Fritz B. Simon: Formen (Umschlag)
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Freie Assoziationen / Anmerkungen / undsoweiter

Fritz B. Simon

Wozu das alles?

Das im Carl-Auer-Verlag von mir publizierte Buch „Formen“ beschäftigt sich auf einer ganz allgemeinen – d.h. formalen – Ebene mit der Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen dem Organismus des Menschen, seiner Psyche und den sozialen Systemen, in denen er lebt bzw. an denen er sich beteiligt – genauer gesagt: den Wechselbeziehungen zwischen der Dynamik biologischer Prozesse, der individuellen Psychodynamik und den Kommunikationsmustern in gesellschaftlichen Systemen.

Da diese Fragestellung sehr allgemein gehalten ist, war die Fokussierung der Aufmerksamkeit und eine entsprechende Schwerpunktsetzung nicht zu vermeiden. Sie war geleitet von meinen, im Laufe meines professionellen Lebens entwickelten Interessen als Psychiater, Organisationsberater und Bürger.

Das theoretische Rüstzeug zur Bearbeitung dieser Fragestellungen lieferten Konstruktivismus und Systemtheorie. Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit, in den Nach-1968er-Jahren, herrschte in der Psychiatrie heftiger Streit der Ideologien: Auf der einen Seite des Spektrums diskutierte die Antipsychiatrie, wie kapitalistische Produktionsverhältnisse den Wahnsinn des Individuums produzieren, und auf der anderen Seite des Spektrums vertraten Biopsychiater ganz traditionell die These, „Geisteskrankheiten“ seien Krankheiten des Gehirns, und in der Mitte, irgendwo zwischendrin, meinten Sozialpsychiater, es seien die Institutionen, d.h. die Organisation der Psychiatrie, die für das Elend und die Chronifizierung der Anstaltsinsassen verantwortlich zu machen sind.

Die Theorien, auf die sie sich jeweils bezogen, operierten auf ganz unterschiedlichen Abstraktionsebenen, was ihren Wert für den Praktiker reduzierte. Sollte der Psychiater, der alltäglich mit Leuten zu tun hatte, die sich irgendwie „verrückt“ verhalten, darauf warten, dass der Kapitalismus überwunden wird? Oder sollte er seine Hoffnung darauf setzen, dass – wie alle paar Wochen verkündet wurde (und immer noch wird) – endlich die biologische Ursache „der“ Schizophrenie gefunden ist und das dazu passende Pharmakon? Alternativen, die wenig überzeugend waren und es immer noch nicht sind…

Systemtheorie und Konstruktivismus lieferten hingegen einen hinreichend abstrakten, transdisziplinären Rahmen, der in Biologie, Psychologie und Soziologie verwendbar war und sich jeweils, den konkreten praktischen Fragestellungen entsprechend mit Inhalten füllen ließ. Das bestätigte sich für mich später auch in der Organisationsforschung und Organisationsberatung.

Das generelle Problem ist ja, dass jeder Mensch es im Alltag mit unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit zu tun hat, die unterschiedlichen Spielregeln und Logiken folgen und nicht im Sinne geradliniger Ursache-Wirkungs-Beziehungen aufeinander zurückgeführt werden können. Konstruktivistische Ansätze werden der Situation des Menschen, dass er als Beobachter durch die Welt geht, der nicht alles gleichzeitig beobachten kann und eine Auswahl treffen muss, in besonderer Weise gerecht. Sie bilden auch die Grundlage für die Beantwortung der Frage, wie die Art des Beobachtens das beeinflusst, was beobachtet wird. Die Systemtheorie kann aufgrund ihrer Abstraktheit genutzt werden, um Wechselbeziehungen zwischen beobachtenden und beobachteten Systemen zu analysieren, auch wenn sie unterschiedlicher Materialität sein sollten. Da es um ziemlich abstrakte Fragestellungen geht, fallen die im Buch präsentierten Bestrebungen, Antworten zu finden, auch ziemlich abstrakt aus. Ich habe dabei so gearbeitet, wie ein begeisterter Kleingärtner seinen Rasen mäht, wenn er zunächst eine senkrechte Spur legt, dann eine waagrechte, dann wider eine senkrechte usw., und am Schluss auch noch die Kanten von übrig gebliebenen Grashalmen mit der Schere zu befreien versucht. Anders gesagt: Ich habe keinerlei Versuche unternommen, meine eigene Zwanghaftigkeit unter Kontrolle zu bekommen. Das hat im besten Fall zwar zu einer gewissen Präzision von Formulierungen geführt (hoffe ich), im schlechtesten zu überflüssigen Redundanzen und kleinkarierter Betonung von Unterschieden, über die man im Alltagsdiskurs ohne Weiteres hinweggehen kann (befürchte ich).

Doch dieses um Genauigkeit und Präzision bemühte Denken ist nur die eine Art, sich den genannten Phänomenen anzunähern. Von Gregory Bateson stammt die Unterscheidung zwischen strengem und lockerem Denken. Das erste bemüht sich möglichst logisch konsistent – ziemlich streng eben – zu sein. Idealerweise kommt es zu Schlüssen, die den Anspruch haben, interpersonell nachvollziehbar zu sein, unabhängig vom Ort und Zeit, an denen ihr Autor sie formuliert, und auch unabhängig von seinen persönlichen Macken. Wer bestimmt Schlussregeln befolgt, sollte im Großen und Ganzen zu denselben Ergebnissen kommen. Das zweite folgt eher dem Modell der freien Assoziation, was eine (andere) Grundlage von Kreativität darstellt. Es ist ganz und gar abhängig von seinem Autor, d.h. subjektiv, bestimmt durch seine Geschichte, abhängig von dem Ort und der Zeit, an dem es sich (selbstorganisiert) entwickelt.

Da es, wie ich finde, ideal, aber auch paradox wäre, diese beiden Formen des Denkens gleichzeitig zu realisieren, habe ich versucht, das gedruckte Buch im Sinne des strengen Denkens zu verfassen, d.h. ohne Schnörkel und sonstiges Brimborium. Ein gedruckter Text stellt auch ein Medium dar, das den Anspruch auf eine gewisse Dauerhaftigkeit der Gültigkeit der Aussagen symbolisiert. Wer schreibt, der bleibt, oder anders gesagt: Was geschrieben ist, bleibt reproduzierbar über Zeit und Raum. Fest gekoppelte Sätze als Elemente eines Textes. Einmal gedruckt, fest gekoppelt mit dem Papier, auf dem sie zu lesen sind, haltbar bis zu dessen Makulierung…

Doch das repräsentiert ja nur die eine, strenge Seite des Denkens. Daher habe ich beschlossen (und der Verlag war einverstanden), einen zweiten, lockeren Teil zu verfassen, der aus meinen freien Assoziationen und Kommentaren und Einfällen, manchmal auch Erklärungen zum ersten Teil besteht und im Internet publiziert wird. Er hat die Gestalt eines Blogs, so dass auch die Leser die Möglichkeit haben, ihr Kommentare, freien Assoziationen, Diskussionen, Pöbeleien (was immer) anzufügen. All das erfolgt in einem Medium, das Texte flexibel, leicht zu ändern und/oder zu ergänzen macht. Dieser Buchblog wird auf der Website der Carl-Auer-Akademie zu lesen und zu füllen sein.

Das Buch besteht aus durchnummerierten Sätzen. Im Blog wird von mir nicht zu allen Sätzen etwas geschrieben, aber die Sätze, zu denen ich etwas geschrieben habe, werden jeweils mit der Nummer genannt. Auch die Nummern der von mir nicht weiter kommentierten Sätze sind aber offen für Kommentare – von den Lesern oder irgendwann später von mir. Hier mag dann auch von Lesern der eine oder andere Literaturverweis eingefügt werden (idealerweise mit Namen des Autors/der Autorin, Jahreszahl, Zeitschrift/Verlag, Seitenzahl), so dass, wer mag, dort weiterlesen kann…

Da ich mich in den vier Wochen, als ich beim Korrigieren der Druckfahnen meine aktuellen freien Assoziationen dazu niedergeschrieben, manchmal mit Fotos oder auch Links etc. versetzt habe, in Rom aufgehalten habe, sind diese Texte ziemlich romlastig geworden. Aber so ist das eben mit freien Assoziationen: Sie sind abhängig von Ort und Zeit (und damit auch vom Wetter, dem Strassenverkehr usw.). Und es mag sein, dass mir ganz andere Einfälle kommen, wenn ich die Diskussionsbeiträge, Anmerkungen, Fragen, Verrisse im Netz lese.

Wenn das Buch schon ein Work in Progress ist, dann ist es der hier folgende Teil mit den freien Assoziationen dazu erst recht…

Zum Schluss noch ein Tipp zum Arbeiten mit dem Blog: Am einfachsten sind die Satznummern über die Sitemap zu finden. Dort ist auch zu sehen, wo ich schon etwas geschrieben oder anderweitig beigesteuert habe… (die Satznummer ist mit fbs gekennzeichnet).