf diese Weise lernen wir im Tun eine Menge über Entscheidungssysteme, über Erwartungen und darüber, welche Rolle sie in komplizierenden/simplifizierenden Kommunikationsprozessen spielen, wo wir (uns) ändern oder verbessern wollen. Und wir werden noch mehr darüber lernen, wie wir die Komplexität von Kommunikation und Sozialsystem(en) handhaben und überleben können.

Ralf stellt in „Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten“ verschiedene FORMen und kombinierte FORMen zur Analyse vor. Lesen Sie einfach das Booklet sorgfältig und achten Sie auf jedes einzelne (und einfache) Zeichen. Ich will ein wenig Hilfestellung leisten, wie es gelesen werden sollte, dann werden Sie erkennen, wie leicht das alles eigentlich ist:

  • Auf Seite 4 verwendet Ralf M ! V als Zeichen für Meinen, Mitteilen und Verstehen.
  • Versuchen Sie, die FORMen in sich selbst zu FORMen. Beobachten Sie Ihre inneren Dialoge, stellen Sie sich einige Interaktionen vor, die Sie mit anderen hatten. Versuchen Sie, soviele Situationen aus dem täglichen Leben wie möglich zu finden:
    Was waren Ihre Erwartungen in der spezifischen Situation?
    Wie haben Sie in diesem besonderen Environment kommuniziert?
    Aber mehr noch als alles andere versuchen Sie, Kommunikation(en), wie oben referenziert, aus der weiteren Perspektive eines/des Sozialsystems zu entdecken.
  • Auf Seite 5 finden Sie die ersten einfachen FORMen und ihre Binärcodes.
  • Mit Hilfe von selftest können Sie diese FORMen laufen lassen und sehen, wie sie sich entwickeln.
  • Um das tun zu können, müssen Sie zuerst den Binärcode dezimal umrechnen:
    Sehen Sie sich zum Beispiel diese FORM an: 100000. 0 meint, dass kein Wert gesetzt ist, 1 bedeutet, dass der Wert eingesetzt werden muss, der an diese Position gehört.
    Wären alle Positionen auf 1 gesetzt (111111), würde das so aussehen: 32, 16, 8, 4, 2, 1.
    In 100000 wurde nur eine Position gesetzt, nämlich die letzte, wenn man von rechts nach links zählt.
    Die zu dieser FORM gehörende Dezimalzahl lautet: 32.
    Würde Ihre FORM so aussehen: 010000, was wäre die Dezimalzahl? … 16.
    Und würde sie so aussehen: 100110, es wäre? … 32, 0, 0, 4, 2, 0, was addiert 38 ergibt.
  • Öffnen Sie nun selftest und aktivieren Sie dreifach selektive FORMen mit „64c“. Setzen Sie mit „10x“ auf randomisierte Intialisierung. Nun tippen sie die Dezimalzahl ihrer FORM und „n“. In unserem ersten Beispiel (100000) „32n“.
  • Die Halbkreise über den FORMen auf der linken und rechten Seite kennzeichnen einen Austausch in den FORMen. Vergleichen Sie einfach die FORMen auf der linken Seite mit denen auf der rechten, dann sehen Sie es.
  • Bei Glidern handelt es sich um FORMen, die sich durch das System bewegen. Lesen Sie bitte meine Artikelserie „How does System function/operate“ in diesem Blog.
  • Vergleichen Sie Systeme, die Sie kreieren, miteinander. Folgen Sie der jeweiligen Initialisierung und sehen Sie, was passiert.
  • Was könnte „Driften“ in alltäglichen Lebenssituationen meinen? Rhythmisierung? Enger? Weiter? Werden Sie kreativ und denken Sie mit. Verlassen Sie das Mindset, in dem Sie sich wünschen, das andere Ihnen Beispiele geben und so den kreativen und imaginativen Horizont einschränken.
  • Welche monotonen Systeme/FORMen kennen Sie und wo und in welcher Hinsicht sind sie relevant (denken Sie an Orientierung, an Fortschritt, an Erfolg)?
  • Was sind die fundamentalen Unterschiede zwischen SinnFORMen und anderen FORMen? Wenn Sie sich links- und rechtsorientierte Systeme ansehen, was ändert sich und was bleibt gleich?
  • Sehen Sie, was passiert, wenn Sie den Wert einer FORM von (1), aktiv, auf (0), inaktiv, ändern oder anders herum?
  • Stellen Sie sich Alltagssituationen vor und versuchen Sie, sie mit Änderung der KommunikationsFORM zu orientieren.
  • Die Pfeile mit den zwei Enden auf Seite 11 bezeichnen eine Relation/Verbindung/Resonanz zwischen den betreffenden FORMen darüber und darunter.
  • Wenn Sie auf Seite 12 weiterlesen und den entsprechenden Relationen/Verbindungen/Resonanzen folgen, werden Sie entlang der Pfeile Bedeutung erzeugen.

Die Kommentarfunktion des Blogs steht für Fragen zur Verfügung. Sie können dort auch Ihre Beispiele und Überlegungen anderen zur Verfügung stellen. Ihre Ideen werden anderen helfen, mehr eigene zu kreieren, und gemeinsam können wir dann jammen …

4 Gedanken zu “Kommunikation – Reorganisation des Unbestimmten

  1. Mir fällt auf, liebe Gitta, dass Du es mit Deinen Artikeln – und ganz besonders gilt das für diesen hier – immer darauf anlegst, die Einbildungskraft der Leser/innen anzukurbeln, sodass sich neue Räume öffnen können. Euer „polyvalentes“ Denkmodell liefert ja genau dafür auch das Werkzeug.
    Ich verstehe nicht so recht, dass das vielen, auch klugen Systemikern immer noch so schwer fällt. Ich wüsste gerne, wo es hakt.

    Ein Verständnis von Kommunikation, das (wie das Luhmann’sche) auf dem Mitteilen von „In-formation“ basiert, bietet keinen Gestaltungsraum für die EinBILDungs-Kraft und die Wünsche der handelnden Individuen. Damit stehen wir den gegenwärtigen globalen Herausforderungen aber mit leeren Händen gegenüber.

    • Danke, Franz.
      Ja, das (darauf anlegen, die Einbildungskraft … anzukurbeln), ist Teil der Idee.
      Mit Konstruktionsmodellen zu arbeiten, kann erst einmal ordentlich herausfordern.
      Aber neue Unbestimmte tauchen nur bei höherer (Re-)Spezifikation auf.
      Das lässt sich mit Klavierspielen vergleichen: Je besser und komplexer die Technik, desto mehr profitiert das Spiel davon.

      • „Mit Konstruktionsmodellen zu arbeiten, kann erst einmal ordentlich herausfordern.“
        Ja, weil es ein Denken ohne Geländer ist.
        Das es aber gerade heute braucht wie kaum jemals zuvor in der Geschichte. Es geht heute darum (so lese ich gerade bei Sophie Loidolt), „einen Urteilsraum offen zu halten, der wirklich ein Zwischen pluraler Perspektiven als ‚Welt‘ ermöglicht und nicht bloß die Illusion eines vernetzten Globus in endloser Bilderflut über die Bildschirme flimmern lässt.“

      • Ja, das ist ein weltanschauliches Problem. Reine Deskriptionsmodelle und Modelle, die weitestgehend mit Analogien arbeiten, machen einerseits wegen ihrer eigenen Selektivität das Andocken leichter, andererseits wegen der Selektivität der Leser. Konstruktionsmodelle verlangen und ermöglichen eine andere Form von Eigenleistung, Komplexitätsöffnung und -erschließung und Gründlichkeit. Zusammen werden sie dem gerecht, was Sophie Loidolt fordert.
        „Ohne Geländer“ gefällt mir.

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