Home Office und Social Distancing – Tipps und Perspektiven

Wir leben in einer Gesellschaft, die ihren Wohlstand nicht gut genug genutzt hat. Sinnfragen, Fragen zum inneren Reifen, dazu, wie wir mit persönlichen und sozialen Konflikten umgehen, haben wir zu weiten Teilen Religion, Spiritualität und Therapie überlassen. Reflexion unserer inneren Zeichenprozesse, und wie wir auf uns selbst und unsere Modelle zurückgeworfen werden, hat sich nicht einmal in unseren systemischen und konstruktivistischen Konzepten wiedergespiegelt, es sei denn, sie fanden im therapeutischen Raum statt.

Der Mensch hatte keinen Platz. Solche Fragen nach persönlichem Glück, nach Erfüllung, nach Sinn in unserem Leben beginnen jetzt gerade überhaupt erst wieder gestellt zu werden, weil wir merken, dass wir so nicht mehr weitermachen können und weil wir merken, dass sie wirtschaftliche Funktionen erfüllen. Menschen, die in ihrer Berufstätigkeit Sinn finden, wirken kreativer und sind leistungsfähiger und lernfreudiger.

Wir haben versucht, unsere durch Kriege und kalte Konsumgesellschaft geschlagenen Wunden mit konsumeristischer Grundhaltung und Kriegs-, Territorial- und Statussprech zu flicken. Auf dem Weg zerstören wir unsere Welt bis zu dem Punkt, dass sie uns darauf aufmerksam macht, dass es so nicht mehr weitergehen kann.

Mit Pandemien wie Corona leben zu müssen – und das erwartbar auch in Zukunft – lehrt uns, dass wir zu wenig gelernt haben, auf uns selbst zu achten, unsere inneren Zeichenprozesse, unsere Sprachen und unser Miteinander wohlwollend zu reflektieren, uns Zeit zu nehmen, innerlich zu reifen und einander Raum zu geben, das gemeinschaftlich zu tun.

Hier, jetzt, in leeren Raum geworfen, in dem eine andere Systemzeit tickt, können wir plötzlich und überrascht das Wirken basaler Fragen erkennen, von denen uns zuvor unsere alltägliche Beschäftigung abgelenkt hat. Im Home Office, mit Social Distancing merken Viele, dass sie es nicht nur mit Angst vor der Pandemie zu tun haben, sondern auch und vor allem mit sich selbst. Innere Dialoge, die sonst gut in Tagesabläufe eingearbeitet und dort bis zur Therapiereife nicht weiter gestört haben, machen sich nun auf vielerlei Arten bemerkbar – auch, wenn den Meisten noch gar nicht bewusst werden kann, was da eigentlich gerade mit ihnen passiert, weil sie keine Sprache dafür haben.

Einige berichten davon, wie schwer es ihnen gerade fällt, morgens aufzustehen. Andere fühlen sich merkwürdig ausgelaugt oder hochgepuscht. Hier macht nicht nur zu schaffen, dass uns die sozialen Routinen und intimes Miteinander fehlen, sondern es spielt noch etwas tiefer Liegendes, weniger Offensichtliches eine Rolle.

Ein Twitter-Freund hat das mit Jetlag verglichen und damit genau in die passende Richtung gedeutet:

Über Zeit sortieren wir Welt. Jedes komplexe autopoietische System formt seine eigene Systemzeit, rhythmisiert sich in seiner eigenen Welt. Selbstrhythmisierungen wirken und bestimmen mit, wie wir uns selbst wahrnehmen, wie wir Charakter und Persönlichkeit aufbauen, wie wir wann mit wem umgehen, wie wir Welt gestalten, wahrnehmen und uns in ihr bewegen. Sie helfen dabei, bestimmte Gedanken nicht denken zu müssen, uns selbst aus dem Weg gehen zu können, Sorgen beiseite zu drängen, uns inneren und äußeren Konflikten nicht stellen zu müssen, weil wir nicht wissen, wie wir mit ihnen umgehen sollen. Sie helfen dabei, uns stabil zu fühlen, innere Dialoge abstellen zu können und uns halbwegs gesund in einer zunehmend komplexer werdenden Welt zu orientieren, die zu managen uns nie jemand beigebracht hat, weil da niemand war, der das hätte tun können.

Wir sind gerade erst in diese Welt hineingetreten und müssen die Meister, die durch die Herausforderungen, die sie produziert, lernen und sich an ihnen schulen und neu organisieren, überhaupt erst hervorbringen: Wirklichkeitsemulation.

Unsere Selbstrhythmisierungen laufen zu weiten Teilen auf Komplexitätsmanagementstufe 0 und 1, weil wir mehr kaum gebraucht haben. Erst jetzt, wo uns emergente Technologien ständig mit FORMen konfrontieren, die mehrdimensionales Denken fordern, wo wir theoretisch mit jedem auf diesem Planeten kommunizieren können, fangen wir an zu begreifen, dass wir hinter unserer eigenen technologischen Entwicklung hinterher laufen. Unsere Selbstrhythmisierungen passen sich nur langsam daran an – während dessen nehmen Konflikte mit jenen zu, die versuchen, ihre Ängste über einfache Modelle in Schach zu halten, und rauben uns die Zeit dafür, tief durchzuatmen und uns endlich die Zeit zu nehmen, uns und unsere Zeichenprozesse zu reflektieren.

Werden Selbstrhythmisierungen oder auch Selbstanpassungsprozesse fundamental gestört, kann es zu Persönlichkeitskrisen kommen – oder Krisen, die vorher nur durch die Selbstrhythmisierungen davon abgehalten werden konnten, sich bemerkbar zu machen, dringen nun ins Bewusstsein vor. Man kann sich das vorstellen wie bei einer Erkältung. Freitag ging es uns noch gut, am Wochenende haben wir uns prima erholt, Montag Morgen dringt die Erkältung durch, weil der Körper Zeit hatte sich zu entspannen. Wir werden erst im Urlaub krank, weil unsere Selbstrhythmisierungen uns über Ablaufpläne, Kommunikationsprogramme, Programme für und gegen innere Entfaltung, Routinen für Denken und Miteinander in Trott gehalten haben, wo der Körper längst im Dauerstressmodus war und nur darauf gewartet hat, endlich mal den Großputz zu machen.

Wir schaukeln uns in Selbsthypnose, und die nennen wir „Persönlichkeit“ oder „Ich“. Erst, wenn uns Wirklichkeit vor Ort aus unseren Wirklichkeitsemulationen reißt, fällt uns auf: Die innere Stabilität, von der wir dachten, wir hätten sie, beginnt zu bröckeln. Es fehlt uns etwas. Nur was?

Zurückgeworfen auf Unbestimmtheiten, Unklarheiten, Ungewissheiten stehen wir mit einem Mal nackt und bloß da. Nicht Viele können dabei locker lassen, es aushalten und damit krisenfunktional umgehen.

Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind vorprogrammiert, wie auch soziale Konflikte zunehmen werden. Es fehlt nicht nur an Resilienz, an konstruktiver Widerstandskraft, sondern vor allem an innerer Beweglichkeit: Es fehlt an der Fähigkeit, Komplexitäten auf Stufe 2 und darüber zu managen.

Das sollten wir nicht als Zeichen persönlicher Schwäche betrachten. Wer so denkt, steckt tief in Kriegsdenken und darf sich eine Pause gönnen, um sich noch einmal zu verinnerlichen: Genau das hier meint Emergenz -> aktive Reproduktion einer anderen Komplexität. Hierauf ist kaum jemand gut vorbereitet, auch wenn Einige mit besseren Voraussetzungen kommen und den Vorteil passender Bildung haben.

Ich will jetzt ein paar Tipps geben, wie du die mit Emergenz und Corona-Krise verbundenen täglichen Herausforderungen leichter nutzen kannst:

  1. Wenn du im Home Office arbeitest, mach dir klar, dass du gerade dabei bist, dein berufliches Leben und dein privates miteinander zu vermischen.
    Wer da nicht aufpasst, wird hart lernen müssen, dass es sich wie Übergriffigkeit, wie Grenzverletzung anfühlen wird, wenn es überhand nimmt.
  2. Leg dir einen klaren Tagesplan an und halte dich an ihn, als würdest du zur Arbeit gehen.
  3. Wenn du Kinder hast, achte darauf, dass du klare zeitliche RichtlinienFORMulierst, die auch eingehalten werden.
    Sorge für übersichtliche Selbstrhythmisierungen.
  4. Mach Pausen, geh in die Stille, nimm dir Zeit für dich selbst.
    Lass zu, dass du dich beunruhigt fühlst, spür dem nach, lass es wirken.
  5. Wenn du merkst, dass du unruhig oder ängstlich wirst, dass du dich eingeengt fühlst oder wütend, mach wieder eine Pause. Das hier ist jetzt wichtig. Du lebst in einer anderen Welt. Mach dir das klar.
  6. In Zeiten innerer Aufgewühltheit:
    Sprich mit dir wie du mit einem ängstlichen Kind sprichst. Beruhige dich selbst, sprich dir Mut zu.
  7. Geh viel an die frische Luft. Nutze deine Pausenzeiten dafür, ganz bewusst dein Immunsystem zu stärken – und zwar nicht nur dein körperliches, sondern auch dein seelisches.
  8. Nutze Incense, um dich bewusst abzugrenzen.
    Räuchere während der Arbeitszeiten einen anderen Duft als während der Pausenzeiten.
    Ich empfehle saubere, klare, natürliche Düfte – nichts Schweres oder zu Süßes und keine synthetischen Räuchermittel.
    Du kannst es zum Beispiel mit Lavendel für die Arbeitszeiten versuchen und mit Olibanum Aden für den Abend.
    Lüfte sehr bewusst dazwischen immer wieder kräftig durch.
    Dein Geruchssinn kann dich so in die verschiedenen Stimmungen pacen und dir dabei helfen, deine neuen Selbstrhythmisierungen schneller zu etablieren und Übergriffe zu vermeiden.
  9. Schalte Telefon und Internet ab, wenn du sie nicht brauchst.
    Mach das bewusst.
  10. Wenn du viel mit Skype, Zoom und anderen Tools arbeitest, mach dir klar, dass du es hier mit einer doppelten Kontingenz zu tun bekommst, die du intensiver und isolierter erfährst als im direkten Gespräch.
    Was das bedeutet?

    Kontingenz bedeutet, dass etwas weder notwendig noch unmöglich, beziehungsweise dass es auch anders möglich ist.
    In Kommunikation erwarten wir die Erwartungen des Anderen. Wir berechnen ständig in Bruchteilsekundenschnelle, wie wir denken, dass der Andere reagieren wird, versuchen das vorweg zu nehmen und stellen uns so mehr oder weniger brauchbar auf das jeweilige Miteinander (oder Gegeneinander) ein.
    Das tut der Andere auch und so/dadurch wird die Kontingenz doppelt.
    In diesem Tanz, der zu synchronisieren sucht, errechnen wir Signale – online jedoch gehen viele Daten verloren, an denen wir gewöhnlich hilfreiche Erwartungen berechnen.
    Und da sie verloren gingen, fehlen entsprechende kognitive und kommunikative Selbstrhythmisierungen. Einige Gesprächsgewohnheiten funktionieren plötzlich nicht mehr.
    Wir müssen unsere Erwartungen nicht nur neu errechnen – wir haben es sogar mit einem viel größeren Rate-Raum zu tun, da uns Zeichen von Geruch, Körpersprache usw. fehlen.
    Hinzu kommt: Wir sehen uns in den Gesprächen auch noch selbst und müssen das kontinuierlich mit reflektieren.
    Das tun nun alle – und entsprechend unbequem, sperrig und anstrengend können die Kommunikationsdynamiken werden.

  11. Entwickle mehr Sinn für Humor. Erzähl Witze, lies lustige Seiten, erzähl anderen davon.
    Humor ist ein großartiger Partner in Sachen Stabilisierung des Immunsystems.
  12. Nehmt euch Zeit, miteinander über eure Gefühle, inneren Konflikte, Ängste zu sprechen.
    Nehmt das ruhig auch als Ritual in eure Home Office-Gespräche mit auf.
    Eine halbe Stunde am Tag, um kurz miteinander zu sprechen: Wie geht es dir, wie geht es mir?
    So schafft ihr nicht nur entspanntere Atmosphären, es stärkt auch die Solidarität untereinander.
  13. Ernähre dich so gesund, wie du das unter diesen Voraussetzungen kannst.
    Nahrung wirkt bewusstseinsverändernd.
    Aber gönn dir auch das Stück Schokolade.
  14. Je mehr Rituale du einführst, desto leichter wird es dir fallen, mit den veränderten Bedingungen umzugehen.
    Wir sind Gewohnheitstiere, unsere Routinen nehmen uns Denken ab. Sie sind eine evolutionäre Errungenschaft.
    Rituale helfen dabei, Werte zu implementieren und Verhaltensroutinen an ihnen zu entwickeln und zu stabilisieren.
  15. Führ laute Selbstgespräche.
    Du hast richtig gehört.
    Über laute Selbstgespräche kannst du leichter deine inneren Zeichenprozesse reflektieren, und es gelingt dir auch besser, deinen Sprachgewohnheiten zuzuhören.
  16. Arbeite bewusst daran, Kriegssprache und hohle Metaphorik zu vermeiden.
    Was ich damit meine?
    Alles, was abgrenzen soll, wo Abgrenzen nicht weiterhilft, und alles, was in keiner Weise operational funktioniert.
    Achte auf deine Rhetorik: Welche Funktion soll sie erfüllen? Was tut sie gerade für dich?
  17. Mach dir klar: Wir sind, was wir tun.
    Du erkennst dich selbst, Andere, Unternehmen, Organisationen … genau daran.
    Umgekehrt heißt das: Du kannst dich über deine Routinen verändern und Krisen als Chancen begreifen, wenn du dir ansiehst, was du tatsächlich tust, wie du tatsächlich kommunizierst und wie du denkst.
    Änder das in kleinen Schritten, wenn du dich unglücklich damit fühlst, und über solche Baby-Steps kannst du kleine und auch große Veränderungen in deinem Leben bewirken und/oder dich an sie anpassen.
  18. Scheu dich auf keinen Fall davor, professionelle Hilfe zu suchen, wenn du merkst, du bist überfordert.
    Werfen wir diesen dummen Glaubenssatz über Bord, dass Menschen, die Hilfe suchen, schwach sind.
    Das Gegenteil ist der Fall: Es sind die Mutigen, die ihre Furcht überwinden, sich vor Anderen zu entblößen und ihre Schwächen zu zeigen.
    Denk immer daran: Das hier ist die Emergenz. Das hier ist das Neuland, von dem schon vorher immer Alle gesprochen und die Meisten geglaubt haben, sie kennen sich darin aus.

Ich habe einen Podcast eingerichtet, in dem ich vor allem auf die Konfliktdynamiken eingehe, in die wir durch sprachliche Unaufmerksamkeiten segeln. Abonniere einfach den FORMWELT-Media-Kanal, wo du nicht nur den Podcast findest, sondern auch spannende Unterhaltungen und kleine Videos mit wichtigen Grundbegriffen aus Systemik und Kybernetik.

In diesem Blog findest du viele Artikel rund um das Thema Komplexitätsmanagement, wie Systeme funktionieren, Ideologie und Wirklichkeitsemulation, die dir dabei helfen können, dich und dein Kommunikationsverhalten besser zu reflektieren. Die Artikel sind in bedeutungsgepresster Sprache geschrieben, so dass du etwas aufmerksamer lesen musst, als du das möglicherweise gewöhnt bist. Lies sie wiederholt, und es wird sich dir mehr erschließen. Die Artikel sind nicht zum Zustimmen, sondern zum Mitmachen geschrieben. Crossreferenzen helfen dir dabei, dich langsam tiefer in Kybernetik 3. Ordnung einzuschwingen und dich so entspannter in Wirklichkeitsemulation bewegen zu können.

Wenn du Fragen und weitere Ideen hast, schreib mir: gitta.peyn[at]formwelt.info und/oder nutze die Kommentarfunktion in diesem Blog.

Bleib gesund und viel Erfolg!

 

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