Wirklichkeitsemulation – zum Begriff

Einige fassen Emulation nur aus Richtung der Computerwissenschaften, andere greifen sie nur aus Richtung unserer eigenen konstruktiven, träumerischen, imaginativen Fähigkeiten.

Beides ist zu kurz gedacht.

Die Konstruktion unseres Emulationsbegriffs setzt auf Konzepten Turings und Churchs zur Universellen Turingmaschine und Universellen Berechenbarkeit auf.

Emulation bedeutet Rekonstruktion eines Systems in einem System.

Der zweite Teil von uFORM iFORM, Systemischer Realkonstruktivismus, illustriert den Begriff en detail – die SelFis, decisionFORMs, lifeFORMs und mindFORMs realisieren ihn. Viele denken bei Emulation an Simulation (hinreichend ähnliche Rekonstruktion eines Systems in einem anderen System) und Nachahmung. Das ist viel zu trivial.

Im System (re)konstruierte Systeme können weniger komplex sein und sie können Komplexität steigern. Die Behauptung, emulierte Systeme würden der Wirklichkeit vor Ort, beispielsweise der sozialer Systeme, nicht gerecht, steht leer im Raum. Sehr simpel konstruierte Systeme wie uniTuringRe und Rule110 sind in ihrer Vernetzungskapazität hoch komplex. Sie sind von außen nicht vorhersagbar und können sich auch selbst nicht vorhersagen. Sie entwickeln sich nur als Gesamtheit. Gerade diese Eigenschaften ermöglichen es so beschaffenen Systemen, andere Systeme auf Basis von Computation zu emulieren. Diese Systeme entstehen aus natürlichen Mitteln in uns selbst. Wir haben sie erfunden, also folgt: Es handelt sich bei ihnen um von Menschen hervorgebrachte Phänomene, und wie wir aus Natur erwachsen sind, so sind sie es auch. Sie wurden im Leben angelegt. Hier eröffnet sich eine interessante Unterscheidungsmöglichkeit zwischen kreativ intelligenten und konditioniert intelligenten LebensFORMen, die uns dabei helfen kann, unsere Vorstellungen von Intelligenz und reflexiver Intelligenz zu erweitern und zu präzisieren.

Wir sind an einer Stufe angekommen, auf der wir solche Phänomene bewusst hervorbringen und mit ihnen wechselseitig interagieren können. Die Re-entries sind nicht vereinzelt oder dimensional begrenzt. Die Technologie wächst, die Verbreitung wächst, die Menschen vernetzen sich immer mehr – und die technische Unterfütterung der noch als pur empfundenen Wirklichkeit vor Ort, die Invisibilisierung der Wirklichkeitsemulation erfahren wir überall. Ein alltägliches Beispiel: Wir sind in der Stadt und rufen über Internet einen Uber-Fahrer, der nutzt GPS, um uns zu finden. Was wir als wirklich empfinden, ist nicht mehr unbetroffen von Wirklichkeitsemulation, weshalb es immer wichtiger wird, dass wir uns dessen bewusst werden, sonst leben wir zunehmend in einer Welt, deren Zustandekommen uns intransparent geworden ist und kommen zu viel zu kurz gegriffenen Schlüssen, wie das Nutzen von Fake News (derzeit so bigly in Amerika populiert) als Trotzreaktion zu verstehen.

Wir sprechen über einen Phänomenkomplex, der immer wieder deterministisches Chaos auswerfen wird.

Wir können nur lernen, uns darin zu orientieren und komplexer zu denken und zu handeln. Ein stereotypes Denken, das uns suggeriert, wir sollten es besser nicht hochkochen, denn es geht ja wieder vorbei, wie eine Art Technopubertät, stumpft uns nur ab. Das hier wird sich nicht von allein ausregulieren …

Berechenbarkeit muss nicht Vorhersagbarkeit meinen. Manche Berechnungen nutzen wir zur Vorhersage, andere, wie die Berechnung eines Bildes durch unsere Digitalkamera, eher nicht.

Über Berechenbarkeit wissen wir dank Turing und Church und Gödel und vielen anderen, dass wir noch nicht wissen, ob sie beendet werden kann. Noch! Das bedeutet: Unbestimmt! Die Aussage „Das ist nicht berechenbar!“ oder sogar noch genereller „Das wird nie berechenbar sein!“ greift viel zu weit und verliert in diesem Versuch ihren Halt. Was wir hingegen sinnvoll formulieren können, ist: „Das ist noch nicht berechenbar!“ Dann müssen wir eben mit dieser Unsicherheit/Unbestimmtheit leben und klarkommen.

Die Tür, die damals Turing, Church und Gödel mit Hilfe von Hilbert, Russell und Whitehead aufgestoßen haben, schwingt nicht nur in eine Richtung, sondern in beide. Die Frage lautete, ob es möglich wäre, die Mathematik vollständig aus sich selbst heraus zu fundieren und damit deutlich abzugrenzen, was mathematisierbar ist und was nicht. Das spannende Ergebnis: Es klappt nicht! Moderne Mathematik und Informatik arbeiten mit einem grundlegend intuitiven Begriff von Computation (Church-Turing-These). Das müsst Ihr Euch mal durch den Kopf gehen lassen!

Mathematik ist keine für sich, in sich und auf sich limitierte Kunst und Wissenschaft, sondern sie durchdringt unser ganzes Leben.

Heute emulieren nicht mehr nur Menschen, sondern auch Maschinen. Digitalkamera und Fotobearbeitungssoftware im iPhone emulieren mechanischen Fotoapparat und chemische Entwicklung, beide selbst wiederum Emulation der camera obscura. Mehr noch, schwappen Emulationen von Maschinen und Emulationen von Menschen und Maschinen heute so in unsere Wirklichkeit(skonstruktion) hinein, dass es Vielen und vielenteils nicht mehr möglich ist, zwischen Wirklichkeit vor Ort (natürlicher Wirklichkeit) und emulierter Wirklichkeit (künstlicher, imaginierter Wirklichkeit) zu unterscheiden. Ich habe hierzu im ersten Teil meiner Serie mit der Börse einen Fall beschrieben, dessen Konsequenzen unser aller Leben berühren. Im Versuch, Wirklichkeit vor Ort von emulierter Wirklichkeit zu trennen, neigen wir zu dysfunktionaler Unsicherheits-/Komplexitätsreduktion. Hier scheinen sich viele die „echte“, die wirkliche Wirklichkeit wieder zurückzuwünschen.

Mit fraktalen Algorithmen schaffen Filmemacher heute Berge, die auf so manchen Zuschauer realistischer wirken als natürliche. Menschen, die große Teile ihrer Wirklichkeitskonstruktion und Wirklichkeitserwartung auf computergestützte Animationen und Filme bauen, empfinden vielleicht sogar die ehemals so monumentalen Pyramiden als klein, gar gekünstelt.

Wenn es nicht mehr möglich ist, zwischen Fact und Fancy orientierungsfunktional zu unterscheiden, dann weil zu viele von uns aufgegeben haben zu versuchen, Unterscheidungskriterien zu formulieren und an Respezifikation zu arbeiten.

Das augenblickliche Problem: Menschen ohne tiefere Kenntnis moderner Technik und Technologie versuchen sich in Verortung von Phänomen, Mensch und Gesellschaft im kulturellen Prozess und be-greifen die Dysfunktionalität des Digitalisierungsbegriffs nicht, eben weil es ihnen an Wissen und Erfahrung (im Programmieren und Emulieren) fehlt.

Anderen wiederum mangelt es an Wissen über und Erfahrung im Arbeiten mit moderne(r) geisteswissenschaftliche(r) Systemtheorie. So bleiben ihre Hypothesen zu den Möglichkeiten von Technik und Technologie im mechanistischen Menschen- und Gesellschaftsbild hängen (Stichwort „Singularity“). Hier wurden und werden immer noch große Summen in Projekten verpulvert, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind (nur ein Beispiel: Die Simulation des Gehirns – Kritik von Miguel Nicolelis und Ronald Cicurel).

Ohne transdisziplinäres Denken, Wissen und praktisches Handeln bleibt die Begriffsbildung in der einen oder anderen Wirklichkeitskonstruktion stecken und kann die Wucht der Emergenz, die mit Wirklichkeitsemulation kommt, nicht realisieren.

Die FORM des Begriffes können wir nur zusammenwirkend fassen. Sicher, emuliert haben wir Hominiden, seit wir träumen können. Sicher, Comuteremulation ist ein Phänomen in Digitalisierung. Doch mit der Symbiose kommt eine emergente FORM, die sich weder von der einen, noch von der anderen Seite allein und vollständig fassen lässt. Und diese Emergenz bestimmt die Herausforderungen unserer Zeit. Hier kristallisiert sich eine ernste Frage heraus: die nach Mensch/Sein in Wirklichkeitsemulation. Was sind unsere besonderen Fähigkeiten? Solange nur in Konzepten von Digitalisierung gedacht wird, werden mögliche Antworten in/mit dysfunktionaler Abgrenzung beschränkt. Eine funktionierende Antwort lautet derzeit (noch): Im Vergleich zum Computer ist der Mensch fähiger in Chaosmanagement und Unbestimmtheitsorganisation.

„Noch!“ FORMWELT, uFORM iFORM und andere vergleichbar transdisziplinär und systemisch arbeitende Wissenschaften und Technologien können auch das ändern. Wer sich hierfür Visionen ausmalt, kann bei multidimensionaler Verwicklung und Symbiose von Mensch und Maschine ankommen, welche die Fragen danach, wer was besser kann oder ob der Mensch „ersetzt“ werden wird, albern aussehen lassen. Darum geht es gar nicht. Emergenz bedeutet die Fortführung der Komplexität auf einer anderen Ebene.

Wenn wir erkannt haben, dass die besonderen Fähigkeiten des Menschen in Chaosmanagement und Unbestimmtheitsorganisation liegen, dann wird klar, dass ihm sein Versuch, Innovation zu bremsen oder zu hindern, nur schadet, weil er Neuentwicklungen braucht, um diese Fähigkeiten zu trainieren und auszubauen.

Funktionale begreifensFORMen für funktionale Orientierung und funktionale Problembeschreibungen.
Emergenz bedeutet Dazulernen.
So oder so.

20 Gedanken zu “Wirklichkeitsemulation – zum Begriff

      • Mach ich, danke! 🙂

        Weiß nicht, ob ich damit allein dasteh das nicht verknüpfen zu können, aber sonst wär ein Link im Text sehr schick 😉

      • Gute Anregung. Ich habe einen Link zu der SelFi-Seite auf uformiform gesetzt. Dort kann man sich Videos zu SelFis downloaden. In den kommenden Tagen werden wir dort auch mindFORMs ablegen. Einen Artikel dazu wird es von mir ebenfalls geben. Nicht, dass einer denkt, wir wären fertig …

  1. „Wir sind an einer Stufe angekommen, auf der wir solche Phänomene bewusst hervorbringen und mit ihnen wechselseitig interagieren können. “

    Was heißt Stufe?
    Äon[Individuum >> Sozial >> Kulturell] ?

    Denke mir, dass das, dank dem New-Age Vokabular-Genozid, an generischen
    Begriffen nicht mehr viel Unbelastetes übrig bleibt. Ne Stufe kann gern breit sein,
    aber ich würde gern wissen welche Nachbarn sie hat.

    Politisch kann ich bspw. argumentieren, dass wir früher nicht die technischen Möglichkeiten
    hatten um als Individuum/Masse über weitere Strecken zu kommunizieren und deshalb waren
    Vertreter nötig. Mittlerweile haben wir die technischen Möglichkeiten dies anders umzusetzen,
    deshalb muss das Konzept einer Führung hinterfragt werden.

    Also in die Richtung meine Frage, wie du diese, systemisch bedingt, notwendige Stufe definierst
    und in wie fern sie abgegrenzt ist – während mir klar ist, dass ich eine spezifische Perspektive
    beschrieben hab, muss das auch generalisiert/abstrahiert passiert sein.

    • Sesshaftwerdung | Städtebildung | Industrialisierung | Wirklichkeitsemulation …
      Ich hatte einen Teil zu Mindset und Ära vor, bin aber noch nicht dazu gekommen.

  2. „Das ist nicht berechenbar!“

    Vieles wird aktuell einfach per Number-Crunching und Brute-Force „errechnet“.
    Man sehe sich nur den Ablauf einer Fourier Transformation an.
    Mathematik ist bei weitem noch nicht am Ende – so hoffe ich zumindest 🙂

    • Ich hatte gehofft, dass durch meinen Artikel deutlich wird, dass die in beide Richtungen schwingende Tür dazu auffordert, den Stellenwert der Mathematik neu zu errechnen (Franz Friczewski).
      Die augenblickliche Tragödie des komplexitätsüberforderten Menschen und seiner Unfähigkeit, um nicht zu sagen Unwilligkeit, zu re-spezifizieren hat auch mit einem Bildungssystem zu tun, das die Mathematik aus den Kindern austreibt wie einen Dämon. Geboren sind wir alle spielerisch fähig zu ihr – genauso wie zu systemischem Denken. Kybernetik halt.

      https://www.gitta-peyn.de/meinungsoverflow-und-gefallensentscheidungen-haben-wir-ein-kompetenzproblem/

  3. Liebe Gitta, das ist hilfreich, danke.

    Mir hilft es, zu unterscheiden zwischen Be- und Er-rechnen (ich weiß nicht, ob diese Unterscheidung üblich ist, ich denke eher nicht).

    Be-rechnen heißt für mich, eine Rechnung vorzunehmen, die jeder andere jederzeit wiederholen kann und dabei idealer Weise zum selben Ergebnis kommt, z. B. wie viel Treibstoff die Rakete X für einen Flug zum Mond braucht.

    Er-rechnen dagegen heißt: im „Dialog“ oder in Resonanz mit mindestens einem weiteren Beteiligten mittels An- und Umordnen von Zeichen hier-und-jetzt in einem iterativen rekursiven Prozess gegenwärtige mit künftigen Ereignissen zu verknüpfen und so eine (sinnvolle) Wirklichkeit zu er-rechnen (emulieren).

    Ein Beispiel wäre der „Dialog“ zwischen meinem Auto-Navi und dem Satelliten.
    Oder: mit Heinz von Foerster kann man Kognition als einen nie an ein Ende kommenden rekursiven Prozess des Errechnens einer Wirklichkeit ansehen. „Dieses Spiel geht nur zu zweit“. HvF: „Kognition errechnet ihre eigenen Kognitionen durch die Kognition eines anderen.“ HvF verwies dazu immer auf den doppelten Uroboros. Eine Schlange, die in den Schwanz einer anderen Schlange beißt, so als ob es ihr eigener wäre.

    • Danke, lieber Franz.
      Interessante Idee. Innere Dialoge gehören auch zu Errechnen?
      Co-Evolution: Ich erinnere an meine Einführung in uFORM iFORM.
      Ja, die Arbeiten von HvF haben uns auch stark motiviert.

      Es (Anm. v. heute: in komplexen Re-entry-FORMen, Psyche und Kommunikation in Co-Evolution)
      ist das Denken, das sich
      ganz natürlich in unserem Gravitationsschacht, auf unserem
      Planeten Erde, entwickelt hat. Es ist das Denken, das evolutionär
      gewachsen ist. Schauen wir zurück in unserer menschlichen
      Entwicklung, erblicken wir in den sich spiegelnden Oberflächen
      unserer Evolutionsspirale den Affen, das Reptil, den Fisch, die
      Amöbe. Weder sind wir die Krone der Schöpfung, noch sind
      wir einfach von unseren tierischen Vorfahren zu trennen. Die
      Re-entry-Formen, die Ralf beschreibt, vorführt und zum Leben
      erweckt, sind das Resultat unserer Entstehung auf diesem Planeten,
      und ihre Regeln gelten nicht nur für den Menschen. Unsere
      Kognitionsleistung ist nicht aus dem Nichts entstanden, und
      wenn wir sie als emergent begreifen wollen, müssen wir erkennen,
      dass die Emergenz immer etwas mit dem System zu tun
      hat, dem sie entspringt.
      Unsere Entscheidungsprogramme sind evolutionär gewachsen.
      Mehr noch, sind wir entstanden auf einer durch unsere Vorfahren
      terrageformten Welt. Wir wandern über die Alpen und
      erinnern uns dabei an das, was sich unter unseren Füßen befindet:
      plattentektonisch (die so genannte „Alpidische Orogonese“
      oder „Faltung“) aufgeworfene Produkte organischen Lebens (sedimentierter
      Kalkstein, entstanden aus Fischskeletten und aus
      Ausscheidungen und Schalen von Muscheln, Algen, Korallen)
      und Petrifizierungen, die eventuell noch organische Restsubstanz
      enthalten – im Kurztext: Fossilien, Kalk-, Ton-, Sand- und
      Schotterablagerungen. Und das ist nur ein Beispiel dafür, dass
      sich Evolution nicht von Umwelt trennen lässt, in die eingebettet
      und mit ihr interagierend sie stattgefunden hat und immer
      noch stattfindet. Planet und Leben sind in Interaktion. Der Planet
      formt das Leben, das Leben den Planeten – und Emergenz,
      wie menschliches Bewusstsein, gehört dazu. …

      Aus: https://downloads.gitta-peyn.de/uFORMiFORM_Einfuehrung.pdf

      • Kognition fasse ich als einen Dialog zwischen zwei Weisen des Nach- und Vor-Ahmens von Eigenbewegung, die ich Mimikry (zuverlässiges Er-rechnen immer gleicher Ergebnisse) und Mimesis (Rechnen mit neuartigen Mustern) nenne.

        Um in diesem Dialog nicht hängen zu bleiben, müssen wir bewusst „respezfizieren“, wie Du sagst. Sonst geht es uns wie Odysseus, dem es nicht gelang, unversehrt zwischen den beiden Ungeheuern Skylla und Charybdis zu navigieren. Ob ihm ein Navi dabei geholfen hätte, bezweifle ich…

      • Thanks. Mit Respezifizieren meine ich vor allem erst einmal, hinzugehen und in der neuen oder emergenten Komplexität Landmarken aufzustellen, anstatt sich nur mit Matsch zufrieden zu geben. Unbestimmtheit verstehe ich als Herausforderung. In Deinem Modell als Herausforderung, Mimesis nicht zu vernachlässigen? Ich denke hierbei an die trivialisierende Aussage „Es ist halt unbestimmt/komplex/kontingent!“, die sich selbst Komplexität und Kontingenz verweigert (was plattgetreten wird, ist Matsch, nicht das unentdeckte Land), die beispielsweise aus anderem Dialog folgen kann und die ein Publikum denk- und handlungszudeterminieren versucht, das sich entsprechend anpasst. Wo also Mimikry konditioniert werden soll und Mimesis reduziert.

  4. Liebe Gitta,
    Dein Hinweis, dass wir Emulation von Wirklichkeit aus zwei unterschiedlichen Richtungen greifen können, ist wichtig für ein Verständnis; ebenso, dass beides je für sich genommen zu kurz greift.
    Die entscheidende Frage, und ich glaube, genau hier hakt es noch bei Vielen, ist, wie wir das Muster denken können, das beide Weisen des Emulierens verbindet.
    Das Muster lässt sich am besten aus der Evolution verstehen, wie Du das ja auch tust. Denn Evolution ist ja nicht einfach nur Geschichte (d. h. vergangen und daher nicht mehr relevant), sondern wir ver-körpern – Schicht für Schicht – diese Ge-schichte.
    Ich will das mal in wenigen, groben Pinselstrichen skizzieren.

    Als Menschen vor sagen wir mal 50.000 Jahren aus ihrer mimetischen Kultur heraus anfingen, Wort-Sprache (Referenzsprache) zu entwickeln, emulierten sie INNERHALB ihrer individuellen kognitiven Systeme (Bewusstsein) eine neue Wirklichkeit, die ihnen – scheinbar unabhängig von ihnen – als GESELLSCHAFT gegenübertrat (archaische Stammesgesellschaft).

    Mit dem Sesshaft-Werden wurde exaktes Beobachten von Naturvorgängen wichtig. So emulierten die Menschen INNERHALB dieser ihrer sozialen Wirklichkeit die Wirklichkeit eines KOSMOS, in dem die Naturkräfte frei von Mythen (die mehr oder weniger beliebig mal so und mal so erzählt werden) ineinander greifen, d. h. nach Art einer „Maschine“. Unter „Maschine“ verstehe ich dabei grundsätzlich die zweck-mäßige Anordnung genau definierter („genormter“) „Dinge“, deren Verhalten einem (im Prinzip digitalisierbaren) Algorithmus folgt, und nicht dem, was sie spontan, von sich aus tun würden. Die Himmelsscheibe von Nebra ist ein Ausdruck dieses neuen, rationalen Denkens.

    Vor ca. 5000 Jahren begannen dann Menschen (im Vorderen Orient) INNERHALB dieses Kosmos eine weitere Wirklichkeit zu emulieren, genannt „STAAT“. Das war der von den Menschen im alten Ägypten erstmals erzählte Mythos der „Großen Maschine“. Er besagt, das naturwüchsige (= tradierte) soziale Beziehungs-Geflecht ließe sich wie eine Maschine synthetisch neu zusammensetzen, sodass es von außen – durch einen Macht-Haber – gesteuert werden kann, wenn man nur weiß, wie.

    Dieser Mythos bildet bis heute die Blaupause, den Bauplan, das Programm, nach dem auch wir heute immer noch unsere Wirklichkeit emulieren / errechnen. Die Zwischenschritte von damals bis heute (GELD + Markt sowie KAPITAL als Verbindung von Geld + Maschine) möchte ich übergehen, wenngleich sie zum Verständnis unserer heutigen Situation eigentlich unerlässlich sind.
    Heute blicken wir teils erschrocken, teils gelähmt-fasziniert auf eine INNERHALB der von Markt+Kapital+Maschine emulierten Wirklichkeit von COMPUTERN emulierte Wirklichkeit, die unser lebendiges Erleben und Handeln scheinbar spurlos verschluckt.
    Alles hängt heute davon ab, dass wir die beiden Seiten des Emulierens (ich nenne sie Mimikry und Mimesis) bewusst zusammenkriegen.

    Das erinnert an die klassische Erzählung von Odysseus, der auf seiner Irrfahrt auf dem lagen Weg nach Hause mit seinem Schiff einen Weg zwischen zwei todbringenden Ungeheuern, Skylla und Charybdis, finden musste. Skylla ist ein sechsköpfiges, zähnebewaffnetes Ungeheuer, das alles Lebendige verschlingt, das ihm zu nahe kommt. Charybdis dagegen ist der Schlund des Chaos, ein riesiger Wasserstrudel, der alles in die Tiefe zieht. Dem „listigen“, d. h. an Mimikry und Technik orientierten Odysseus gelang das, wenn wir Homer folgen, mehr schlecht als recht. Gebannt vor Schrecken (oder Faszination?) starrte er auf das nackte Chaos, das Bild der alles verschlingenden Charybdis, und realisierte zu spät, dass das Ungeheuer Skylla inzwischen sich mehrere seiner Gefährten griff und sie bei lebendigem Leib verschlang. Ich finde das ein treffendes Bild für die Situation, in der wir uns heute befinden.

    Wenn es uns heute nicht so ergehen soll wie damals Odysseus, dann müssen wir uns immer wieder klar machen, dass die bunten Bildschirm-Oberflächen, die uns scheinbar die Welt erklären, nichts anderes sind als die dinglichen Formen unserer eigenen wunschgeleiteten Erklärungen, die uns mimikry-artig eine objektive, d. h. von unserem Handeln unabhängig existierende Welt vor-täuschen.

    • @vor 50.000 Jahren. Woher kommt diese Zahl?
      Wie hat sich der Homo erectus in Gruppen für seine langen Einwanderungsmärsche organisiert? Wie haben diese Frühmenschen Werkzeuge gebaut und das auch noch (wichtig) aufeinander aufbauend? Wie kam es zu Grabbeigaben bei Neandertalern?
      Mit Signalsprache? Ist Wort-Sprache Referenzsprache gleichzusetzen?
      Wer eng mit Pferden, Hunden, Katzen, Ratten, Delphinen arbeitet, sieht sich auch da vor die Frage gestellt: „Wie schafft es mein Kater, mit mir so zu interagieren, dass wir gemeinsam eine stabile und ritualisierte Beziehung aufbauen?“

      @Exaktes Beobachten von Naturvorgängen.
      Das war auch vorher wichtig. Wir haben das Mindset nicht mehr, um uns das vorstellen zu können, wie Menschen vor Sesshaftwerdung mit/in Natur gelebt haben. Es ist die Art der Beobachtung der Naturvorgänge, die sich in den verschiedenen Ären der Menschheitsentwicklung verändert hat, nicht ein „Mehr“ oder „Weniger“. Es handelt sich um eine qualitative Veränderung.

      Daher die, wie ich finde wichtige, Anregung:
      Die Behauptung, emulierte Systeme würden der Wirklichkeit vor Ort, beispielsweise der sozialer Systeme, nicht gerecht, steht leer im Raum. Sehr simpel konstruierte Systeme wie uniTuringRe und Rule110 sind in ihrer Vernetzungskapazität hoch komplex. Sie sind von außen nicht vorhersagbar und können sich auch selbst nicht vorhersagen. Sie entwickeln sich nur als Gesamtheit. Gerade diese Eigenschaften ermöglichen es so beschaffenen Systemen, andere Systeme auf Basis von Computation zu emulieren. Diese Systeme entstehen aus natürlichen Mitteln in uns selbst. Wir haben sie erfunden, also folgt: Es handelt sich bei ihnen um von Menschen hervorgebrachte Phänomene, und wie wir aus Natur erwachsen sind, so sind sie es auch. Sie wurden im Leben angelegt. Hier eröffnet sich eine interessante Unterscheidungsmöglichkeit zwischen kreativ intelligenten und konditioniert intelligenten LebensFORMen, die uns dabei helfen kann, unsere Vorstellungen von Intelligenz und reflexiver Intelligenz zu erweitern und zu präzisieren.

      • „@vor 50.000 Jahren. Woher kommt diese Zahl?“

        Bei Neandertalern (sie existierten noch vor 50.000 Jahren) geht man so viel ich weiß heute davon aus, dass sie bereits Wort-Sprache entwickelt hatten.
        Auf 50.000 Jahre komme ich, weil der homo sapiens vor ca. 40.000 Jahren (ich rechne halt vorsichtigerweise noch mal 10.000 dazu) eine geradezu sprungartige Entwicklung machte, die sich durch biologische Evolution (Gehirn) nicht annähernd erklären lässt. Abzulesen an Artefakten (Malereien, Musikinstrumente), die heutiger Kunst in nichts nachstehen und die eine entwickelte Symbolsprache voraussetzen.

        „Wie schafft es mein Kater, mit mir so zu interagieren, dass wir gemeinsam eine stabile und ritualisierte Beziehung aufbauen?“
        Gute Frage. In einer Praxis, die Erleben und Handeln im Kontext von Liebe+Spiel verbindet (dazu müsste ich allerdings noch mehr ausführen), können Säugetiere sich in die menschliche Lebensweise ein-fühlen und einbringen.
        Auch an spielenden Hunden, denen wir immer wieder fasziniert zuschauen, zeigt sich, dass ihre an sich rein biologische, triebgebundene Phantasie, die keine bewusste Wahl zulässt, im freien Spiel Züge menschlicher EinBILDungsKraft annimmt.

      • Ich würde in solchen Sprungfolgen nicht denken. Die Entdeckung von etwas und die Entwicklung der Angelegenheit sind nicht dasselbe. Die Co-Evolution von Sprache, Kunst und Kultur sollte mAn in environmental-physio-psycho-social deep time be-griffen werden. Sicherlich bilden sich in Rhythmisierung emergente Muster, das heißt aber nicht, dass wir die früheren Fehler der Anthropologie unbedingt wiederholen müssen.
        Gerade, eben, was wir an Tieren beobachten können, lässt auch über unsere eigene Evolution eine viel weiter gefasste Konzeptionierung zu.

        Wenn ich Artefakte finde (wie beispielsweise die Höhlenmalereien in Lascaux oder in Australien), kann ich argumentieren, dass diese Kunst voraussetzt, dass sich diese Kulturen elaboriersprachlich verständigen konnten, sich also einer Referenzsprache zu bedienen vermochten und sich einander klar mit Worten und Gesten orientiert haben. Aber anhand solcher geografisch begrenzt gefundener Artefakte zu schließen, dass diese sprachlichen Fähigkeiten gerade da erst entstanden sind, greift zu weit.

        Das ist nicht unwichtig, um zu fassen, was heute passiert. Wie sollen wir die Emergenz von Wirklichkeitsemulation adäquat abbilden können, wenn wir uns keine Gedanken über den Weg des Phänomens machen?

        In Sprungfolgen zu denken, lädt eher nicht dazu ein, zum Zustandekommen dysfunktionaler Strukturen funktionale Analysen zu schaffen. Die brauchen wir aber, es sei denn, wir sind der Ansicht, es ist kein Problem, den gleichen Fehler zweimal zu machen.

      • „Wie sollen wir die Emergenz von Wirklichkeitsemulation adäquat abbilden können, wenn wir uns keine Gedanken über den Weg des Phänomens machen?“
        Ja, gut. Genau deshalb habe ich ja noch mal zusätzlich 10.000 Jahre eingerechnet. Da blieb genug Zeit, sich Gedanken zu machen und verschiedene Wege auszuprobieren, die neuen Fähigkeiten auszudrücken. Aber die Idee, sie in Kunst auszudrücken, stand eben erst zur Verfügung, als die Menschen das auch tatsächlich zu ihrer Wiklichkeit machten.
        Wie Du ja selbst schreibst, hat die Emergenz immer etwas mit dem System zu tun, dem sie entspringt.

      • Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass wir noch viel weiter zurückgreifen können. Solche Eskalationen, wie die Artefakte, die wir bis heute fanden, haben nach meiner Vorstellung eine längere Historie. Ich greife in das Thema mit Spekulation und denke über den Fund einer auf vor 40.000 Jahren datierten Flöte und die Höhlenmalereien in Australien, über die zwei großen Out-of-Africawellen und über Zeit und steigendes Tempo von Entwicklung nach.

      • „@Exaktes Beobachten von Naturvorgängen.
        Das war auch vorher wichtig. Wir haben das Mindset nicht mehr, um uns das vorstellen zu können, wie Menschen vor Sesshaftwerdung mit/in Natur gelebt haben. Es ist die Art der Beobachtung der Naturvorgänge, die sich in den verschiedenen Ären der Menschheitsentwicklung verändert hat, nicht ein „Mehr“ oder „Weniger“. Es handelt sich um eine qualitative Veränderung“

        Ja genau das sage ich ja: eine qualitative Veränderung.
        Indigene Völker beobachten Natur heute noch mit einer Genauigkeit, die uns verloren gegangen ist.
        Die Art und Weise der Genauigkeit, wie etwa die „Observatorien“ der Megalithkultur, ist nach dem Sesshaftwerdeneine grundlegend andere.

        Jede Gesellschaft beobachtet Phänomene nach Maßgabe eines (binären) Werts.
        In der Stammeskultur war dieser Wert meiner Theorie zufolge „schön, stimmig“ vs. „hässlich, nicht-stimmig“. Gefühl und EinBILDungsKraft spielten eine entscheidende Rolle.
        Nach dem Sesshaftwerden setzte sich ein grundsätzlich anderer Wert durch: „wahr“ vs. „nicht wahr, falsch“. Der Unterschied liegt darin, dass dieser Wert tendenziell universell ist, nicht an einen kulturellen Kontext gebunden. Gefühl und EinBILDungsKraft waren nicht mehr wichtig. Die Himmelsscheibe von Nebra diente den Menschen der Aunjetitz-Kultur als präzises Messinstrument. Das Wissen dazu stammte aus Mesopotamien.

      • Ich denke, Du hast einen anderen Naturbegriff und möglicherweise auch einen anderen von „Qualität“?
        Ich wollte darauf hinaus, dass für, um Dein Beispiel zu nehmen, (einige) Indigene Völker „Natur“ und „Naturbeobachtung“ etwas völlig anderes ist als für uns.
        Deshalb der Verweis auf Emulation von autopoietischen Systemen im Computer als „im Leben angelegt“ – als natürliches Phänomen.

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