Ontologie oder Funktionalität – vom Sein zum Tun

Für gewöhnlich zitiere ich nicht und entwickle meine eigenen Gedanken oder arbeite das aus, was Ralf und ich uns über die Jahre erarbeitet haben.

Diesen Artikel möchte ich untypischerweise mit einem Zitat beginnen, nämlich diesem wunderbaren Ausspruch von Heinz von Foerster:

Sowohl Ontologie als auch Objektivität werden von denjenigen als Notausgänge benutzt, die ihre Freiheit der Wahl verschleiern möchten, um sich dadurch der Verantwortung ihrer Entscheidungen zu entziehen.

– Heinz von Foerster, 1993, Wissen und Gewissen, Frankfurt

Über die Frage nachzudenken, was brauchbarer ist, der ontologische Ansatz oder zu lernen, wie Phänomene/Systeme funktional wirken, ist keineswegs neu. Der Themenkomplex wurde besonders in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts intensiv von verschiedenen Wissenschaftlern im konstruktivistischen Kontext diskutiert.

Leser, die mehr Hintergrund interessiert, möchte ich auf folgende Artikel in diesem Blog aufmerksam machen:

In Wikipedia finden wir zu Ontologie:

„Die Ontologie (im 16. Jahrhundert als griechisch ontologia gebildet […] ‚Lehre vom Seienden‘) ist eine Disziplin der (theoretischen) Philosophie, die sich mit der Einteilung des Seienden und den Grundstrukturen der Wirklichkeit befasst.“

Ich bezeichne Operationen, die ich durchführe oder Systeme, die ich konstruiere, um ein intendiertes Ziel zu erreichen, dann als funktional, wenn das Ergebnis, das sie produzieren, meinem intendierten Ziel hinreichend ähnlich ist.

Während ontologisches Denken nach Dingen fragt, die nicht nachgewiesen werden können: für alle gleich geltendes „Seiendes“ und gleichbleibende „Grundstrukturen der Wirklichkeit“ (welcher und wessen Wirklichkeit überhaupt?), stört uns, wenn wir funktional über Gedanken, Absichten, Verhalten, Tools, Kommunikationen, … entscheiden, nicht weiter, dass die ontische Frage unbeantwortet bleiben muss: Wir prüfen einfach, ob wir mit unserem aktualen Verhalten oder funktional äquivalenten Versionen dessen unsere intendierten Ziele erreichen.

Wir fragen nicht danach, ob etwas stimmt, sondern ob etwas passt.

Ich kann nicht sagen, wie eine wirkliche Wirklichkeit außerhalb meiner eigenen Zeichenprozesse sein könnte. Was auch immer an die Grenzen meiner Wahrnehmung stößt, kann von mir nur als Zeichen interpretiert und weiterprozessiert werden. Ich bin nicht dazu in der Lage zu sagen, ob und inwieweit die Art und Weise, wie ich Welt, mich selbst und Umwelt wahrnehme, mit dem übereinstimmt, was „da draußen“ „wirklich“ wirklich passiert. Ich würde nicht soweit gehen wollen zu leugnen, dass es etwas außerhalb und unabhängig von meiner Semiosphäre gibt, aber was, das liegt für mich im Unbestimmten.

Wenn für mich etwas im Unbestimmten liegt, denke ich darüber nach, was ich für mich bestimmen kann. Niemand jedoch kann über/an absolutes Sein anschlussfähige Aussagen formulieren, geschweige denn es empirisch messen. Und ich fände es übergriffig, eine Seinslehre zu formulieren, mit der ich bestimme, wie Welt (und schon gar nicht Begriffswelt) auch für andere auszusehen hat, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass andere Welt für sich oft ganz anders wahrnehmen/erleben/handeln/erschaffen müssen. Die Tatsache, dass Viele vielen meiner Äußerungen gar nicht folgen können, sagt mir was über uns … und über mich.

Wohl aber kann ich allein und auch mit anderen danach fragen, was funktioniert und was nicht.

Ich kann herausfinden, ob der Weg im Wald, den ich gehe, zur Wasserquelle führt oder nicht.

Alle Wege, die das können, verlaufen funktional. Sie liegen zueinander funktional äquivalent: Mit jedem erreiche ich das intendierte Ziel.

Wer nach dem Seienden fragt, versucht, die Welt zu ergründen. Doch welche einzelne Welt sollte das sein und wem gehört sie?

Ich kann das ontologische Weltbild leicht mit einer Anekdote vorführen:

Wir hatten vor einer Weile Besuch von einem Ontologen, der sein ganzes Begriffsgerüst in Schubladen sortiert hatte und der tatsächlich davon ausging, Begriffe hätten ergründbare Bedeutung und würden nicht von uns (konsensuell) geschaffen.

Das war eine der faszinierendsten Erfahrungen in meinem Leben, diesem Mann dabei zuzusehen, wie er regelrecht körperlich dazu unfähig schien den Gedanken zu ertragen, dass wir unsere Semiosphäre nicht verlassen können und uns deshalb Bewusstheit für unsere Zeichenprozesse nicht dahin führen kann, für uns und andere zu ergründen, was die Bedeutung eines Begriffes ist, sondern dazu führt, dass wir beginnen uns zu fragen und versuchen zu beantworten, wie Phänomene/Systeme für uns funktionieren und welches Begreifen wir mit unseren Zeichen bedeuten.

Wer so fragt, der fragt erst einmal sich selbst und versucht nicht gleich für alle zu antworten.

Jedenfalls saß dieser würdige Mann ziemlich verzweifelt vor Formwelt, während Ralf sich alle Mühe gab, ihm zu erklären, wie unsere Bedeutungskonstruktionsmaschine funktioniert. Der Ontologe versuchte es immer wieder mit „Aber, das ist doch nicht …“

An einem Punkt im Gespräch hatte Ralf seine Handschriften-Lesebrille auf und bekam eine Frage zu einer Darstellung am Computerbildschirm, seine Computer-Brille lag nicht in Reichweite, und bevor er Anstalten machte sie zu holen, bemerkte er: „Ich kann das von hier aus mit dieser Lesebrille nicht deutlich erkennen.“ Darauf folgte wie aus der Pistole geschossen von unserem Gast: „Ich habe auch eine Lesebrille auf, das ist doch gut erkennbar.“
Ralfs Gesichtsausdruck war für die Götter. Es hätte nur noch gefehlt, dass er sagte: „Ach, Sie haben die für uns alle gültige Lesebrille, die darüber entscheidet, was ich erkennen kann und was nicht?“

Das bringt das Weltbild des Ontologen auf den Punkt: Seine Lesebrille und alle anderen Lesebrillen müssen gleich sein, dasselbe Ergebnis hervorbringen. Was für den einen lesbar ist, muss es so und nicht anders auch für den anderen sein.

Zu fragen, wie Welt, dieses oder jenes, dieser oder jener Begriff für mich funktioniert, wirft mich zurück in die Verantwortung für meine eigenen Bedeutungserzeugungsprozesse.

Die konstruktivistische – oder in unserem Fall systemisch-realkonstruktivistische – Perspektive ist therapeutisch wertvoll. Wer damit beginnt sich Gedanken darüber zu machen, worüber er eigentlich in komplexen Angelegenheiten etwas sagen kann und worüber nicht und so auf sich selbst zurückgeworfen wird, der lernt nicht nur, Unsicherheit, Unklarheit, Unbestimmtheit auszuhalten, sondern auch schöpferisch-selbstbewusst zu bestimmen. Und wer wirklich be-greift, sich einen Be-Griff macht, dass auch alle anderen ihre Semiosphären nicht verlassen können, wird offener für direkte dialogische Beziehungen.

Begriffe sind nicht. Wir konstruieren unsere Begriffswelt und operieren mit Zeichen/Worten, um auf unser(e) (Teil)Begreifen/Begriffe zu verweisen/zeigen. Sprachen und Kulturen sind kontinuierlich in Bewegung. Wir können jährlich zusehen, wie sich Sprachen in Milieus, … entwickeln, neue Symbole hinzukommen, neue Moden geschaffen werden. Der Schritt dahin, selbst aktiv die eigene Zeichenwelt zu gestalten, ist nur konsequent. Wir machen damit nur bewusst und klarer, was wir eh bereits die ganze Zeit tun.

Wir sind diejenigen, die Bedeutung hervorbringen. Wir be-deuten. Wir konstruieren Zeichen und beziehen in komplexen Re-entry-FORMen Zeichen auf weitere Zeichen. Wir tun das einfach und komplex. Und wir sind dabei stets aktiv, andauernd in Bewegung.

Der Gedanke, etwas wirklich Wirkliches ergründen zu können, ergibt nur Sinn, wenn wir dazu in der Lage wären, wirklich Wirkliches tatsächlich wahrzunehmen. Doch könnten wir das, wären wir nicht komplex, sondern einfach, und dann wären wir keine Menschen. Mit informationellem Schließen kommen Individualität und Gesellschaft, Komplexität und Kontingenz, Fantasie, Spiel, Kreativität. Wir reden hier über wichtige und für uns wertvolle evolutionäre Errungenschaften.

Ontologien verhindern, dass wir unsere blinden Flecken erkennen können. Indem sie Sein für alle definieren, schränken sie kommunikative Räume ein und fördern die Befestigung von Aussteigergesellschaften. Wenn ich glaube (alles) zu wissen, was ist, wozu brauche ich dann die Perspektive des Anderen – sicherlich nicht, um mehr über mich zu erfahren, und wozu überhaupt kooperieren, wenn für Alle gültiges Sein individuell bestimmt werden kann. Ontologen versuchen sich den Risiken, die Kooperationssysteme mit sich bringen, zu entziehen, indem sie die Tatsache, dass wir Wirklichkeit kooperativ konstruieren, invisibilisieren.

Indem wir von ontologischem auf funktionales Denken umschalten, eröffnen/schaffen wir Potenziale für neue Sichtweisen in Gesellschaft, die Menschen dabei helfen können, aus der Aussteigergesellschaft aus- und in Kooperationsgesellschaften einzusteigen.

Gerade heute, wo wir nicht nur erneut in gesamtgesellschaftlicher Emergenz mitgerissen werden, sondern auch noch der größten Krise gegenüber stehen, der sich die Menschheit je stellen musste, brauchen wir funktionale Analysen. Was kann ich tun? Welche Produkte will ich produziert haben? Welche Ziele will ich erreichen? Mit welchen (Sub)Systemen kann ich sie erreichen? Wie kompliziert oder wenig kompliziert, wie effizient gestalten sich die Prozesse?

Hier kann uns ontologisches Denken nicht weiterhelfen – im Gegenteil, es war und ist immer wieder dafür verantwortlich, effizienteres Denken und Handeln auszubremsen. Wir können und sollten aufhören, diese Irrwege abzugrasen, die uns immer weiter in Krisen hineinführen. Auch wirtschaftlich erweisen sie sich als Klotz am Bein, während uns funktionales Denken Kostenersparnisse und neue wirtschaftliche Vorteile bringen kann.

Ontologisches Denken führt in Symmetrische Konflikte. Abgrenzende werden schwerer konstruktiv tätig, sie ersetzen eher Kreativität durch Konsum. Konsumgesellschaften ohne kreative Bürger sabotieren die Produktion und Verbreitung Intelligenz fordernder Technologien. Früher oder später geraten wir so in wirtschaftliche und wissenschaftliche Sackgassen, wenn geistig unbewegliche Menschen darüber entscheiden, welche Innovationen gesellschaftlich relevant werden und welche nicht.

Trainieren wir funktionales Denken und funktionale Analyse, motivieren wir gesamtgesellschaftlich höhere geistige Beweglichkeit und schaffen damit nicht nur dialogischere Plattformen, sondern außerdem breiter aufgestelltes technologisches und Problemlösebewusstsein.

Auch in spirituellen Modellen hilft funktionales Denken dabei, gar nicht erst in regressive und gleichschaltende Glaubenssätze zu verfallen. Ein Wahres Ich oder Selbst, das ergründet werden könnte, erschließt sich nicht, wenn wir die systemisch-realkonstruktivistische Perspektive ernst nehmen. Wir erschaffen uns augenblicklich und kontinuierlich. Wer sehen möchte, wie das vonstatten geht, der erarbeitet sich in Ruhe die Artikelserie „How does System function operate“ und lernt, wie sich komplexe autopoietische Systeme – wie Leben und (menschliche) Psyche(n) und (menschliche) Gesellschaft(en) – auf sich selbst beziehen. Wie wir FORMen, entscheiden wir.

Sicher, wenn wir uns den bloßen Fuß am Stein stoßen, empfinden die meisten von uns Schmerz, wenn sie nicht gerade sturzbetrunken sind oder anderweitig betäubt. Doch wie der Andere Schmerz empfindet, können wir nicht wissen und erfahren, weil wir nicht mit seinem Bewusstsein herumlaufen. Wir können im Austausch, bei Schmerzschreien zum Beispiel, davon ausgehen, dass jemand Schmerzen empfindet, doch wie genau, das bleibt für uns unzugänglich. Manche sagen, sie empfinden bei einigen Schmerzen Lust. Andere können das nicht nachvollziehen. Und wer über Tiefenmeditation an sich arbeitet, kann lernen, willentlich Schmerzempfindung abzuschalten oder zumindest anders zu erleben.

„Mit Begriffen nehmen wir die Welt in Besitz!“ lässt Frank Herbert eine seiner Bene Gesserit im Dune-Epos sagen. Der Satz reicht mir nicht, denn mit Begriffen erschaffen wir unsere Welt überhaupt erst. Je klarer ich mir meiner Begriffe werde, je besser ich ergreife, erfasse, was ich unter diesem oder jenem Begriff beobachten will, desto klarer wird mir meine Welt.

Deshalb reicht mir auch die Frage danach, ob etwas funktional wirkt oder nicht, ob dieser Weg zur Quelle führt oder nicht, alleine nicht … ich frage weiter, ob sich der eine Weg als effizienter als der andere herausstellen könnte. Wir müssen nicht in einer eher matschigen Kontingenzwelt verweilen, nur weil wir befürchten, andernfalls wieder in Ontologien zu landen.

Wenn meine Begriffe schwammig bleiben, ich vor mir selbst nicht kläre, was ich unter ihnen beobachten will, bleibt mir auch meine eigene Welt schwammig. Manche Menschen sind sich selbst, ihren Zeichenprozessen, so fremd, dass sie sich selbst wie eine fremde Welt erleben. Sie wissen nicht, wie sie einen psychischen Anspruch stellen können und sind unfähig dazu, eigenverantwortlich ihr Denken zu ändern.

Ontologien versuchen konkret zu werden, mit Begriffsgenauigkeit zu arbeiten, und das wäre ja auch gar nicht so verkehrt, würden sie nicht schlichtweg ignorieren, dass das, was für mich Freiheit bedeutet, für meine Leser keineswegs so sein muss, und statt dessen behaupten, sie würden etwas über unser aller Sein aussagen können. Selbst was Naturgesetze angeht, sollten wir davon ausgehen, dass wir kontingente, funktional äquivalente und auch effizientere Beschreibungen von ihnen anfertigen können.

In uFORM iFORM und mit den daraus resultierenden Emulationen modellieren wir, wie wir erwarten, dass wir Welt erschaffen – und erschaffen damit neue Teile von Welt. Die Art, wie wir das tun, ist kontingent, und das gilt selbst dann noch, wenn wir – wie mit den SelFis und Crazy Machines – dazu in der Lage sind, empirisch zu zeigen, dass die von Systemtheoretikern und Kybernetikern formulierten Modelle funktionieren.

Wir können unsere Semiosphäre nicht verlassen.
Der Beobachter befindet sich mitten in der Semiosphäre.

Der Zaubertrick des vom Beobachteten getrennten Beobachters, mit dem einige versuchen sich objektive Sicherheit zurückzuholen, funktioniert nicht. Biografie und kontinuierliches IdentitätsFORMen des Beobachters spielen eine Rolle im Beobachten. Beobachter und Beobachtetes lassen sich nicht trennen. Unsere Arbeit sagt etwas über uns aus.

Mit Eintritt in die Postmoderne ist den meisten klar geworden, dass wir über Begriffe wie „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ noch einmal nachdenken müssen. Weniger klar scheint Vielen, dass das ihre Zeichenkonstruktionen einschließt: die Art und Weise, wie sie be-zeichnen, wie sie unterscheiden und wie sie Zeichen an Zeichen anschließen und welche Zeichen sie wählen.

Wenn ich denke „Das ist aber nicht Freiheit“, fehlt mir ein wichtiger Teil der Konstruktion, nämlich ich selbst: „Das ist aber für mich nicht Freiheit“. Und wenn ich mir dann darüber klar werde, dass ich diejenige bin, die die Zeichen erschafft, mit denen ich meine Welt konstruiere, dann öffnet sich mir ein gewaltiger neuer Verantwortungsraum, nämlich der für die Art und Weise, wie ich das tue.

Versuche ich mich zu ergründen, mache ich aus mir selbst eine Hinterwelt. Habe ich be-griffen, dass ich mich selbst kontinuierlich erschaffe und dass da schlussendlich nichts ist, was ergründet werden könnte, kann ich endlich damit beginnen, Verantwortung für meine Zeichenprozesse zu übernehmen. Ich kann meinen psychischen Anspruch und damit mich der Verantwortung für meine Entscheidungen stellen. Dann kann ich auch bestimmt werden und begründen und (re)spezifizieren und konkretisieren, ohne die Fähigkeit zur Selbstkritik zu verlieren.

Jedes Mal, wenn ich auf „ist“ und seine Verwandten zugreife, entprozessualisiere ich und versuche mittels ontischer Kopula zu objektivieren, Veränderliches zum stillhalten zu zwingen. Am Zeichen „ist“ hängen eine ganze Menge psychischer und kommunikativer Operationen, die dazu führen sollen, das jeweilige Konstrukt zu stabilisieren. Inflationärer Gebrauch von seinsFORMen deutet auf ausgeprägte ontologische Tunnel hin. Inflationärer Gebrauch des Wörtchens „man“ signalisiert das Bemühen des Beobachters sich vom Geschehen zu distanzieren und versucht weitergetrieben die vielleicht als dysfunktional erkannte ontische Pression auf Entscheidungsannahme durch Massendruck zu substituieren. Die eigene Behauptung wird als eine dargestellt, die für viele andere ebenfalls gilt, und wenn Ego diese Sichtweise nicht teilt, gehört sie/er/es nicht dazu.

Wer herausfinden will, wie stark ontisch und/oder massenpressives Denken und Sprechen seine/ihre selbstreferentielle Weltkonstruktionsfähigkeit einschränkt, der probiert folgende Übung: Einfach für einen Tag auf alle seinsFORMen verzichten, an einem anderen auf alles „man“-Ähnliche. Viele werden die dadurch entstehende Verwirrung nicht aushalten und die Übung abbrechen, einige können dabei erkennen lernen, dass und wie häufig sie Verantwortung für ihre Entscheidungen und für ihre Konstrukte abgeben, wie durchtränkt von ontischem, verantwortungsabweisendem oder konstruktiv dysfunktionalem Denken sie ihre Welt gestalten.

Erst zeichen-verantwortungsbewusst beginnt für mich Freiheit, erst dort sehe ich den mündigen Bürger. Erst dort beginnt meiner Ansicht nach Dialog unter Erwachsenen, die erkannt haben, dass sich der andere genauso wie ich in seiner Semiosphäre bewegt, die sich mir nur mittelbar über Kommunikation erschließen kann. Seine/ihre Fremdheit ist mein Ausgang aus meiner begrenzten Welt.

Ontologien sind für die Ewig-Gestrigen. Sie verschleiern die eigene Verantwortlichkeit für die eigenen Entscheidungsprozesse, sie gaukeln uns Wirklichkeit vor, mit der wir nichts zu tun haben müssen und die uns deshalb auch nicht zwingen kann, Verantwortung zu übernehmen. Eine Tragödie, wenn das in systemisch zu denken versuchenden Kreisen geschieht – und noch eine viel größere, wenn spirituelle Menschen es versuchen, denn allzu leicht kommt mit der Ontologie die Ideologie: der größte Feind, den wir neben der Dummheit zu besiegen haben.

Fragen wir lieber danach, wie etwas für uns funktioniert und erlauben anderen, ihre Welt anders zu erschaffen, zeigen wir die Courage, die Hannah Arendt mit ihrem „Denken ohne Geländer“ skizziert. Und wer dann an dieser Stelle nicht stehen bleibt, sondern sich auch noch herausfordert, so klar wie nur möglich zu werden, der befreit sich aus der Willkürherrschaft des falsch verstandenen Relativismus und tritt ins aufgeklärte Licht systemisch-realkonstruktivistischen Denkens, das (re)spezifizieren kann, das experimentieren kann, das überprüfen kann, denn:

Dass viele Wege zur Quelle führen, heißt eben nicht, dass es egal ist, welchen wir gehen. Und aus uFORM iFORM wissen wir: Indem wir neu bestimmen, bringen wir neue Unbestimmte hervor. So wachsen wir über uns selbst hinaus.

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