Kontingenz

In komplexen geschlossenen Systemen können Prozesse auch anders ablaufen. Operationen können sich auch anders ereignen. Das System kann Leistung auch anders erbringen, und das System kann auch andere Leistung erbringen. Jedoch ist das Systemereignis irreversibel.

Ein vielleicht zu einfaches Beispiel: Wenn du Roulette spielst, sind Rot und Schwarz kontingent. Wenn du nun 1.000 Euro auf Schwarz setzt und sich dann Rot ereignet, hast du 1.000 Euro verloren, und das ist irreversibel.

Kontingent ist nicht gleich(bedeutend) beliebig. Denn Kontingenz braucht Anschlussfähigkeit.

Kontingent ist nicht unbestimmt. Aus Kontingenz kann non-determiniert folgen, muss es aber nicht (vgl. u. a. P-NP-Problem).

Aus kontingent folgt nicht notwendig unvorhersagbar.

Komplexe autopoietische Systeme schaffen ihre Ereignisse selbst. Sie schaffen ihre eigene Systemzeit, und die ist nicht reversibel.

Im Newton’schen Universum konnten wir den Zeitstrang noch umkehren. Im Universum von Ilya Prigogine können wir das nicht.

Schauen wir uns Kontingenz genauer an:

Nehmen wir an, wir sind im Wald unterwegs auf der Suche nach einer Quelle. Es wird viele Wege zur Quelle geben. Manche sind länger, manche kürzer, einige schwieriger zu gehen als andere, die Lichtverhältnisse sind nicht bei allen gleich usw. Wie wir zur Quelle kommen, ist auch anders möglich.

Doch in dem Augenblick, in dem wir den ersten Schritt tun, ist dieser irreversibel. Selbst, wenn wir ihn zurück gehen, ist es ein neuer Schritt. Der Weg, den wir gehen, ist der Weg, den wir gehen, und was wir gegangen sind, ist als Systemereignis passiert. Der Schritt ist gemacht, damit wird der Schritt zum Faktum.

Mit jedem neuen Schritt können wir neu Kontigenz überdenken. Doch kontingent ist nur, was noch nicht als Systemereignis realisiert wurde. Fakten kümmern sich nicht um Kontingenz.

Finden wir am Ende auf unserer Suche mehrere Wege, die auf unterschiedliche Weise zum gleichen Ziel führen, hinreichend ähnliche Leistung erbringen, können wir diese Wege als funktional äquivalent betrachten. Ich kann den einen oder den anderen gehen – was z. B. Länge, Anstrengung, Lichtverhältnisse angeht, macht das für mich in Hinsicht auf das Ziel keinen Unterschied.

So kann ich Kontingenz nutzen, indem ich herausfinde, welche Lösungen besser, weniger gut und sogar gleichwertig (nach gegebenen Parametern) funktionieren.

Und wenn ich mich für einen Weg entscheide, wird kontingent, wie ich den Weg gehe, aber was ich dann bereits gegangen bin, ist nicht mehr auch anders möglich.

Auch wenn sich herausstellt, es gibt nur einen einzigen Weg zur Quelle, kann ich immer noch entscheiden, wie ich mich dabei fühle. Ich kann es anstrengend finden oder leicht, kann langsam gehen oder schnell, kann dabei ein Lied singen oder schweigen und den Vögeln zuhören.

Kontingenz ermöglicht komplexe Systeme, die versuchen, ihre eigene Entwicklung und ihre Systemereignisse vorauszuberechnen und sich zu überlegen, unter welchen Bedingungen sie welche Erfahrungen machen werden.

Zu versuchen, Kontingenzen zu erwarten, kann Freiheitsgrade steigern.

Doppelte Kontingenz schiebt Kommunikationssysteme an.

Schreibe einen Kommentar