Komplexitätsmanagement – Modell/Stufen/FORMen

Vorbemerkungen:

Modelle, die auch hierarchisch gelesen werden können, kommen mit dem scheinbar kleinen, langfristig aber großen Problem, dass sie zu weiten Teilen auch nur so begriffen werden.

Deshalb habe ich lange damit gewartet, diesen Artikel zu veröffentlichen. Ich wollte sicherstellen, dass ich vorher hinreichend Konzepte geliefert habe, die dabei helfen, ihn so zu be-greifen, wie Ralf und ich das Modell gern verstanden wüssten:

  • funktional und nicht ontologisch gedacht
  • integrativ
  • multiperspektivisch
  • als komplexe Re-entry-FORMen

Es handelt sich bei diesem Modell für Komplexitätsmanagement um einen Vorschlag zur Perspektivbildung: Schaffen wir eine Leitdifferenz -> Komplexitätsmanagement und geben wir Anregungen, um darunter zu organisieren/sortieren, komplexe Re-entry-FORMen zu bilden und (mehr) zu beobachten.

Die Artikelserie Im Gleichschritt Marsch in diesem Blog demonstriert, wie Komplexitätsmanagement auf Komplexitätsstufe 3 oder höher aussieht. Ich führe am Beispiel der Perspektive „Weltanschauung und Ideologie“ vor, wie diese Perspektive nicht nur differenziert, sondern auch höher dimensioniert konstruiert werden kann.

Hier noch einmal drei veranschaulichende Bilder aus Im Gleichschritt Marsch:

Eindimensional
Zweidimensional
Dreidimensional

 

Zu differenzieren bedeutet, genauer zu unterscheiden, mehr Differenzen zu formen.
Zu dimensionieren, komplett andere Blickwinkel anzulegen, andere Perspektiven zur Sache einzunehmen.

uFORM iFORM, Reflektieren in komplexen Re-entry-FORMen, hilft dabei, emergentes Denken an SelFis zu lernen, zuzusehen, wie sich Emergenz bildet und tiefer zu be-greifen, dass und wie sich unterschiedliche FORMen in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich ausdifferenzieren. SelFis inspirieren außerdem dazu, kreativ verschiedene Dimensionen anzulegen, während wir sie analysieren. Was wir an SelFis auf einfache Weise lernen, können auch in schwierigeren Situationen mit überwältigenderen Systemen anwenden.

Emergenzverständnis hilft dabei, für unsere Zeit adäquate funktionale Analysen in Wirklichkeitsemulation zu fertigen. Emergenz zu be-greifen, unterstützt uns darin, mehrdimensioniert zu denken. Emergenz fordert uns dazu heraus, unseren Realitätstunnel zu verlassen, denn sie macht uns bewusst, dass unsere alten Konzepte nicht ausreichen.

Unsere FORMWELT, aus der ich bereits einige Konzepte hier und in meinen SystemTalks vorgestellt habe, liefert die Programmiersprache für Sprache(n) und Bedeutung, mit der wir (neu)lernen, multikausal zu denken, Kontingenz von Bedeutung zu berücksichtigen und zu integrieren und Dimensionskontexte Anderer zu fassen zu bekommen. Eine frei schwebende Sprache, die nicht versucht sich ontisch zu begründen, liefert uns die Chance dazu, uns selbst und einander frei zu gestalten/formen und in die Zeichenuniversen der Anderen einzutauchen. So dimensionieren und differenzieren wir automatisch höher und tiefer.

Niemand sollte sich unterlegen fühlen, wenn sich nach Lesen dieses Artikels herausstellt, dass sie/er sich selbst eher bei Komplexitätsmanagementstufe (kurz „Komplexitätsstufe“) 0 oder 1 einsortiert. Dieses Modell ist nicht dafür gedacht, Statusunterschiede zwischen Menschen herzustellen, sondern dabei zu helfen, die eigenen Weltkonstruktionsgewohnheiten zu durchleuchten und generell zu lernen, was getan werden kann, um differenzierter, dimensionierter und temporeicher zu denken.

C2M (ComplexityManagementModell(ing)) kann auch dabei helfen, aktiv und bewusst die evolutionär in uns angelegte Kraft zu aktiver und bewusster (Selbst/Umwelt)Veränderung zu stärken. Wir übernehmen Verantwortung für unsere kognitive Entwicklung und nutzen C2M dafür, sie funktional auszurichten.

Ich bitte stets zu berücksichtigen, dass die Modellstufen nacheinander durchlaufen und tief integriert werden müssen. Niemand kann von Stufe 1 auf Stufe 3 springen, ohne Erfahrungen auf/mit Modellstufe 2 zu FORMen. Die meisten Kinder verstehen sich in den ersten Lebensjahren gut darauf, höher zu dimensionieren und teilweise auch zu differenzieren, systemisches und logisches Denken liegt uns im Blut. Doch dann passiert uns die Menschenwelt, und es kommt – bei allem Dazulernen – leider auch zu Rückentwicklungen.

Ich kann mich nicht auf Stufe 3 hinauf wünschen. Ich muss zuerst lernen, höher zu dimensionieren. Ob ich das gelernt habe, lässt sich überprüfen.

Da unsere Bildungssysteme noch nicht darauf ausgelegt sind, Kinder zu ermutigen, weiterhin nicht nur hoch zu differenzieren, sondern auch hoch zu dimensionieren und temporeich zwischen Dimensionen springen zu dürfen, stehen wir heute vor der großen Aufgabe, uns selbst für die Emergenz zu schulen, in die wir mit Wirklichkeitsemulation gesaugt werden, und uns mit Krisen in Größenordnungen zu befassen, für die wir noch nicht hinreichend ausgebildet sind. Kinder können auf Komplexitätsstufe 2 denken, spielen, handeln, aber mit strengerer Differenzierung in sperrigen Konditionierungsumfeldern und Bildungssystemen konfrontiert und mit Erwachsenen, die kreative Selbstentwicklung argwöhnisch zu kontrollieren versuchen, und im Umgang mit anderen Kindern, die die erpresste Anpassungsleistung bereits erbracht haben und nun selbst als kleine Erwachsene die multipler aufgestellten Kinder in ihre engeren Erwartungsstrukturen hineinzukonditionieren bemüht sind, geht Komplexitätsmanagement auf Stufe 2 wieder verloren – für Viele für immer.

Unser Komplexitätsmanagementmodell kann orientierend wirken und es leichter machen, entspannt auf das zu schauen, was wir als nächstes lernen können.

Auch wenn die Stufen aufeinander aufbauen und so der Eindruck entstehen könnte, dass es immer „besser“ ist, sich auf eine „höhere“ Stufe weiterentwickelt zu haben, kann ich mir durchaus Situationen denken, in denen es nicht unbedingt vorteilhaft wirken muss, wenn jemandem das gelungen ist – so großartig die Errungenschaften sich auch anfühlen mögen.

Ich greife kurz vor, um den Zusammenhang zu klären, bevor ich ans Technische gehe:

Auf Komplexitätsstufe 3 zum Beispiel verlangsamt sich das Denken, da mehr integriert werden muss und der Aufwand dafür, die Dimensionen visibel und getrennt und hinreichend stabil zu halten, wächst. Gründliche, bedachte/langsame Komplexitätsstufe 3 Denker sind in der Regel sehr beliebt, aber wenn es darum geht, schnelle Entscheidungen zu fällen, sind sie nicht unbedingt diejenigen, die uns hier weiterhelfen.

Komplexitätsstufe 4 hingegen zeigt sich temporeich, aber wenn jemand so FORMt, kann es sein, dass seine hohe Dimensionierungs- und Differenzierungsfähigkeit, gerade gekoppelt mit dem Tempo, mit dem er seine Modelle vorlegen kann, andere stark überfordert. So können höhere Komplexitätsmanagementstufen neue Konflikte auslösen, auf die wir uns am besten vorbereiten, indem wir unser Hauptaugenmerk auf Integration der darunter liegenden Stufen legen und nicht darauf, höhere zu entwickeln. Je besser die Integration gelingt, desto leichter werden wir auch auf höheren Stufen zurechtkommen.

Insofern möchten wir in manchen Situationen vielleicht lieber einen K1er, jemanden auf Komplexitätsstufe 1, an unserer Seite haben, als jemanden auf einer höheren Komplexitätsstufe.

Teamleader gewinnen, wenn sie die Mitglieder ihrer Teams funktional einschätzen und zusammenbringen können. KomplexitätsmanagementFORMer 4 werden sich in vielen Teams nicht wohl fühlen und das Gefühl haben, es geht alles viel zu langsam. Sie arbeiten oft besser allein, bzw. im losen Verbund. Bislang habe ich noch kein Team von K4ern so zusammenarbeiten sehen, wie es K0er oder K1er (sich an)tun. Sie arbeiten automatisch in Kompetenzhierarchien und mögen es in der Regel auch nicht, wenn man ihnen in ihrer Kompetenz herumwurschtelt.

Berücksichtigen wir, dass jemand auf K1 jemandem auf K4 tatsächlich nur dann folgen kann, wenn sich K4 auf K1 zeigt. Für K1 klingt jeder andere wie K1, K0 oder verrückt oder genial, aber unverständlich. K2ern und K4ern kann es passieren, dass sie sich fragen, wieso die Anderen einfach nicht folgen können, es ist doch alles so klar. Wenn das passiert, wurden die Fähigkeiten der darunter liegenden Stufen (noch) nicht hinreichend integriert.

Was wir uns nicht wirklich erarbeitet haben, können wir nicht fassen. Kommunikation ist nur unter (hinreichend) Gleichen möglich. Integrierendes Denken kann solche Gleichheit schaffen. Besonders gut gelingt sie, wenn wir es hinbekommen, uns und andere dazu zu motivieren, nicht nur von jenen, die uns voraus sind, Augenhöhe zu fordern, sondern uns auch hin und wieder einen Schemel oder eine Leiter zu nehmen, damit sich nicht immer nur der Andere bücken muss. So können Menschen auf niedrigerer Komplexitätsstufe Menschen auf höherer entsprechend integrativ helfen. Wir begreifen solch (wechselseitig) kooperatives Verhalten als KomplexitätsFORMen, wenn wir uns daran erinnern, dass wir FORMen nicht nur von links nach rechts lesen müssen, sondern auch von rechts nach links oder von oben nach unten, … lesen dürfen und können. Wer merkt, dass er auf K0 oder K1 feststeckt, kann wichtige Beiträge zum Dialog leisten, indem er anderen auf höheren C2M Stufen seine Perspektive, seine Welt erklärt und nicht nur um Verständnis (Lehrer-Funktion), sondern auch um Hilfe (Lernender-Funktion) bittet.

Wir dürfen ruhig davon ausgehen, dass wir einander immer etwas beibringen können und dass wir alle aufeinander angewiesen sind. Es liegt keine Schande in niedriger differenziertem und dimensioniertem Komplexitätsmanagement, außer jemand will das unbedingt so sehen. Aus meiner Warte finden wir darin auch Weisheiten, die integrierende Leistung steigern können. Einschlafen sollte deshalb allerdings niemand. Recht auf Dummheit gibt es zumindest in meinem Universum nicht. Wer die darunter liegenden C2M Stufen gut ausFORMen kann, wird sozial flexibler und dimensionierter.

Nur dann, wenn die älteren C2M Stufen gut ausgebaut und integriert wurden, kann K3 wieder zurück auf temporeiches K1 oder K4 die Ruhe und Geduld aufbringen, für seine Zuhörer alles langsam und gründlich aufzutüteln, damit sie ihm/ihr/ihnen auch gut folgen können.

Stress kann uns entschieden/dramatisch demonstrieren, wie gut wir niedrige/hohe Komplexität integrieren/differenzieren können:

Unter Stress zeigt sich, wie stabil unsere Errungenschaften sind. Ein K3er, der bei starkem Stress dazu neigt, auf K1 zurückzufallen, sollte sich davon nicht entmutigen lassen, sondern einfach erkennen, dass er sich in stressfreieren Zeiten tolle Fähigkeiten erarbeitet hat, die noch mehr Aufmerksamkeit, Geduld und Pflege benötigen, um auch in (existenziell) bedrohlichen Situationen greifen zu können.

Erfahrung und Geduld spielen hierbei eine wichtige Rolle. Es macht einen großen Unterschied, ob jemand automatisch auf K1 zurückfällt oder ob er das bewusst entscheiden kann, wenn er bemerkt, dass er in seiner akuten Situation mit K2 oder K3 nicht weiter kommt.

Mir ist wichtig, dass das durchdacht wird. Ich möchte ungern dabei zusehen, wie dieses – wie ich finde – wirklich hilfreiche Modellchen dafür missbraucht wird, in „größer, stärker, besser“ Kategorien zu sortieren, ohne zu berücksichtigen, dass wir in Gesellschaften leben, die unter Globalisierungsdruck dazu neigen, K0-Entscheidungen zu fällen, und dann insbesondere in den Social Media K0-Kommunikationen bevorzugen, pressieren und leben.

Das bleibt für uns alle nicht ohne Folgen … also lernen wir doch, integriert und komplexitätsbewusster und stressbewusster zu denken, zu erleben, zu handeln.

So können wir dafür sorgen, dass wir C2M nicht als weiteren Status steigernden Stressfaktor addieren, dass wir es nicht in Di-Stress (ungesunden, Energie zehrenden Stress) transformieren, anstatt uns gegenseitig darin zu unterstützen, C2M mit Interesse und Freude am Lernen zu nutzen, um so im wunderbaren Flow von Eu-Stress (gesundem, motivierendem, energetisierendem Stress) mitzuschwimmen.

Zu Komplexität möchte ich anmerken, dass ich sie beobachterabhängig begreife. Etwas kann für einen K1er sehr einfach aussehen, für einen K3er sehr kompliziert oder umgekehrt. Ein K4er kann eine Angelegenheit hoch komplex finden und viele Dimensionen dazu anlegen, während die gleiche Sache für einen K0er glasklar ist – umgekehrt könnte ein K4er eine Sache glasklar finden und sich spielend leicht darin bewegen, während ein K1er findet, sie sieht hoch komplex und auch sehr kompliziert aus.

Unsere Fähigkeit zu differenzieren/dimensionieren spielt dabei eine Rolle, wie auch, worin wir uns bereits gut bewegen und worin nicht.

K0er und K1er werden mehr dazu neigen, Welt ontisch zu konturieren als funktionale Analysen zu erstellen, da es für funktionale Analysen nicht nur tieferes Systemverständnis braucht, sondern auch die Fähigkeit, Systemik nicht nur aus der eigenen Filterblase heraus zu betrachten. Kenntnisse der Systemtheorie garantieren nicht höhere Dimensionierungsfähigkeiten. Ich kenne Systemiker, die in ihrem eigenen Fach fantastisch differenzieren können und großartige Leistungen erbringen. Sobald sie aber in fremde Fächer gehen, überschätzen sie ihre Systemik-Fertigkeiten und versuchen, mit dem Wissen aus ihrer Hausdimension andere Verhalte anzupacken: und scheitern, ohne es zu merken.

Multikausales Denken werden wir eher auf/in den höheren Komplexitätsmanagementstufen finden als auf/in den niedrigeren, Letztbegründungsversuche werden, je höher wir auf der C2M Leiter steigen, immer weniger werden.

So werden auch eher K0- und K1-Typen versuchen, dieses Modell nur als Stufenmodell zu verwenden und nicht als FORMenVorschlag. Das ist vollkommen in Ordnung, solange man im Kopf behält, dass man umso schneller lernt höher zu dimensionieren, je eher man das abschaltet. Es geht nicht darum, sich selbst im Vergleich zu anderen zu sehen, sondern daran zu arbeiten, sich in verschiedenen Lebenssituationen zu beobachten und zu überlegen: „Wie tief habe ich differenziert? Wie hoch habe ich dimensioniert? Wir temporeich war mein Komplexitätsmanagement?“

Es kann auch viel Spaß machen, sich über den Tag hinweg zu beobachten, um zu sehen, in welcher Tagesform wir wie denken. Ich bin morgens zum Beispiel oft K1er, wache mit einer Idee auf, die ich unbedingt aufschreiben muss. Wer mir mit weiteren Dimensionen vor meiner ersten Tasse Tee kommt, darf sich auf einen kleinen häuslichen Konflikt einstellen. Da kann ich gern noch dazulernen. Stoße ich müde auf ein interessantes typisches K3 Problem, kann es mir passieren, dass mir weite Teile meiner Idee flöten gehen, wenn ich mir zu viel zumute. Dann werde ich langsamer, was nicht so recht mit dem Rest meiner Tagespläne harmoniert. Bin ich sehr unausgeschlafen und noch nicht ganz da und werde ich mit zu vielen Dimensionen konfrontiert, geht auch schon mal K0 :). Passiert allerdings etwas sehr Herausforderndes, kann ich augenblicklich auf temporeiche höhere Dimensionierung und Differenzierung umschalten. Insofern scheint für mich auch morgens eine Rolle zu spielen, wie und womit Welt mich herausfordert. Der Luxus sich nicht anstrengen zu müssen, weil im Moment nichts existenziell bedrohlich ist, macht mich Morgenmuffel zum Dimensionierungsmuffel, der durchaus anders könnte, wenn er müsste.

Coaches und Berater, die unser C2M aufgreifen, können sich überlegen, wie sie Menschen auf den verschiedenen Stufen in den verschiedenen Lebenssituationen dabei behilflich sein können, höher zu differenzieren und zu dimensionieren, temporeicher zu werden, während sie bitte gleichzeitig unbedingt darauf achten, dass immer die Integration des darunter Gelernten berücksichtigt wird. Nur sie garantiert stabile Selbstaufstellung in komplexen, fordernden Situationen und Umwelten.

Zu den Faktoren, die sich günstig auf höheres KomplexitätsFORMen auswirken, gehören: Sicherheit, Dach über’m Kopf, gute Ernährung, Bewegung an der frischen Luft, Meditation, Musizieren, Stressbewältigungstraining, konstruktiv-kooperative Arbeitsumfelder …

Karim Fathi hat in seinem Buch „Kommunikative Komplexitätsbewältigung“ einige Modelle und Tools zusammen getragen, die uns hierin unterstützen können.

Als komplex begreife ich ein(e) Angelegenheit/System dann, wenn ich nicht alle ihre/seine Elemente gleichzeitig mit allen anderen relationieren kann.

Komplexität hat in Wirklichkeitsemulation einen Sprung gemacht, und die Klimakrise sowie die multipel vernetzten Konflikte, die Integrationsgesellschaften zu verarbeiten und zu managen haben, fordern uns noch einmal heraus.

Je mehr Menschen lernen, Komplexität höher differenziert und dimensioniert zu managen, desto krisenfester und konfliktfähiger die Teams, Gruppen und Gesellschaften, in die sie sich einbringen.

Umgekehrt, je dimensionierter und differenzierter Teams, Gruppen und Gesellschaften mit komplexen Herausforderungen umgehen, desto krisen- und konfliktfähiger sind ihre Menschen.

Dabei werden wir gerade in dieser Um- und Einstellungszeit auf die kommende/jetzige Emergenz häufiger sehen, dass kleinere Teams und Gruppen höher dimensionieren können als ihre einzelnen Mitglieder, weil jeder Einzelne andere Blickwinkel einbringen kann, sich aber möglicherweise schwerer damit tun zu differenzieren. Je komplexer die Kommunikation wird, desto wahrscheinlicher, dass Dimensionierung und Differenzierung sinken, je weniger Menschen beteiligt werden, gehört werden, berücksichtigt werden, die über höhere Dimensionierungs- und Differenzierungsfähigkeiten verfügen.

So sehen wir in den kommunikativen Riesenwellen, die augenblicklich nonlokal entstehend durch und über die Social Media und Media rollen, stark reduzierte Dimensionierungs- und Differenzierungsfähigkeiten wirken. Wir haben noch nicht gelernt, wie wir uns in solche Komplexitäten kooperativ-konstruktiv involvieren können.

Aber das muss uns nicht entmutigen, zumal überall auf der Welt Menschen damit beginnen, das Thema Komplexität und ihre Folgen zu diskutieren, und multiperspektivisch und multikausal versuchen, uns Modelle nahezubringen, die uns dabei helfen, uns in Emergenz breiter, herzlicher und adäquat einzumischen.

Komme ich jetzt zu unserem ComplexityManagementModel (C2M) selbst. Ich werde mich knapp halten und mit Bildern, die der gute Peter Hofmann (danke, Peter) für uns alle gemacht hat, stützen.

Komplexitätsstufenmodell/KomplexitätsFORMenmodell

Wir unterscheiden insgesamt 6 Stufen:

Komplexitätsmanagementstufe 0 -> K0
Komplexitätsmanagementstufe 1 -> K1
Komplexitätsmanagementstufe 2 -> K2
Komplexitätsmanagementstufe 3 -> K3
Komplexitätsmanagementstufe 4 -> K4
Komplexitätsmanagementstufe 5 -> K5

 

K0:

Komplexitätsstufe 0

Für K0er ist die Welt einfach. Sie legen eine Dimension an und differenzieren auch nicht sonderlich.
Sie sind die typischen Schwarz/Weiß-Denker.
Es gibt für sie für alles eine einfache Lösung.
Sie denken eher ontisch, neigen zu einfachen (oft auch extremen) Ideologien.
Linear-kausales Denken funktioniert hier ganz wunderbar.
Sie entscheiden durchaus schnell und entschieden, aber es ist ein automatisches Tempo, das immer nur zwischen zwei Möglichkeiten switcht.
K0-Entscheidungen brauchen wir, wenn es existenziell bedrohlich wird: Angreifen oder Wegrennen? Vor dem Gewitter unter den Baum flüchten oder uns ducken?
Unter Di-Stress neigen K0er mehr als andere zu verbaler oder sogar körperlicher Gewalt und zu tumben Extremideologien.

Tipp: Guck genauer hin.

 

K1:

Komplexitätsstufe 1. Manche K1er differenzieren weniger als andere, manche mehr, manche gewinnen den Nobelpreis.

Auch K1er legen nur eine Dimension an ihre Entscheidungen an, aber sie können sehr hoch und auch sehr bunt differenzieren.
Sie können wissenschaftlichen, technischen, politischen, wirtschaftlichen, … Verhalten gut und tief folgen und sich kompetent und blitzgescheit beteiligen, allerdings immer nur in dieser einen, ihnen bekannten Dimension.
Multikausales Denken können K1er, wenn sie darin ausgebildet wurden.
Sie sind dazu fähig, in ihrer Dimension hoch komplex zu denken und können zum Beispiel sehr differenzierte politische Modelle ausarbeiten oder als Forscher fantastische Technologien entwickeln.
Unter Di-Stress fallen K1er auf K0 zurück.

Tipp: Leg täglich eine neue Dimension an.

 

Die Mehrheit der Menschen kommt selten in ihrem Alltag selten über K0 oder K1 hinaus.

 

K2:

Komplexitätsstufe 2

K2er dimensionieren schnell und temporeich, aber sie verlieren erst einmal die Fähigkeit hoch zu differenzieren, die K1 elaboriert und integriert hat.
Fix springen sie von einer Dimension zur anderen, Viele scheinen täglich neue Projekte, Visionen und Ideen zu haben. Oft bringen sie deshalb ihre neuesten Projekte gar nicht zu Ende, weil ihnen gleich wieder ein anderes einfällt.
K2er können Teams beflügeln oder ausbremsen, je nachdem, ob und wie ihre visionäre Kraft genutzt werden kann.
K2er können auf K1er und K0er verrückt und beunruhigend wirken, und ich habe viele K2er kennengelernt, die so große Schwierigkeiten mit sich bekamen, dass sie sich psychotherapeutisch oder psychiatrisch behandeln ließen – oft schon allein deshalb, weil sie ihre soziale Kompatibilität verloren/aufgegeben hatten. Einige K2er fallen, überfordert, auch durch gesellschaftliche Ablehnung, in ontische Denkschemata oder Sendungsglauben oder Absolutheitsforderung zurück. Aber Vorsicht! Nicht K-nullen! K2 ist nicht gleich irre. K2er können auf sich und andere irre wirken.

Leben auf Komplexitätsstufe 2 bringt eine Fähigkeit hervor, die sich als Konflikt mit sich selbst ausspielt: K2 kann aus ihrer Dimension springen und eine völlig neue/andere Perspektive konstruieren. Der K2er hat (noch) nicht gelernt, diese Fähigkeit bewusst und zusammenwirkend zu nutzen. Zu lernen K2 bewusst zu nutzen, kann zur Prüfung werden, die darüber entscheidet, ob das System wieder in ältere/niedrigere KomplexitätsmanagementFORMen zurückfallen muss oder neue/höhere KomplexitätsmanagementFORMen entwickeln kann. K2 splittet Komplexitätsmanagement. Die Frage lautet: Kann es sich auf neuem/höherem Level emergent reorganisieren?

K2er können große Visionen formen, kurzfristig stark motivieren, aber Umsetzung ist nicht gerade ihre Stärke.
Unter Di-Stress fallen manche K2er auf K0 zurück oder versteifen sich auf eine Dimension, die sie unbedingt durchgesetzt sehen wollen.

Tipp: Werde langsamer.

Erst im Übergang von K2 zu K3 können Modelle, wie ich sie bislang im
s y s t e m z e i t-Blog vorgestellt habe, inhaltlich voll ausgeschöpft werden.
K0er fühlen sich von ihnen völlig überfordert oder halten sie gleich für unnötig,
K1er kommen verunsichert mit der Mehrdimensionalität nicht zurecht und werden eher dazu neigen, sich damit nicht zu befassen, als die Sicherheit ihres Dimensionstunnels zu verlassen.
K2er versuchen, die Bedeutungsdichte zu überlesen und spielen lieber mit Dimensionen herum.
Die Artikel eignen sich deshalb besonders gut dafür, sie wiederholt zu lesen, um an ihnen langsam zu lernen, nicht zu versuchen, der Bedeutungsdichte durch Trigger-Reaktionen zu entkommen, und es zu schaffen, die Knoten im Kopf, die durch Höherdimensionierung entstehen können, langsam aufzulösen. SelFis und mindFORMs unterstützen visuell anschaulich und motivieren funktionale Analyse in mehrdimensionierten Räumen – beispielsweise, um verschiedene KommunikationsFORMen als Rollen zu lesen und in Teams anzuwenden und zu lernen, systemisch zu denken und zu (re)agieren.

 

K3:

Komplexitätsstufe 3

Mit K3 kommt Ruhe in die Angelegenheit. Der K3er hat auf K2 gelernt, höher zu dimensionieren, jetzt beginnt er damit, seine Dimensionen auch auszubauen.
Das kostet Tempo.
K3er sind die typischen geduldigen, langsamen Denker, zu denen die meisten von uns gern und intensiv Vertrauen fassen, weil K3er – im Gegensatz zu K2ern – gut zuhören können.
Sie wissen, dass alles mehrere Seiten hat und können den Perspektiven anderer deshalb gut folgen, weil sie bereits gelernt haben, sie an ihre eigenen Gedanken als Dimensionen zur Beobachtung von Welt anzulegen.
Sie nehmen sich jetzt mehr Zeit für die verschiedenen Dimensionen, was sie aber auch noch müssen, da sie sie sonst aus dem Gedächtnis verlieren und wieder bei K1 landen.
Unter Di-Stress neigen K3er zu K1er-FORMen.
In Teams stabilisieren K3er, bringen Ruhe ins System, wirken entspannend auf K2er und vermitteln zwischen ihnen und K1ern, K0ern, K4ern.

Tipp: Lass ab und zu Fünfe gerade sein und vertrau Deinen Impulsen.

 

K4:

Komplexitätsstufe 4

Mit K4 lernt der K3er Vertrauen in seine Differenzierungs- und Dimensionierungsfähigkeiten und muss sich nicht mehr alles merken, weil er weiß, dass er es schafft, zu seinen Problemen, Aufgaben, Gedanken, Herausforderungen blitzschnell mehrere Dimensionen anzulegen und sie entsprechend zackig zu differenzieren.
K4er beeindrucken nicht nur durch hohe Dimensionierung und Differenzierung, sondern durch schnelles Tempo. Sie können im Nullkommanichts Themen aus verschiedenen Perspektiven be- und dabei jeden Winkel ausleuchten.
Unter Di-Stress neigen K4er zu K2er-FORMen oder zu K3er-FORMen.
In Teams arbeiten K4er nur gut, wenn ihre Kompetenzen auf für sie ernst zu nehmende Resonanz stoßen. Sie können zu Ungeduld mit allen, außer K3ern und K5ern neigen.

Tipp: Integriere von unten für tieferes Verständnis.

 

K5:

Komplexitätsstufe 5

K5er widmen sich der tieferen Integration der darunter liegenden Stufen und arbeiten daran, ihre Fähigkeiten auszubauen, situationsadäquat und für die Menschen, mit denen sie kooperieren wollen, (hinreichend) transparent zu sprechen, zu handeln und zu denken.
Wenn K4 einen Ball mehrdimensioniert, hoch differenziert und temporeich balancieren und spielen kann, schafft das K5 mit mehreren/vielen.
K5 kann gleichzeitig K0, K1, K2, K3 und K4 prozessieren und unterschiedliche Perspektiven, beispielsweise eine mehrdimensionierte und differenzierte zu „Weltanschauung“, eine akute zu „Krisen“, eine vergleichende zu „Moderne Technologien und Mindsets“ und … , jonglieren und sich situativ anpassen.
Das sind Fähigkeiten, die sich K3 in Teilen bereits erarbeitet hat, indem sie/er/es gelernt hat, die Weltmodelle anderer zu respektieren und zu integrieren, K4 kann das Menschliche etwas verloren gehen, jedoch wird K5 es aus Eigennutz zum Nutzen aller wieder entfalten – selbstkritisch und manchmal sogar rücksichtsvoll.
K5er können buchstäblich aus dem Nichts ganze FORMiversen aufspannen – konsistent, kohärent, funktional, empirisch, anschlussfähig. Sie müssen nicht lange darüber nachdenken, sondern können ihren Differenzierungs- und Dimensionierungsfähigkeiten vertrauen. Tempo ist nicht ihr Problem. Sie können im einen Augenblick geistig völlig still werden und im nächsten auf allen Komplexitätsstufen spielen und ihre K4 Bälle in der Luft halten, während sie mit anderen zu tun haben, die das nicht können.
K5er sind die idealen Leader – wenn sie es denn wollen …

Schauen wir uns jetzt alle Komplexitätsmanagementstufen/KomplexitätsmanagementFORMen in einer Tabelle an:

Von unten betrachtet, sehen die KomplexitätsFORMen wie Stufen aus, die wir uns nach und nach erarbeiten:

Die Komplexitätsstufen aus Blickrichtung von K1

Im Ganzen betrachtet zeigt sich C2M von unten als Stufenmodell und von oben als EntscheidungsFORMen mit unterschiedlich kognitiver/emotionaler Disposition zu sich selbst:

Links: Komplexitätsstufen von unten betrachtet. Rechts: KomplexitätsmanagementFORMen. Im Übergang von K2 zu K3 beginnen stabile KomplexitätsFORMenperspektivwechsel

Erst ab K3 kann integrativ wirklich be-griffen werden, davor bleibt es eine Vorstellung ohne konstruktive Erfahrung im Faktischen. Mit der Zeit lernt der Anwender des Modells nicht nur, dass und wie die C2M Stufen aufeinander aufbauen, sondern dass jede höhere Stufe immer tiefer erfahren und gelebt werden kann, je detaillierter und umfassender die darunter liegenden begriffen und ausgearbeitet werden. Selbst für K0 finden sich täglich Anwendungen, und ohne Verständnis für K0 kann auch keine konstruktive Kommunikation mit Menschen dieser Komplexitätsmanagementstufe geführt werden oder mit uns selbst, wenn Stress, Not, Unglück, Depression, Burn-Out uns auf K0 zurückwerfen können.

 

Ich möchte zum Abschluss dieser Einführung in unser KomplexitätsFORMenmodell um umsichtigen Umgang damit bitten. Es gibt hier viel zu diskutieren, viel zu überlegen. Wir können es nutzen, um uns umfassender zu fragen, wie es uns gelingen kann, uns selbst und andere dazu zu motivieren, höher zu differenzieren und höher zu dimensionieren.

Wir brauchen nicht nur Verständnis für uns selbst, wenn wir uns auf älteren Komplexitätsstufen entscheiden, sondern auch für die, die darüber hinauswachsen. Konstruktive, kooperative Lernatmosphären schaffen, das scheint mir eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.

Wir werden die großen Krisen von heute bewältigen, wenn wir uns gegenseitig dabei helfen, unsere Komplexitätsmanagementfähigkeiten zu steigern. Glücklicherweise versorgt uns ausgerechnet die zweite Herausforderung, mit der wir es heute zu tun haben, nämlich Wirklichkeitsemulation, mit den Chancen, mit neuen Modellen und Tools, um das auch zu schaffen. Und die vielen großartigen Menschen da draußen, die begriffen haben, wie wichtig konstruktiv-kooperative Maßnahmen sind, machen Mut, sie auch zu nutzen.

Danke.

7 Gedanken zu “Komplexitätsmanagement – Modell/Stufen/FORMen”

  1. Was mir bei diesem Text besonders gut gefällt, dass auf die Integration der vorigen Stufen so viel Wert gelegt wird.
    In unsrer Kultur ist es verdammt schwierig, die höhere Stufe nicht als bessere zu verstehen. Deshalb gefällt mir das bewusste Zusammenspiel aller Komplexitätsstufen. Mir scheint, in manchen jungen Team geht das fast spielerisch.
    Wenn wir von klein auf erfahren (und nicht verlernen), dass auch der kindlich, naive Blick oder auch der verpeilte, müde eine wertvolle Perspektive auf komplexe Situationen sein kann, aber eben auch nur eine von vielen möglichen, dann haben wir eine fruchtbare Basis. Mir kommt es vor, dass unsere Schule da wirklich nicht nur etwas zerstört hat, sondern Gift gestreut hat. Deutlich wird dieses toxische Verhalten bei sehr vielen Menschen weltweit, wie auf Greta und FFF reagiert wird. Und alle halten sich dabei für vernünftig.

    Persönlich komme nur schwer mit der Tatsache zurecht, dass ich zu den höheren Stufen gerade kaum Zugang habe. Ich schäme mich und halte mich zurück, weil ich denke, nichts beitragen zu können.
    Durch diesen Text aber, habe ich erkannt, dass ich zumindest den energetischen Raum halten könnte, wenn K0 oder K1 zu einnehmend werden. Meistens war mir das zu mühsam oder vergebene Liebesmüh.

    • Liebe Monika, vielen Dank für Deine offenen Worte. Anhaltender Stress kann sehr fordern, irgendwann sind die Kräfte verbraucht, und wir greifen auf ältere FORMen zurück. Das ist kein Grund, sich dafür zu schämen, im Gegenteil: Du kannst uns hier was über Selbsteinschätzung zum Beispiel beibringen.
      Viel Kraft!
      Gitta

  2. ein Text, der leichtfüßig daherkommt, der es aber in sich hat. Er hilft mir sehr bei dem, was ich eh schon immer versuche: mich im Dschungel der Bedeutungen zu orientieren. Das sind Gedanken, die man (wobei ich mich in das „man“ einschließe) immer wieder neu aufgreifen muss, um das Modell für sich lebendig zu machen. Ich kann nur auf ihre zunehmende Verbreitung hoffen.

    Mir fällt hier Kants Essay ein: „Was heißt: sich im Denken orientieren?“ Kant zeigt in diesem Text auf, dass und wie wir von unserer Vernunft vernünftigen bzw. un-vernünftigen Gebrauch machen können und dass wir Orientierung nie im Außen finden, sondern nur in uns selbst.
    Hier passt auch Hannah Arendt, die sich ja sehr an Kant orientierte:
    „Wenn Sie Treppen hinauf- oder heruntersteigen, können Sie sich immer am Geländer festhalten, damit Sie nicht fallen. Das Geländer jedoch ist uns abhanden gekommen. So verständige ich mich mit mir selbst. Und ‚Denken ohne Geländer’ ist in der Tat, was ich zu tun versuche.“
    „Ich war immer der Meinung, dass man so zu denken anfangen müsste, als wenn niemand zuvor gedacht hätte. Und dann beginnen sollte, von den anderen zu lernen.“

    Ich selber denke schon immer dreidimensional, d. h. ich übersetze Begriffe in Bilder, Muster, Gefühle etc. In Begegnungen mit „1ern“ ist das oft nicht einfach. Der Assi, der meine Diss betreute, wollte mich durchrasseln lassen. Ein ungeschützter, etwas naiver Vortrag von mir auf einem Soziologentag wurde von den beiden Großkopferten auf dem Podium gnadenlos auseinandergenommen. Was aber bezeichnenderweise immer wieder passiert, so auch hier: hinterher (!) kommen dann Leute zu mir und sagen, dass sie es ganz toll fanden. Oft sind das Frauen. In einem anderen Fall war es ein junger Assistenzarzt, der das in Anwesenheit seines Chefs wohl nicht zu sagen wagte.

    • Vielen Dank, lieber Franz. Über Diskriminierung von K2++ nachzudenken, halte ich für wichtig. Dabei können wir gesellschaftliche und persönliche Zusammenhänge ins Spiel bringen und untersuchen. Auf K2 springt man. Davor liegt ein Abgrund. Wir leben technologisch gesehen in K2-Gesellschaften, die diejenigen, die weitestgehend Verhalten in K0 und K1 FORMen, überfordern. Es wird schwerlich gelingen, die Diskriminierung zu besprechen, ohne dieses Problem mit zu betrachten, andernfalls vergrößern wir den Abstand, über den hinweg wir die Kommunikation anregen möchten. Der derzeit zunehmende Rückgriff auf evolutionär ältere FORMen mit sinkender Differenzierungsbereitschaft und steigendem Interesse für barrierefreie Extremideologien ergibt mehr Sinn, wenn wir über Wirklichkeitsemulation gründlicher nachdenken und uns bereit zeigen, qualitativ hochwertige K3-FORMen zu konstruieren, die langsam genug orientieren helfen, dass die Bereitschaft für höheres Differenzieren und das Interesse an den Perspektiven anderer wieder steigt.
      Dafür haben wir u. a. Formwelt konstruiert.

  3. Eine gute Möglichkeit, sich in dieses Modell tiefer einzuarbeiten (um selber komplexer arbeiten zu können), ist, es Anderen zu erklären. Ich kann das sehr empfehlen. Ich habe das heute mal gemacht, mit einer befreundeten Kollegin (sie coacht Mitarbeiter und Führungskräfte in Unternehmen).

    Besonders herauskristallisiert hat sich für mich dabei der Begriff des Jonglierens auf K5. Diese Fähigkeit erfordert, dass die anderen Stufen immer wieder rauf und runter praktiziert, trainiert und verfeinert werden.
    Ist es nicht das, worauf unsere menschliche Natur letztlich angelegt ist? Dieses Potential immer vor Augen zu haben, auch wenn man glaubt, es selber nicht realisieren zu können, finde ich wichtig, weil man so offen bleibt, sich immer wieder leer macht. Die Augen davor zu verschließen, heißt dagegen, unbewusst zu resignieren.

    Klar wurde mir auch, dass wir auf K1 und K2 die (unbewusst) gelernten und ver-körperten Muster immer nur kopieren.
    Ich sehe übrigens auch Parallelen zu Gregory Batesons Lernen 0 / I / II / III. Lernen II („Deutero-lernen“) – das wäre wohl K1 und K2 – heißt, die Regeln des kulturellen Kontexts zu verinnerlichen, indem man sie einfach kopiert, unbesehen übernimmt. Aus Sicht von K3 ist das ein (unbewusst) aktives Tun, nicht nur ein passives Geprägt-werden.
    Die Bürger der westlichen Kultur „deutero-lernen die Kunst, alles um sie herum zu manipulieren, und es fällt ihnen schwer zu glauben, dass die Realität auf einer völlig anderen Grundlage aufgebaut sein könnte.“ (M. Berman, 1984: Wiederverzauberung der Welt – Am Ende des Newton’schen Zeitalters. Eines meiner Lieblingsbücher; durch ihn kam ich überhaupt erst auf den Mimesis-Begriff)

    In K3 begegne ich mir selbst, mir wird klar, dass ich es selber bin, der die Gedanken formt.

    • Lieber Franz,

      vielen Dank für diesen Kommentar. Anderen zu erklären, was wir begriffen haben, und *schwups* lernen wir, das, was wir wissen, aus ihrer Perspektive neu aufzustellen, sonst klappt es nicht.
      Es sei denn natürlich, wir denken, wir könnten in den anderen Information hineinproduzieren.
      Schöne Parallele zu Batesons Lernen. Wunderbar.
      In K3 begegne ich mir selbst, mir wird klar, dass ich es selber bin, der die Gedanken formt.
      Der alte Koan: Wer ist der Meister, der das Gras grün macht?

      Mir fällt dazu auch dieser ein:
      Der Meister kommt zur Hütte seines Schülers und ruft hinein: „Nun? Ist es Dir gelungen, Dich wie ein Ochse zu fühlen?“
      „Ja, Meister!“
      „Sehr gut, dann komm doch heraus!“
      „Ich kann nicht, Meister, meine Hörner passen nicht durch die Tür.“

      Lieben Gruß
      Gitta

      Nachgetragen: Kann es sein, dass Du K0 und K1 mit K1 und K2 verwechselst?

      • ich bin mir da nicht ganz klar mit den Paralellen zu Bateson. Lernen 0 ist bei ihm, wenn ich das richtig sehe, ein Durchrauschen, das keinen Unterschied macht. Das ist natürlich was anderes als Ko.
        Lernen I ist bei ihm, wenn Fakten als Fakten gelernt werden. Und Lernen II ist, wenn die dem zugrundeliegenden Regeln gelernt werden, ohne dass man fragt, wer sie aufstellt. Und das sehe ich bei K1 und bei K2.

Schreibe einen Kommentar